Kunst der Aufklärung - Peking

Nur eine Kunstausstellung, sonst nichts

"Die Kunst der Aufklärung" lautet der Titel einer gigantischen Schau, die ab April im erweiterten Nationalmuseum von Peking zu sehen sein wird. Die Bilder kommen aus deutschen Museen. Im Zentrum des kommunistischen China wird die historische Aufklärung prachtvoll gewürdigt. Ist eine Debatte über die heutige Bedeutung von Toleranz und Menschenrechten vermeidbar?

Niemand möchte von einem brisanten Unternehmen reden. Der Ton ist ausgesucht höflich auf der Pressekonferenz, die letzte Woche Freitag im Chinesischen Kulturzentrum Berlin stattfindet. Auf dem Podium sitzen Museumsdirektoren, Diplomaten, Stiftungssprecher, Sponsoren. Man sieht: ein großes Unternehmen. Und ein politisches dazu. Im April soll das erweiterte Nationalmuseum von Peking mit einer großen Kunstausstellung wieder eröffnet werden. Es wäre für die Chinesen ein Leichtes gewesen, zu diesem Anlass jene prächtigen Mingvasen, Seidengewänder und Kalligrafien, die das Museum zuhauf besitzt, in neuem Glanz zu präsentieren. Man hätte auch eine imposante Renaissance- oder Barockausstellung machen können, in Zusammenarbeit mit französischen oder italienischen Museen.

Doch der Titel der Eröffnungsausstellung, die bis 2012 laufen soll, lautet: "Die Kunst der Aufklärung". Bestritten wird sie mit Werken aus deutschen Museen: Die großen Verbünde von Berlin, Dresden und München werden Hunderte von Bildern und Skulpturen nach Peking schicken, darunter Werke wie "Ausblick ins Elbtal" von Caspar David Friedrich, "Satan und Tod" von Johann Henrich Füssli oder die "Atelierszene" von Marie-Gabrielle Capet, die 1808 15 der namhaftesten Künstler ihrer Zeit porträtierte. Hermann Parzinger, Vorsitzender der Stiftung preußischer Kulturbesitz, kündigte einen "Meilenstein" an – ein Schlagwort, das immer wieder aufgegriffen wurde, und das sich womöglich als selbst erfüllende Prophezeiung erweist.

Aufklärung ist kein kunsthistorischer Begriff; er bezeichnet die Epoche eines geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umbruchs im 18. und 19. Jahrhundert. Unser Verständnis von Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechten basiert darauf. In China herrscht seit Jahrzehnten eine einzige Partei, von Pressefreiheit ist das Land weit entfernt. Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gilt hier als "Krimineller" und sitzt in Haft, Chinas bekanntester Gegenwartskünstler Ai Weiwei wurde erst kürzlich mit einen Hausarrest belegt.

Es heißt, die Chinesen hätten gerade dieses Thema haben wollen

Eine Schau zur Aufklärung wird da automatisch zum Spannungsfeld: Einerseits ist es, wie der Berliner Generaldirektor Michael Eissenhauer auf der Pressekonferenz abwiegelte, "eine Kunstausstellung, sonst nichts". Andererseits wird dieser Schlüsselbegriff europäischen Selbstverständnisses auf der größten denkbaren Bühne in die chinesische Gesellschaft eingeführt: Das monumentale Nationalmuseum wurde 1959 am Platz des Himmlischen Friedens errichtet, gleich gegenüber der "Großen Halle des Volkes". Derzeit wird es noch umgebaut und erweitert, nach Plänen des Hamburger Architektenbüros von Gerkan, Marg und Partner.

Zu verdanken ist diese Ausstellung dem Engagement deutscher Museumsdirektoren – vor allem Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, verfolgt das Projekt seit Jahren mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit. Unterstützt wurde er vom Auswärtigen Amt. Nur eine Kunstausstellung? Es heißt, die Chinesen hätten gerade dieses Thema haben wollen, kein anderes. Ein Symposium soll Begriffe klären und den Diskurs anregen, spätestens hier werden sich politische Debatten kaum vermeiden lassen. Möglicherweise sind sie sogar erwünscht.

In neun Großkapiteln wird ab April das ganze europäische Drama vor den Augen des chinesischen Publikums noch einmal aufgeführt: Vernunft und Leidenschaft, Emanzipation und Gewalt, Revolution und Terror im Spiegel der Kunst. Es ist auch eine Chance, über die Epochengrenzen hinweg feine Linien europäischer Kunstentwicklung sichtbar zu machen. "Nur eine Kunstausstellung" wird das sicher nicht – aber eben auch eine Kunstausstellung, an die man höchste Erwartungen richten darf.

"Die Kunst der Aufklärung"

Termin: ab Frühjahr 2011 bis Frühjahr 2012 im National Museum of China in Peking
http://www.chnmuseum.cn