Kampf um die Picassos

Alles nur geklaut?

2010 sorgten 271 unbekannte, aber womöglich echte Papierarbeiten von Pablo Picasso für eine Sensation, mit denen sich der ehemalige Installateur für die Alarmanlagen im Hause Picasso, Pierre Le Guennec, nun bei dessen Erben meldete. Die aber konnten die Version, wonach der Maler die Werke dem Elektriker einst geschenkt haben sollte, nicht glauben und schalteten die Justitz ein. Le Guennec und seine Frau wurden kurzzeitig festgenommen. Eine Einschätzung unseres Paris-Korrespondenten Heinz Peter Schwerfel
Alles nur geklaut?:271 Picasso-Arbeiten aufgetaucht

Pierre Le Guennec mit Frau vor ihrem Haus in Mouans Sartoux, Südfrankreich

Sind sie nun geklaut oder geschenkt? Die wahre Geschichte um die Herkunft der 271 bisher unbekannten, nirgendwo erfassten, aber offensichtlich echten Papierarbeiten von Pablo Picasso, die ein französischer Rentner im September den Picasso-Erben anscheinend arglos zur Expertise vorlegte, wird wahrscheinlich niemals bekannt werden. Zumindest nicht zu Lebzeiten des angeblichen Besitzers Pierre Le Guennec, eines Elektrikers im Ruhestand, der Anfang der siebzieger Jahre für Kabel und Alarmanlagen in mehreren Häusern des greisen Malers, darunter seiner Villa La Californie bei Cannes, zuständig war.

Die Version Le Guennecs, Picasso und seine Frau Jacqueline hätten ihm und seiner Frau die Arbeiten geschenkt und sie hätten sie fast 40 Jahre in einem Pappkarton in der Garage ihres Häuschens aufbewahrt, ohne um ihren wahren Wert gewusst zu haben, wirkt so naiv, dass sie eigentlich nur wahr sein kann – doch hat Le Guennec den gesamten Picasso-Clan und damit auch die besten Anwälte Frankreichs gegen sich: ein Kampf David gegen Goliath, bei dem die Wahrheit voraussichtlich auf der Strecke bleiben wird.

Denn bisher gibt es nur Fragen, aber keine Antworten: Picasso warf grundsätzlich nichts weg, nicht einmal Eintrittskarten für Kino oder Corridas. Nach seinem Tod wurden in seinen beiden südfranzösischen Wohnsitzen, die er kaum mehr bewohnte, sondern eher als Lager benutzt hatte, insgesamt 40 000 Werke gefunden und katalogisiert. Handelt es sich bei dem jetzt aufgetauchten Konvolut um einen dieser Archiv-Kartons? Hat Picassos Frau Jacqueline diesen Karton vielleicht irrtümlich ihrem Handwerker gegeben? Wusste Picassso überhaupt davon? Warum stammen alle Werke aus frühen Perioden? Warum gehören neun äußerst rare kubistische Collagen – von denen insgesamt weltweit nur 40 bekannt sind – ebenso dazu wie komplette Zehnerauflagen von Lithografien? Und warum ist keine einzige Arbeit dem angeblich Beschenkten gewidmet, wie bei Picasso grundsätzlich üblich?

Für Le Guennec spricht die hemdsärmelige, schlichte Art, mit welcher der Rentner und seine Frau auftreten, ihre bescheidene Existenz im kleinbürgerlichen Einfamilienhäuschen zwischen Mougins und Grasse, die nachweislich richtige Begründung, sie hätten die Arbeiten ausgepackt nach einer Krebsoperation, weil sie sich Sorgen um die Hinterlassenschaft für die Kinder machten. Auch, dass sie wiederholt versucht hatten, Claude Picasso zu kontaktieren, der erst einmal nicht reagierte, bis sie ihren Schatz in einen schlichten Rollkoffer packten und damit am 6. September in die Rue Volney im zweiten Pariser Arrondissement reisten, wo das Büro der Erbengemeinschaft sitzt.

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Im Berufungsprozess um jahrzehntelang in einer Garage verstaute Picasso-Werke hat ein französisches Rentnerpaar sich gegen den Vorwurf der Hehlerei gewehrt.

Gegen sie spricht, dass Picasso zwar großzügig Bedienstete, etwa seinen langjährigen Chauffeur oder seinen letzten Arzt, beschenkte, aber kaum mit Arbeiten aus den frühen Jahren. Nie mit Skizzenbüchern und nie in solchen Mengen. Dass es keine Zeugen gibt und sich der überforderte Le Guennec in seiner juristischen Defensive ungeschickt aufführt und widerspricht. Und dass der Name Picasso selbst in den hintersten Ecken der westlichen Welt, selbst dort, wo kein Fernsehen hinkommt, nicht nur für Kunst, sondern auch für Geld steht. Und just dieser letzte Punkt erklärt, warum die Situation verfahren ist und erst einmal bleiben wird – es geht um Geld, viel Geld. Offiziell um den geschätzten Wert von 60 Millionen Euro, in Wirklichkeit aber um viel mehr.

Denn für Geld ist nun mal der Picasso-Clan zuständig, dessen Erbengemeinschaft seit 1989 Claude, Sohn von Pablo und Françoise Gilot, vorsteht. Kein Markenname – nicht einmal Coca-Cola – wird so sorgfältig vermarktet wie das Label Picasso; wann immer die Signatur des Meisters auftaucht, egal ob auf Bildern oder Autos der Marke Citroën, ist sie Gold wert. Mit dem Namen Picasso werden Parfums verkauft, Karrieren erfolgreich gestartet und luxuriöse Existenzen von New York bis Genf finanziert. Über die sechs direkten Erben hinaus lebt eine weitverzweigte Familie aus Ehen und Liebschaften des Malers vom Copyright, sie weiß, dass ein Konvolut von 271 Arbeiten aus bisher unbekanntem Besitz den Markt erschüttern würde, selbst wenn es sich 'nur' um Collagen, Aquarelle und Skizzenbücher handelt.

Auch der französische Staat spielt eine wichtige Rolle. Mit der Dation Picasso schrieben die Erben in den achtziger Jahren Steuergeschichte, und die staatlichen Museen, allen voran das Musée Picasso in Paris, werden alles Erdenkliche tun, um sich die umstrittenen und seit dem 5. Oktober beschlagnahmten Werke einzuverleiben. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Frankreichs Museen angeblich nationales Erbe sichern, ist weltweit bekannt. Deshalb ist schon jetzt eines sicher – in die Garage des Renterehepaars Le Guennec werden die konfiszierten Werke nicht zurückkehren. Nicht einmal, wenn sie sich entgegen den ersten Expertisen doch als Fälschung erweisen würden. Womit, entgegen allen Beteuerungen, bei all den unbeantworteten Fragen allen gedient wäre – ausser den Le Guennecs, aber denen bleibt ohnehin nur die Rolle des Sündenbocks. Selbst wenn sie die Wahrheit sagen.

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