Artur Zmijewski - Provokation

Auf den Leim gegangen

Aus der Ausstellung "Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte" wurde ein vermeintliches Skandalvideo entfernt – eine Überreaktion, kommentiert art-Korrespondent Kito Nedo.
Das verschwundene Video:Zensur oder respektvolle Geste?

Artur Zmijewski: Kurator der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Seit Montag ist es raus: In Berlin ist auf ominöse Weise ein Kunstwerk aus einer Ausstellung verschwunden. Es handelt sich um das 1999 entstandene Video "Berek", (dt.: "Hasch mich") des Künstlers Artur Zmijewski, das in der Ausstellung "Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte" gezeigt wurde.

Wann es genau entfernt wurde, ist unklar. Abgehängt wurde es auf Anweisung von Gropius-Bau-Direktor Gereon Sievernich, nachdem sich Besucher der Ausstellung angeblich beschwert hatten. Das Video zeigt eine Gruppe erwachsener nackter Menschen, die in einem Keller – angeblich einer ehemaligen Gaskammer – Fangen spielen. Als die Sache Anfang der Woche an die Öffentlichkeit drang, gab Sievernich ein kurzes Statement ab: "Aus Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren haben das Königsschloss Warschau, unser Partner, und der Martin-Gropius-Bau sich entschieden, das Werk nicht (mehr) zu zeigen."

Wie die Berliner "taz" am Montag berichtete, soll vor allem der Einspruch von Herrmann Simon, dem Direktor des Berliner Centrum Judaicum den Ausschlag gegeben haben. Simon hat mittlerweile in der Zeitung "Die Welt" bestätigt, einen kritischen Brief an Sievernich geschickt zu haben, sich jedoch gleichzeitig gegen den Verdacht, er habe die Abhängung der Arbeit gefordert, verwahrt: "Schade, dass man mich nicht gefragt hat, bevor vollendete Tatsachen geschaffen wurden. Denn jede Form von Zensur hätte ich strikt abgelehnt."

Merkwürdig ist auch, dass weder Anda Rottenberg, die Kuratorin der Ausstellung, noch der Künstler selbst von der Entfernung der Arbeit informiert wurden. Stattdessen will sich Sievernich aber mit der Leitung des Ausstellungskooperationspartners, dem Königsschloss in Warschau über das Vorgehen abgestimmt haben. Ungute Erinnerungen an eine andere Geschichte werden wach: Einst verlor die Kuratorin Rottenberg ihren Direktorenposten bei der Nationalen Zacheta-Kunsthalle in Warschau, nachdem sie dort im Jahr 2000 in einer von Harald Szeemann kuratierten Schau die Skulptur "La Nona Ora" des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan ausgestellt hatte. Im katholischen Polen sorgte das Werk, das eine lebensecht wirkende, vom Meteoriten erschlagene Papstfigur Johannes Paul II. zeigte, für einen Riesenskandal. Schon vorher hatte es einen Eklat gegeben, nachdem der polnische Schauspieler Daniel Olbrychski ("Die Blechtrommel") mit einem Säbel Teile des Werkes "Die Nazis" von Piotr Uklanski zerstört hatte. Uklanski hatte großformatige Fotos von Schauspielern in Nazi-Uniformen gezeigt, darunter eben auch Olbrychski.

Das vermeintliche Skandalvideo "Berek" war zuvor schon mehrmals in Berlin zu sehen gewesen und ist international ausgestellt worden. Der Autor des Werks, der 1966 in Warschau geborene Artur Zmijewski, ist dafür bekannt, dass er gern an der Schmerzgrenze operiert, indem er etwa einen ehemaligen Überlebenden eines deutschen Vernichtungslagers vor laufender Kamera überredet, die Tätowierung seiner Häftlingsnummer aufzufrischen. Im nächsten Jahr wird er die siebte Berlin-Biennale kuratieren und hat schon vorher einen explizit politischen Anspruch an die Schau verkündet.

Wirkliche Aufregung will sich jedoch in Berlin unterdessen nicht einstellen. Eher fasst man sich in der Kunstszene an den Kopf: Sievernich ist einem Berufsprovokateur auf den Leim gegangen und hat ohne große Not den guten Ruf seines Hauses beschädigt. Ein unangenehmer Beigeschmack entsteht auch, weil sich der Direktor anlässlich der Eröffnung der parallel laufenden Ausstellung mit Fotografien des chinesischen Dissidenten-Künstlers Ai Weiwei als Verfechter der unbedingten Kunstfreiheit inszeniert hatte. Gelten für Zmijewski etwa andere Regeln als für Ai? Sievernich sollte sich vor reflexhaften Alleingängen dieser Art zukünftig zumindest ein paar gute Berater suchen.

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