Richard Hamilton - Nachruf

Ein durch und durch politischer Künstler

Mit einer Collage erfand er die Pop Art, er machte das Cover des "Weißen Albums" der Beatles unvergesslich und rettete Marcel Duchamp vor dem Vergessen. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

Bis zuletzt war er damit beschäftigt, über Kunst nachzudenken und Kunst zu machen. Bis wenige Tage vor seinem Tod im Alter von 89 Jahren arbeitete Richard Hamilton an der Zusammenstellung einer umfassenden Retrospektive, die die USA bereisen und in Europa auch in London und Madrid zu sehen sein wird. Die Werkschau eines Künstlers, der von der Kunstwelt als "Vater des Pop" verehrt wurde. Seine Collage "Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing", mit ihren Versatzstücken der Verbrauchergesellschaft, läutete 1956 eine neue Kunst ein, der er auch gleich einen Namen gab: Der halbnackte Muskelmann im Zentrum des modernen Wohnzimmers hält einen roten Riesenlutscher mit der Aufschrift "POP" in der Hand. Für die Beatles gestaltete er 1968 das legendäre Cover des "Weißen Albums".

Richard Hamilton war ein durch und durch politischer Künstler. Schon hinter seiner Pop-Art steht nicht eine naive Bewunderung der Konsumgesellschaft, sondern eine ironische Sicht. Sein verfremdetes Pressefoto "Swingeing London" (1967), das Mick Jagger nach seiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes in einem Polizeiauto zeigt, kann als modernes Historiengemälde gelten. Seine beiden Triptychen "The Citizen" (1982/83) und "The Subject" (1988/90) stellen sich direkt dem Nordirlandkonflikt und seine für eine Tate-Retrospektive entstandene begehbare Installation "Treatment Room" (1983/84) ist eine böse Abrechnung mit der von Premierministerin Thatcher propagierten Ich-Gesellschaft.

Auch als Lehrer hat sich der 1922 in London geborene Künstler verdient gemacht. Zunächst unterrichtete er an der Londoner Central School und dann am Kings College im nordenglischen Newcastle. Seine Schüler lernten von ihm eine unbegrenzte technische und intellektuelle Neugier sowie Respekt für die Meister der Kunstgeschichte.

Ein weiteres Verdienst Hamiltons ist sein in Newcastle begonnener Einsatz für Marcel Duchamp, dessen subersive Kunst er nach dem Krieg der völligen Vergessenheit entriss. 1966 organisierte er in der Tate Gallery die erste europäische Retrospektive des Franzosen, in der er auch das von ihm gefertigte und von Duchamp abgesegnete Faksimile von dessen Arbeit "The Large Glass" (1915/23) mit dem schönen Untertitel "The Bride Stripped Bare By Her Bachelors, Even" zeigte. Auch die Künstlerfreundschaft mit dem Schweizer Dieter Roth führte zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Den beiden Freunden gemeinsam war ein ans Anarchische grenzender Humor und eine Verachtung von Konvention.

Technisch besonders versiert und innovativ war Hamilton als Grafiker. Gemeinsam mit seinem langjährigen Pariser Drucker Aldo Crommelynck grub er alte Techniken aus und verfeinerte sie, scheute sich aber auch nicht, in den letzten 20 Jahren seines Schaffens auch verstärkt den Computer einzusetzen. Besonders schön zu sehen an seinen Illustrationen zu James Joyce’s Mammutroman "Ulysses", mit dem er sich 50 Jahre lang auseinandersetzte, von ersten Tuschzeichnungen über feinste Kaltnadelradierungen bis hin zu digitalen Drucken.

Dass Hamilton im eigenen Land nicht ganz die Verehrung fand wie etwa Francis Bacon oder der kürzlich verstorbene Lucian Freud liegt wohl daran, dass er ein Intellektueller war. Seine analytische Intellegenz sowie sein Diktum, dass die Idee sowohl die Auswahl des Mediums als auch des Bildes zu bestimmen hat, machte ihn beinahe zu einem Vorläufer der Konzeptkunst. Und nie hat er sich technischen Neuerungen verweigert, von der Polaroidkamera bis zum computergestützten Design. Trotzdem sagte er von sich selbst: "Ich bin immer ein Künstler der alten Schule gewesen."

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