Schenkung - Köln

Die Ausnahme-Sammlerin

Die 2010 gestorbene Kunstsammlerin Irene Ludwig, die gemeinsam mit ihrem Mann Peter Ludwig Kunst im großen Stil gesammelt hat, vermacht über 500 Werke an das Museum Ludwig und das Schnütgen Museum in Köln. Ein "großer Glückstag", so schwärmt der städtische Kulturdezernent Georg Quander.
Sensationelles Vermächtnis:Schenkung von Irene Ludwig

Zu der großzügigen Schenkung, mit der Irene Ludwig das Kölner Museum Ludwig bedachte, gehört auch Paul Klees "Ein centrifugales Gedenkblatt" von 1923, Gouache auf kreidegrundiertem Zeitungspapier auf weißem Karton kaschiert, 54,7 x 41,7 cm

Was immer zuletzt in Deutschland in größerem Stil an Kunst geschenkt worden ist wie in Berlin die Surrealisten-Sammlung Pietzsch oder Teile aus der Sammlung Flick – das testamentarische Vermächtnis von Irene Ludwig sucht seinesgleichen in der mäzenatischen Landschaft. In Umfang und Bandbreite setzt es abermals neue Maßstäbe. Es verdichtet sich allein für Köln in einer langen Liste mit 528 teils erstklassigen Werken, die ins Eigentum des Museum Ludwig und des Schnütgen Museum übergehen.

Die Schenkung dokumentiert die breit gefächerten Interessen und Leidenschaften von Peter Ludwig (1925 bis 1996) und Irene Ludwig (1927 bis 2010), den beiden Sammlern, die rund 13 000 Kunstwerke seit den fünfziger Jahren zusammengetragen haben. Weltweit gründeten die Aachener Industriellen insgesamt elf Ludwig-Museen, darunter in Peking, Wien, Budapest und St. Petersburg und 1976 jenes in Köln. Irene Ludwigs letzte Schenkung ist generös und an keine Bedingung geknüpft – allein an die Maßgabe, dass die Arbeiten aus der Sammlung Ludwig in den jeweiligen Museen bleiben müssen und nicht veräußert werden dürfen. Die Stadt Köln schätzt den Gesamtwert der ihr zugedachten Kunstwerke auf bis zu 300 Millionen Euro, weist aber zu Recht auf den spekulativen Charakter einer solchen Zahl hin, die durchaus zu niedrig bemessen sein könnte.

Wie auch immer: von einem "großen Glückstag" für Köln spricht Kulturdezernent Georg Quander. Es ist ein Glück, das die Kulturpolitik der Stadt mit dem Neubau des Museum Schnütgen sogar ausnahmsweise rechtfertigt. Die "sehr persönliche Verbindung mit den Werken" schilderte am Mittwoch in einem von Medienvertretern gefüllten Hansasaal des Rathauses anschaulich Dagmar Täube, die Vizedirektorin des Museums – es erhält profunden Zuwachs unter anderem durch sechs Glasmalereien aus dem Kloster Altenberg, wodurch Köln mit 19 erhaltenen Elementen den größten Bestand an einem Ort hält. Erst anlässlich der Wiedereröffnung hatte sich Irene Ludwig von diesen Bildern getrennt. Unter den gewichtigen Geschenken finden sich zudem ein venezianisches Bergkristallkreuz aus dem frühen 14. Jahrhundert und nicht zuletzt ein grandioses westschweizerisches Memento Mori aus Elfenbein und Ebenholz (um 1520) – das "Tischsagerl" war schon immer das "Topstück" unter seinesgleichen im Museum Schnütgen, so Täube. Allein das elfenbeinerne Harrach-Diptychon (Aachen, um 810) bleibt auch weiterhin als Dauerleihgabe in dem Haus am Neumarkt.

Ansporn für Köln

Auch im Museum Ludwig befindet sich seit langem der größte Teil an Werken als Leihgaben, die nun in sein Eigentum übergehen. Die Werke stammen aus der Zeit vom 19. Jahrhundert über die klassische Moderne bis in die New Yorker achtziger Jahre – mit teils sehr erlesenen Arbeiten von Edgar Degas, Braque, Klee, Léger, Matisse, Rauschenberg und Johns. Neu ins Haus gelangen neun Arbeiten als Dauerleihgaben. Es handelt sich um Kunst, mit der sich Peter und Irene Ludwig in ihrer Aachener Villa umgaben: Feininger, Karl Hofer, Jawlensky, Macke und Matisse bis hin zu einem äußerst querformatigen Pollock, auf den Museumsdirektor König nach eigenem Bekunden "schon seit langem extrem scharf gewesen" ist.

Das Herzstück der Schenkung bilden 473 Bilder, Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien der russischen Avantgarden, darunter ein Werkblock mit vier Gemälden und zahlreichen Arbeiten auf Papier von Kasimir Malewitsch, ein Konvolut von abstrakten Gemälden, Objekten und Fotos von Alexander Rodtschenko sowie eine große Anzahl an Werken von Künstlerinnen, welche die vor- und nachrevolutionäre russische und sowjetische Kunst nachhaltig geprägt haben – das Augenmerk richtet sich hier auf mehrere Arbeiten von Natalja Gontscharawa, ein unerhört frisch wirkendes Ensemble an Collagen von Warwara Stepanowa oder auf kubistische und kubofuturistische Gemälde von Ljubow Popowa. Manche Erwerbung lief über die ehemals in Köln ansässige Galerie Gmurzynska, wodurch ein Kapitel rheinischen Kunsthandels in der Region verankert wird.

Das Füllhorn der rheinischen Sammlerin und ersten Kölner Ehrenbürgerin, die im vergangenen November im Alter von 83 Jahren gestorben ist, hat, wie Museusmdirektor König anmerkt, "amerikanische Dimensionen". Nur mit dem Unterschied, dass Frau Ludwig keine steuerlichen Vergünstigungen für ihre mäzenatische Tat in Anspruch genommen, sondern tatsächlich geschenkt hat. Allerdings ist das Museum für Ostasiatische Kunst, wo sich auf Leihbasis ebenfalls einige Highlights aus dem Ludwig-Fundus befinden, in Irene Ludwigs Testament ebenso leer ausgegangen wie das Ludwig Forum in Aachen, das gerade sein 20-jähriges Bestehen gefeiert hat. In Aachen hat die Sammlerin nur das Suermondt-Ludwig-Museum und das Couven-Museum reich beschenkt.

Köln will das unerwartet üppige neue Besitzerglück als "Ansporn zu entsprechenden Anstrengungen nehmen", mit dem bedeutenden Zuwachs an Kapital produktiv umzugehen und dafür auch die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. So Oberbürgermeister Roters. Man wird ihn und seine Nachfolger beim Wort nehmen. Gelegenheiten, Kompetenz zu zeigen, werden sich immer genügende finden, wie etwa in nächster Zukunft bei der Nachfolge für Kasper König.

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