Immer Ärger um Picasso - Zürich vs Paris

Zoff um verwehrte Leihgaben

Das Kunsthaus Zürich kritisiert das Pariser Picasso-Museum wegen verweigerter Leihgaben. Die Debatte wirft ein Schlaglicht auf die Praxis der Gewinn-Maximierung staatlicher französischer Kunst-Institutionen

Die Verantwortlichen der Picassoausstellung des Kunsthauses Zürich waren ungewöhnlich deutlich: In Katalogtext und Pressegesprächen haben sich über ihre Kollegin aus dem Pariser Picasso-Museum beschwert. Dessen Direktorin Anne Baldessari, vom Ministerium ernannte Herscherin über einen durch Schenkung gegen Erbschaftssteuererlass dem Staat zugefallenen Schatz, hatte nicht nur jede Leihgabe in die Schweiz, sondern sogar das Gespräch darüber verweigert.

In Zürich wollte man die Leihgaben unbedingt für die noch bis Ende Januar laufende Rekonstruktion einer historisch einmaligen Retrospektive von 1932 haben, die eine ganze Reihe bisher nur äußerst selten gezeigter Werke versammelt. Ein einzigartiger Vorfall. Nicht wegen des gescheiterten Ausleihens – so etwas kommt tagtäglich vor – sondern wegen der öffentliche Beschwerde mitsamt Namensnennung. Und damit ein willkommener Anlass für den internationalen Kunstbetrieb, einmal über Konkurrenzverhalten und eine zunehmend rücksichtslose Kommerzialisierung nachzudenken – selbst bei Ausstellungen, in denen es nichts zu verkaufen und damit primär nichts zu verdienen gibt.

In Frankreich hat der Staat Vorkaufsrecht – wann immer ein wichtiges Werk aus privatem Besitz wegen Verkaufs das nationale Territorium verlassen könnte, dürfen die großen staatlichen Sammlungen wie der Louvre ihr Veto einlegen. Andererseits ist es den öffentlichen Sammlungen verboten, Werke aus ihrem Bestand zu verkaufen – ein Verramschen von Besitz, um etwa eine Renovierung oder den Erwerb eines anderen Kunstwerks zu finanzieren, ist gesetzlich untersagt. Beide Punkte sind wichtige Charakteristika der rigorosen zentralistischen französischen Kulturpolitik, die seit jeher um den Ausverkauf ihres "Patrimoine", ihres kulturellen Erbes, besorgt ist. Und sich seit Jahren angesichts schrumpfender Etats und drastischer Verteuerung des Ausstellungswesens bemüht, ihre Kunstbestände als Kapital einzusetzen.

Die französischen Museen sind zwar keine gewinnorientierten GmbHs und – im Gegensatz etwa zum New Yorker Guggenheim, das ebenfalls marktwirtschaftlich operiert – ist die Réunion des Musées Nationaux eine staatliche Behörde. Aber sie und ihre Häuser handeln nicht nur in Sachen Vermarktung und Publikation wie Unternehmen des freien Marktes. Den ersten Schritt machte der Louvre mit einem langfristigen Leihvertrag mitsamt Logo-Franchising für das bekanntlich äußerst liquide Abu Dhabi. Der Gewinn fließt dem Staat – und keinesfalls nur dem Louvre – zu. Andere Museen folgten, während man im benachbarten Ausland, etwa in Deutschland, solch marktwirtschaftliches Vorgehen nur neidisch mitverfolgen durfte. Dass die staatlichen französischen Museen ihre Werke nicht mehr ausleihen, sondern für regelrechte Tourneen vermieten, ist bei finanzschwachen Häusern etwa in Russland abgeschaut und nur eine logische Folge der konsequenten Modernisierung – und Liberalisierung – der nationalen französischen Kulturpolitik. Im Falle des Pariser Picasso-Museuns, das noch bis Februar 2012 wegen teurer Umbauarbeiten geschlossen ist, ist die Sache besonders einfach: Die Museumssammlung ist für Leihgaben gesperrt, was seit Jahren bekannt ist, weil sie seit 2008 auf Welttournee geschickt wurde, um rund 15 Millionen Euro, rund die Hälfte der veranschlagten Renovierungskosten, einzuspielen.

Insofern bringt die rhetorisch etwas weinerliche, aber berechtigte Zürcher Klage in der Sache nichts Neues, aber sie hilft, längst übliche Praktiken des im Ausstellungsbetrieb herrschenden Konkurrenzkampfes in die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu gehört auch, dass die Zürcher selbst mit der fragwürdigen PR-Behauptung zu punkten versuchen, es handle sich um eine von Picasso selbst verantwortete Schau. Die unkollegiale, herrische Gesprächsverweigerung der in Paris für ihre Barschheit bekannten Direktorin Anne Baldessari passt zum neuen Unternehmergeist öffentlicher französischer Institutionen. Traurig, aber wahr. Nicht nur in Sachen Picasso.