Sammlung Jägers - Prozess

Auf Treu und Glauben

Die Staatsanwaltschaft hatte am siebten Verhandlungstag im Kunstfälscherprozess um die Sammlung Jägers bei einem Schlagabtausch mit den Verteidigern das Nachsehen. Am Ende gelobte sie, bereits besprochene Sachverhalte nicht mehr "auszugraben". Immerhin ist ein Ende des Prozesses in Sicht. Am Freitag werden die Schlussplädoyers gehalten, die Urteile sollen am 27. Oktober folgen. Auf einige Praktiken des Kunsthandels fiel ein schiefes Licht, und über allem schwebt die Frage: Was geschieht mit den gefälschten Bildern?
Turbulent:Ende des Prozesses in Sicht

Gefälschte Bilder aus der angeblichen Sammlung Jägers: "Matisse peignant" (l) von Andre Derain und "Kubistisches Stillleben" von Fernand Leger

Gegen Ende des siebten Verfahrenstages geschah etwas, womit niemand mehr gerechnet hatte: Es wurde turbulent. Die Staatsanwaltschaft wollte, offenbar um den juristisch entscheidenden Vorwurf, bei den Angeklagten handele es sich um eine gewerbsmäßige Betrügerbande, zu erhärten, neue "Beweise" in den Prozess einbringen. So sollte Wolfgang Beltracchi bestätigen, ein bislang nicht genanntes Gemälde gefälscht zu haben, und außerdem zugeben, dass die Beklagten 1999 kurzzeitig geplant hatten, eine dritte, dieses Mal nach Jeannette S. benannte Sammlung ins Leben zu rufen.

Auf diesen Vorstoß reagierte die zahlenmäßig überlegene Verteidigung mit durchbohrenden Blicken und einer Parade geschliffener Argumente. Es entspann sich ein fernsehtauglicher Schlagabtausch, dem der vorsitzende Richter ein vorläufiges Ende setzte, indem er mehr schmollend als grollend den Saal verließ. Die Verteidiger monierten, die Staatsanwaltschaft würde durch ihr Nachkarten den bereits geschlossenen Handel gefährden, und auch der Richter deutete an, die Sache mit der Bande sei doch eigentlich geklärt. Trotzdem brauchte es eine weitere Pause, bis sich die Gemüter wieder beruhigt hatten. Schließlich trat die Staatsanwaltschaft den geordneten Rückzug an.

Beurteilung mit dem bloßen Auge

Passend dazu hatte das Gericht zuvor polizeiliche Zeugenaussagen verlesen. Dabei kamen weder Henrik Hanstein noch Werner Spies zu Wort, und so rundeten die Aussagen des Galeristen Marc Blondeau sowie von Sylvia Weber, Direktorin der geschädigten Sammlung Würth, das im Prozess entstandene Bild eines zuweilen sträflich leichtfertigen Kunsthandels ab. Weber hatte gegenüber der Polizei erklärt, dass die von der Sammlung Würth erworbene Fälschung durch mehrere Instanzen geprüft worden war, ohne dass diesen etwas aufgefallen wäre; naturwissenschaftliche Untersuchungen würden von ihrem Haus generell nicht durchgeführt oder veranlasst. Bei Blondeaus polizeilichen Einlassungen bestätigte sich der Eindruck, dass am Verkauf eines Werkes mitunter zahlreiche Mittelsmänner beteiligt sind und Zahlungen nicht selten über Scheinfirmen und/oder einschlägige "Steueroasen" abgewickelt werden. Immer wieder wurden zudem Expertisen nach bloßem Augenschein erstellt.

Signatur vom Fälscher

So ergibt sich das Bild eines Handelssystems, das auch deswegen auf Treu und Glauben setzt, weil ihm die damit verbundene Unschärfe kurz- und mittelfristig nutzt. An einer aufgedeckten Fälschung kann niemand mehr verdienen.
Über all diesen Erwägungen schwebt die Frage, was mit den von Wolfgang Beltracchi gefälschten Gemälden geschehen wird. Bislang wurde lediglich ein Bruchteil der Fälschungen sichergestellt, und wie das Gericht ausführte, ist die sogenannte "Einziehungsfrage" kompliziert. Es steht zu erwarten, dass die meisten Beltracchis bei den derzeitigen – und möglicherweise sogar ahnungslosen – Besitzern bleiben werden. Der Tag, an dem einzelne Arbeiten wieder in den Handel kommen, wäre dann wohl nicht allzu fern.

Möglicherweise machen die Geschädigten aber auch von Beltracchis Angebot Gebrauch, ihren Besitz nachträglich durch ihn signieren zu lassen. Auf diese Weise, so sein Anwalt, wolle er einen Beitrag zur Wiedergutmachung leisten. Es wäre in der Tat interessant, welchen Preis eine handwerklich vorzügliche "Hommage an Heinrich Campendonk" im Vergleich zu einem deutlich weniger schwungvollen, aber immerhin echten Heinrich Campendonk erzielt. Als letzte Möglichkeit bleibt immer noch das Fälschermuseum in Wien.