Preis für junge Kunst - Berlin

Einig wie selten zuvor

Cyprien Gaillard wurde der begehrte Preis der Nationalgalerie für junge Kunst verliehen. Bruno Ganz und Iris Berben übergeben dem Filmemacher Theo Solonik den neu geschaffenen Preis für junge Filmkunst.
Der Favorit gewinnt:Cyprien Gaillard erhält den Preis für junge Kunst 2011

Verhaltenes Gewinnerlächeln: Cyprien Gaillard

"Ich muss jetzt einen Moment so tun, als wüsste ich nicht, wer der Preisträger ist." Jurorin Bice Curiger öffnete gestern Abend verschmitzt vor einem eher entspannten als gespannten Publikum im Hamburger Bahnhof den ihr überhändigten Brief, um zu verkünden, wer denn nun den 6. Preis der Nationalgalerie für junge Kunst erhalten würde.

Kaum jemand aus der Kunstwelt zweifelte in dem Augenblick, dass der mit dem fortschreitenden Kulturzerfall befasste Künstler Cyprien Gaillard mit der begehrten Trophäe ausgezeichnet wird. Kurz vor der Verleihung in Berlin war zudem durchgesickert, einer der beiden männlichen Nominierten hätte den Preis bekommen. Und dass die Wahl der Fachjury wohl kaum auf den wie von einer klebrigen Glasur überzogenen Androidenfilm des traumaverhafteten Georgiers Andro Wekua fallen würde, lag eigentlich auf der Hand. Tosender, minutenlanger Applaus für die Entscheidung, den 31-jährigen Franzosen Gaillard zu prämieren. Man war sich offenbar einig wie selten zuvor bei der Vergabe des wohl wichtigsten deutschen Preises für jüngere Kunst.

Welche Alternative hätte es denn auch gegeben? Klara Lidén, eine der vier Nominierten, stutzte Pflanzen, die sie rund um den Hamburger Bahnhof gefunden hatte, in die größengenaue Kopie eines Bauschuttcontainers, den sie mit Unkraut aus der Umgebung füllte. Damit fiel sie weit hinter ihren sonstigen Möglichkeiten der surrealen Kontextverschiebung zurück. Man könnte natürlich in Erwägung ziehen, ob Kitty Kraus' kinetische Minimal-Skulpturen zu dem teuflischen Thema der Guillotine nicht auch diesen Preis verdient hätten. Aber nein, es war bei allem Gestänkere um Gaillards Hippness eine kluge Entscheidung, dessen filmisches Montagewerk "Artefacts" über den Mythos Babylons zu prämieren. Mit der iPhone-Kamera hat er Szenerien und Schauplätze des vom Krieg verwüsteten Irak aufgenommen. Gaillard tastet atmosphärisch die ruinösen Oberflächen von babylonischen Kultstätten, von Palästen, Museen und Schrottplätzen ab. Zwischenzeitlich sieht man Soldaten mit grünen Laserstrahlen agieren. Je öfter der Film abgespielt wird, um so mehr verblasst er, bis er schließlich ganz ausbleicht. Entsprechend elegisch und gleichzeitig nervös wirken die wie aus einem Science-Fiction-Film irreal vermittelten Bilder. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit den Worten: "Cyprien Gaillards Film 'Artefacts' ist eine eindrückliche Refexion über den Mythos Babylon, der durch den Bezug zum Krieg im Irak eine besondere Aktualisierung erfährt." Und weiter: "Mit der von ihm gewählten stark ästhetischen Form ist der Wille verbunden, eine Tonlage und Sprache zu finden, die außerhalb der konventionellen Berichterstattung in den Medien steht und die damit unsere Wahrnehmung für andere emotionale Räume eröffnet."

Preisträger Gaillard verlieh auf der Bühne in einem mit französischer Noblesse hingehauchten Englisch seiner Überwältigung Ausdruck. Allerdings wartete das inmitten des Gespinsts aus Kunstblasen von Tomás Saraceno platzierte Publikum vergeblich auf eine kurze Einspielung des filmischen Meisterstücks. Wenn man sich schon mit dem prominenten Turner-Preis messen will, dann sollte auch bitte die Zelebrierung der Kunst mit adäquaten Mitteln erfolgen. Es braucht hingegen nicht unbedingt zwei Laudatoren für den jetzt erstmals parallel verliehenen Preis für junge Filmkunst. Iris Berben und Bruno Ganz überreichten ihn an Theo Solnik für den die Nachwende-Jugend spiegelnden Film "Anna Pavlova lebt in Berlin". Hausherr Udo Kittelmann gab sich an dem Abend ungewöhnlich pastoral. Allen vier Preisträgern gehe es um unsere radikal sich verändernden Lebenswelten und die Erosion von kulturellen Werten. Ihre Botschaft ist laut Kittelmann "dass wir mit Vorsicht und genauer Beobachtung die Zukunft planen müssen." Der (Schaum-)Wein floss nach diesem Warnruf um so reichlicher. Zur Finissage am 8. Januar wird dann der art-Publikumspreis vergeben. Man möchte wetten, dass auch diese Wahl auf den suggestiven Jetztzeit-Archäologen Cyprien Gaillard fällt.

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