Bilder einer Ausstellung - Making-of

Wie die Aufklärung nach Peking kam

Eigentlich sollte es ein Making-of über die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" anlässlich der Eröffnung des neuen Nationalmuseums in Peking werden. Was museal als "kultureller Austausch" gedacht war, endete zunächst in einem Fiasko. Gefilterte Reden, verweigerte Visa und als tragischer Höhepunkt die Verhaftung des kritischen Künstlers Ai Weiwei zwei Tage nach Ausstellungseröffnung. Bei den Dreharbeiten bekam auch -Korrespondent und Regisseur Heinz Peter Schwerfel die Beschneidungen der chinesischen Diktatur zu spüren. Letztendlich ist "Bilder einer Ausstellung" keine kritische Reportage geworden, sondern eine Dokumentation darüber, wie Kunst in einem diktatorischen System überhaupt funktionieren kann.

Mein Film "Bilder einer Ausstellung", vom Fernsehsender ARTE bestellt als filmische Chronik einer für Deutschlands Kulturpolitik bahnbrechenden Großtat, ist die Geschichte einer Bauchlandung. Denn die Ausstellung zur Eröffnung des neuen Nationalmuseums in Peking wurde zum Fiasko: verweigerte Visa, keine Werbung, anfangs nicht vereinbarte hohe Eintrittsgelder.

Genauso kompliziert wurde der Dreh, der in Deutschland mit viel Enthusiasmus begann als begleitende Reportage und sich in Peking verwandelte in eine schiere Untergrundoperation unter erschwerten Bedingungen: keine Dreherlaubnis, keine offiziellen Gesprächspartner, viel Improvisation, wenig Kooperation.

Trotzdem habe ich mich bemüht, mich nicht von der Aktualität fesseln zu lassen, keine vorschnellen Urteile zu fällen sowie vor allem Gegner und Befürworter der Ausstellung zu Wort kommen zu lassen. Ich habe versucht, mit den eigentlichen Betroffenen zu sprechen, deren Urteil ganz anders ausfällt, als man es hierzulande kommuniziert – denn das chinesische Publikum reagiert begeistert auf die Kunst einer Epoche, die es nur aus Büchern kennt. Und nimmt die angeberischen politischen Untertöne, mit denen die deutschen Museen ihre Schätze nach Peking geschickt haben, überhaupt nicht wahr.

Rückblick

Berlin, Januar 2011. Auf der Museumsinsel wird die "Danneckerin" vorsichtig abgehängt, das 1802 von Gottlieb Schick gemalte Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, deren Kleider mit Blau, Weiß und Rot, den Farben der französischen Revolution, spielen. Heinrike Dannecker als emanzipierte Verkörperung einer aufgeklärten Zivilgesellschaft, die absolute Monarchie und religiöse Bevormundung abgeschafft und stattdessen das bürgerliche Individuum in den Mittelpunkt der Welt gerückt hat. Peking, im Sommer 2011. Unter dem riesigen Plakat der "Danneckerin" am Eingang zur Ausstellung "China und die Kunst der Aufklärung" gibt im neu eröffneten Nationalmuseum ein Lehrer fünf kleinen Kindern Zeichenunterricht: Kunstvermittlung für künftige Generationen. Vor der Kasse stauen sich die Besucher – das war nicht immer so, denn die Anfang April eröffnete Großausstellung, welche ein Jahr lang insgesamt 600 Exponate aus Berlin, Dresden und München nach Beijing bringt, wurde lange von Publikum und Medien ignoriert – von den chinesischen Medien. Ihre deutschen Kollegen prügelten einhellig auf die Schau ein und forderten sogar ihre Schließung. Ein fast vollständig vom Auswärtigen Amt bezahlter, zehn Millionen Euro teurer diplomatischer Kunstgriff, als triumphaler Böllerschuss gedacht, war zum Rohrkrepierer geworden.

Kunst - Kultur - Diktatur?

Was war passiert? Erst war einem deutschen Sinologen von den chinesischen Behörden das Visum verweigert worden. Dann kam heraus, dass die Rednerliste zum Begleitprogramm vom gastgebenden Kulturministerium gründlich gefiltert worden war. Und dann wurde zwei Tage nach der Ausstellungseröffnung Chinas wichtigster – und kritischster – Künstler Ai Weiwei verhaftet und an einen unbekannten Ort verschleppt. Letzteres hatte mit der Ausstellung selbst nichts zu tun, sondern mit parteiinternen Machtkämpfen. Trotzdem warf es die Frage auf, ob eine Demokratie heute mit einer Diktatur hochoffiziellen Kulturaustausch pflegen darf.
Analysiert werden deshalb im Film nicht nur die Gründe für das Scheitern des ehrgeizigen Unterfangens, mit welchem ehrgeizige Kulturpolitiker das subversive Gedankengut der Aufklärung als Morgenrot der Moderne ins Machtzentrum eines autoritären Regimes tragen wollten. Sondern in zahlreichen Interviews mit chinesischen Besuchern, Kunstgeschichtsstudenten, Galeristen wird auch erläutert, warum Chinas Regime der Kunst nicht trauen mag; welchen Stellenwert Kunst im China von heute überhaupt hat; und wie ein effektvoller Kulturaustausch aussehen könnte, hätte man mit anderen, weniger offiziellen Stellen gearbeitet.

Offiziell inoffiziell

Gedreht wurde der Film in drei großen Etappen: Nach einem ersten Peking-Besuch im November letzten Jahres mit Dreh auf der gigantischen Baustelle des Nationalmuseums folgte der Blick hinter die Kulissen, also die Vorbereitungen in Berlin, Dresden und München, inklusive ausführlicher Kuratoreninterviews und Aufnahmen von der Restauration einiger Werke. Dann ging es weiter mit der Ankunft der Werke in Peking, Auspacken, Überprüfung, Hängung. Und hier gab es in Peking die ersten Probleme: Es gab keine Akkreditierung, Interviews mit chinesischen Kuratoren wurden untersagt, der Museumsdirektor tauchte vollständig ab. Dreherlaubnisse für den Platz des Himmlischen Friedens wurden verweigert, niemand wusste mehr, wer auf Behördenseite für was zuständig war. Deshalb entschloss ich mich beim dritten Dreh, als es erneut weder Akkreditierung noch Gesprächspartner gab, in die chinesische Kunstszene einzutauchen und dort Reaktionen einzusammeln.

Nach Drehschluss

Ich besuchte die Ausstellung mit Studenten der Pekinger Kunstakademie CAFA, drehte auf dem gigantischen, in Europa kaum bekannten Campus und in ihren Ateliers. Ich besuchte mit Team Vernissagen und Galeristen, anstelle der offiziellen kam die reale Kunstszene zu Wort, und deren Reaktion fiel oft ganz anders aus, als ich erwartet hätte. "Bilder einer Ausstellung" verweigert vorschnelle Schlüsse. Der Film ist kritisch, aber nicht einseitig. Anstatt berühmte Künstler und Dissidenten zu befragen, deren Ansichten zur Genüge bekannt sind, spricht er mit jungen, unbekannten Chinesen, die ihre Meinung vor der Kamera erstaunlich offen kundgeben. Und versucht so eine Kunstszene zu zeigen, von der man hier in Europa erstaunlich wenig weiß – und die auf jede Form des kulturellen Austauschs mit dem Westen sehnlichst wartet.

Dokumentation "Bilder einer Ausstelllung - China und die Aufklärung"

Sendetermin: Montag, 24.20.2011, 22:40 Uhr auf ARTE

Buch und Regie: Heinz Peter Schwerfel
Eine Produktion der Artcore Film, Köln, in Koproduktion mit ZDF, MDR und DW in Zusammenarbeit mit ARTE