Friedrich Kittler - Nachruf

Warten auf den "Ulysses" der digitalen Epoche

Friedrich Kittler gilt als einer der einflussreichsten Denker seiner Generation, der wie kein anderer Medientheorie schrieb. Nicht Genies trieben die Avantgarden vorwärts, sondern die Technik – so lautete eine seiner Thesen. Warum Kittler dennoch einen digitalen "Ulysses" herbeisehnte, schreibt Jenny Schlenzka, Assistenzkuratorin am MoMA

Als Friedrich Kittler zu Beginn des Wintersemesters 1998/99 in den Seminarraum des Instituts für Kulturwissenschaft in der Berliner Sophienstraße stürzt, bedient er das Klischee eines verrückten Professors. Mit aufgeregten Gesten, schlohweißem Haar und buschigen Schnurrbart nimmt er Platz, kratzt sich am Kopf und beginnt mit einem Vers von Dante über die Sonne. Denn eine Vorlesung über "Optische Medien", so der Literatur- und Medienwissenschaftler, müsse selbstverständlich mit dem Licht anfangen. Es folgt eine Einführung in das kommende Semester, in dem sich nicht weniger vorgenommen wird, als die Geschichte der audiovisuellen Grundlagen unserer heutigen Kultur zu bestimmen. Seine Augen blitzen. Mühelos verbindet er die griechische Antike, Wagners Gesamtkunstwerk und Bill Gates digitales Imperium in einem Gedankenwurf. Als die Sprache auf die Freimaurer kommt, springt er auf, holt einen Dollarschein aus dem Portemonnaie und legt ihn auf den Overheadprojektor, um seinen Studenten stolz das freimaurerische Symbol des "Allsehenden Auges" darauf zu zeigen. In der letzten Reihe hört und schaut ihm aufmerksam eine Erstsemesterin zu. Auch wenn ich damals nur Bruchstücke der eklektischen Gedankenkette verstehe, weiß ich instinktiv, dass das, was mir da mit großer Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit über den Einfluss technischer Medien auf das Denken und die menschliche Erfahrung vorgetragen wird, von weit reichender Bedeutung ist.

Der 1943 geborene Kittler gilt als einer der einflussreichsten Denker seiner Generation, der den wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit weit über die Grenzen seines Landes und Fachs hinaus beeinflusst hat. "Medien bestimmen unsere Lage." Mit diesem Satz beginnt er 1985 seine Studie "Grammophon Film Typewriter", in der er beschreibt, wie neue Technologien ästhetische Wahrnehmung verändern. Anhand unterschiedlichster literarischer Quellen zeigt er darin, dass die Geschichte der Avantgarde nicht eine Abfolge künstlerischer Innovationen individueller Genies, sondern vielmehr von der Entwicklung technischer Medien geprägt ist, die wiederum Abfallprodukte des Krieges sind. Nach Kittlers Diktum ist zum Beispiel die westliche Literatur des 19. Jahrhunderts weniger vom literarischen Talent eines Franz Kafka als vielmehr von der Erfindung der Schreibmaschine geprägt. Wer sich einmal auf Kittlers mediendeterministisches Weltbild eingelassen hat, dem fällt es schwer, je wieder ein Kunstwerk zu betrachten, ohne die technischen Bedingungen seiner Entstehung zu hinterfragen.

Inzwischen bin ich Assistenzkuratorin im Department für Medien- und Performancekunst am Museum of Modern Art in New York. Mein Studium der Kulturwissenschaft habe ich abgeschlossen, allerdings nicht bei Friedrich Kittler. Dafür war ich zu sehr eingeschüchtert von den mathematischen Formeln und Programmiercodes, die er in fortgeschritteneren Seminaren an die Tafel schrieb. Den Professor mit dem zerzausten Haar, dem es in jedem Satz um alles zu gehen schien, habe ich trotzdem nie vergessen. Seine Vorlesungen haben meinen Blick auf die Kunst maßgeblich geprägt. Während die meisten meiner Kolleginnen in Arbeiten automatisch nach kunsthistorischen Vorgängern suchen und bei dem Wort Medium an Clement Greenbergs Forderung nach Medienspezifität denken, suche ich in der Begegnung mit zeitgenössischen Kunstwerken Antworten auf die Fragen, wie technische Medien das Denken, die Wahrnehmung von Zeit und somit unser Selbstbild verändern.

Seit Jahren warte ich auf ein Kunstwerk, das es vermag, mit den Mitteln des Digitalen das Sein in einer Welt, die von E-Mails, iPhones und computergenerierten Bildern bestimmt wird, zu beleuchten. So wie die Medienpioniere VALIE EXPORT oder Dan Graham mit dem Aufkommen der Videokamera Ende der sechziger Jahre, die Grenzen und Möglichkeiten des damals neuen Mediums ausloteten. Bisher vergeblich, Computerkunst ist meistens nur schwer erträglich, weil entweder technisch zu abgehoben oder ästhetisch zu plump. Kittler hätte dieses künstlerische Unvermögen damit erklärt, dass der Computer die Kulmination aller vorangegangenen Medien ist, die er selbst beinhaltet. Es gibt kein Außerhalb des Digitalen, und deshalb lässt sich darüber beziehungsweise darin keine Kunst machen. Doch heimlich muss auch er sehnsüchtig "Las Meninas" oder den "Ulysses" der digitalen Epoche herbeigesehnt haben. Es ist traurig, dass er die Ankunft bedeutungsvoller digitaler Kunst nun nicht mehr erleben wird. Friedrich Kittler starb am 18. Oktober 2011 im Alter von 68 Jahren in Berlin.

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