Atelierhaus Arno Breker - Berlin

Streit um ein NS-Erbstück

Das ehemalige Atelierhaus des NS-Staatskünstlers Arno Breker in Berlin-Dahlem soll in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden und Kunst der Nachkriegszeit unter der Schirmherrschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung beherbergen. So zumindest die Idee von Kultursenator und Stiftungsmitglied Klaus Wowereit. Berliner Künstler halten mit einem eigenen Konzept dagegen: Die Geschichte des Ortes solle für die Forschung nutzbar gemacht werden. Ein Gastkommentar von Claudia Wahjudi, Kunstredakteurin des Berliner Stadtmagazins Zitty

Was aus dem Studio von Arno Breker wird, dem Haus des Staatskünstlers, der im Auftrag der Nationalsozialisten Monumentalskulpturen schuf, ist erneut Thema, auch wenn Kultursenator Klaus Wowereit und die Berliner Lotto-Stiftung bereits erste Fakten geschaffen haben. Das landeseigene Gebäude im Dahlemer Käuzchensteig, das bis vor kurzem Künstlern als Atelierhaus diente, soll 2012 in seinen ursprünglichen Zustand zurückgebaut werden. Geplant ist eine Nutzung durch die Bernhard-Heiliger-Stiftung, die den Nachlass des West-Berliner Bildhauers und ehemaligen Breker-Schülers Bernhard Heiliger (1915-1995) pflegt und bereits in dem Haus ihren Sitz hat.

Sie will dort eine Ausstellung mit Kunst der Nachkriegszeit einrichten – nach einem Konzept, das keinesfalls überzeugt. Jährlich 160 000 Euro will Wowereit ab 2013 für den Betrieb des Hauses aus dem Kulturetat zahlen, der dafür leicht erhöht werden soll. Auf 1,4 Millionen Euro sind die Kosten für den Rückbau veranschlagt, der Großteil ist von der Lotto-Stiftung bewilligt worden. Eine Ausschreibung über die Nutzung des Geländes hat es nicht gegeben. Das Pikante dabei: Kultursenator Klaus Wowereit, Vorsitzender des Lotto-Stiftungsrats, sitzt im Beirat der Heiliger-Stiftung. Wie auch Volker Hassemer und Klaus Landowsky, beide Ex-Politiker der CDU, die jetzt wieder mitregiert. Berliner Künstler haben nun, unterstützt vom Berufsverband Bildender Künstler Berlin, Einspruch erhoben: gegen die Intransparenz der Entscheidung, das Stiftungskonzept und den Abbau der Ateliers. Mitte November haben sie einen Alternativplan vorgestellt, der jedoch ebenfalls nicht überzeugt. Keines der konkurrierenden Konzepte wird der historischen Bedeutung des Ortes gerecht.

Worum geht es? Bernhard Heiliger zählt zu den bekanntesten West-Berliner Künstlern, von ihm stammt "Die Flamme" am Ernst-Reuter-Platz. An der Hochschule der Künste war er 37 Jahre Professor, sein Atelier hatte er am Käuzchensteig. Arno Breker war sein Lehrer und Mentor gewesen. Nach dem Krieg soll Heiliger gegen ihn ausgesagt haben. Im Streit um das Studio geht es jedoch weniger um Heiliger als vielmehr um ein Haus, das im Licht neuer Forschung wichtig wird. So haben im Oktober das Deutsche Historische Museum, das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte und das Haus der Kunst ihre Bestandsaufnahme der "Großen Deutschen Kunstausstellungen" ins Internet gestellt, die Breker, Hitler und Goebbels mitkuratierten. Jeder Nutzer kann sie einsehen, ein Bilderverbot für NS-Kunst gibt es nicht mehr. Die Forschung zur Kunst im Nationalsozialismus setzt neu an.

Ebenfalls im Oktober hat der Kunsthistoriker Jürgen Trimborn eine umfassende Biografie Arno Brekers veröffentlicht, für die er völlig neues Archivmaterial ausgewertet haben soll. Das muss nun geprüft werden, aber schon jetzt zeigt sich, dass künstlerische Mittäterschaft viel mehr war als Propaganda durch Kunst. Breker habe wesentlich mehr Zwangsarbeiter in seinen Werkstätten eingesetzt als bisher bekannt, schreibt Trimborn, und er habe sich an jüdischem Besitz und Kriegsbeute bereichert. Kein Wort zu Brekers Rolle findet sich im Papier der Heiliger-Stiftung, das zudem offen lässt, wie und warum man eine historisch-kritische Erforschung von Brekers Studio mit einer Schau über Nachkriegskunst verbinden soll. Neben der nicht weiter definierten Aufarbeitung sollen Heiligers Werk sowie Skulpturen etwa von Fritz Cremer und Theo Balden zu sehen sein. Balden, Kommunist, Widerstandskämpfer, Gestapo-Gefangener, musste emigrieren. Seine Kunst handelt davon. Wie man sie im Haus des Täters zeigen könnte, erläutert das Papier nicht. Marc Wellmann vom Stiftungsvorstand, der auch Ausstellungsleiter am Georg-Kolbe-Museum ist, war für die Recherche dieses Textes nicht zu sprechen.

Für herausragende Erkenntnisse über Kunst im NS-Staat ist die Stiftung bisher nicht bekannt. Ihre Darstellung von Heiligers Leben und Wirken ist langsam gewachsen und liest sich sanfter als andere Schilderungen. Das muss man der Stiftung nicht vorwerfen. Sie ist Familiensache. Im Vorstand sitzt neben Wellmann seine Mutter Sabine Heiliger, die Witwe Heiligers. Vorzuwerfen ist der Stiftung jedoch, dass sie nicht zwischen Familien- und öffentlichem Interesse unterscheidet. Die Initiative um das Künstlerduo Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll fordert dagegen, die Geschichte des Ortes in Veranstaltungen und Stipendienprogrammen zu thematisieren. Dafür soll ein von einem Gremium beratener gemeinnütziger Verein zuständig sein, dem das Land das Haus in Erbpacht überlässt. Historische Präzision sucht man auch hier vergebens.

Das Konzept rührt Totalitarismus und heutigen Neoliberalismus zusammen, und es thematisiert nur eine "Funktionalisierung" von Künstlern "für politische Interessen", nicht aber eine aktive Beteiligung an Verbrechen. Auf Anfrage sichert eine Vertreterin zu, dass es der Initiative auch darum gehe. Über die Forschung zur Kunst im Nationalsozialismus ist in Berlin, der Hauptstadt der Täter, nicht viel bekannt. Wo auch sollte sie publik werden außer in Internet, Seminaren und Büchern? Einen Platz bietet ihr der hiesige Kunstbetrieb bisher kaum. Brekers Studio ist der richtige Ort. Dort kann es um nichts anderes gehen. Und dort müssen endlich Profis ans Werk.

Der Artikel ist ein Nachdruck aus der Ausgabe 25/2011 des Berliner Stadtmagazins Zitty.

Die Biografie "Arno Breker: Der Künstler und die Macht" von Jürgen Trimborn ist bei Aufbau erschienen und kostet 29,99 Euro

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