Kunst der Aufklärung - Interview

Ich wurde selbst zwangsweise aufgeklärt

Das Verschwinden des berühmten chinesischen Künstlers Ai Weiwei überschattete vor einem Jahr den Beginn der Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking. Es löste in Deutschland eine heftige Diskussion über den Umgang mit dem Regime in China aus. Diese Woche endet die Schau im Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens (Tian'anmen), dem Schauplatz der 1989 blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung. Ai Weiwei fand die Präsentation der 600 Leihgaben an sich zwar gut, zieht in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa in Peking aber eine kritische Bilanz des bisher größten deutschen Kulturprojekts in China.

Als die Ausstellung begann, verschwanden Sie in Polizeigewalt. Haben Sie die Diskussionen mitbekommen?

Während der Ausstellung über die Aufklärung wurde ich selber zwangsweise "aufgeklärt". Als ich in Haft war, erfuhr ich nichts. Aber hinterher habe ich über Freunde und viele Leute von der Kontroverse gehört. Ich bin auch selber hingegangen. Es ist eine sehr wichtige Ausstellung.

Wie war Ihr Eindruck?

Es ist eine sehr gute Ausstellung, nur ohne Zuschauer. Es gibt jeden Tag so viele Touristen auf dem Tian'anmen-Platz, aber trotzdem sind wenig Leute hingegangen. Es gab wenig Werbung und keine Diskussionen über die Ausstellung. So ist es in China mit jedem Kulturaustausch mit dem Ausland. Für all diese Ausstellungen darf kaum Werbung gemacht werden. Deswegen wissen sehr wenige Menschen von dieser Präsentation - selbst einige Künstler nicht.

Also eine gute Ausstellung mit einem schlechten Ergebnis?

All diese Kulturaustauschvorhaben machen keinen Sinn, weil die Medien in China nicht frei sind. Die Regierung verbucht es als Erfolg. Es ist eine Verschwendung von Geld und harter Arbeit auf beiden Seiten. Ich meine, dass es keine Diskussion gab, was Aufklärung eigentlich ist. In einer freien Mediengesellschaft gäbe es endlose Diskussionen von Schriftstellern und Intellektuellen. Wenn ich selber im Ausland ausstelle, bekomme ich dicke Pakete mit Berichten aus den Medien jenes Landes zugeschickt. Es müsste eigentlich eine Unmenge Diskussionen geben. Eine so große Ausstellung, in die so viel Geld investiert wurde – doch der Einfluss bleibt sehr gering.

Im Begleitprogramm wurden Diskussionen in offiziellen Foren und informellen "Salons" organisiert. Wie fanden Sie das?

Ich habe keine Einladung für irgendeinen "Salon" erhalten. Ich wusste, dass es Gesprächsrunden gab, bin aber davon ausgegangen, dass sie nur wenige Teilnehmer haben. Es gab auch keine Diskussionen im Internet und wenige Leute wussten überhaupt von dem Projekt. In jedem beliebigen McDonalds-Restaurant gibt es mehr Menschen als in dieser Ausstellung.

Es gab damals Kritiker, die nach ihrem Verschwinden eine Schließung der Ausstellung gefordert hatten. Was haben Sie davon gehalten?

Es war ein gutes Signal von diesen Kritikern. Alle Verantwortlichen, egal ob im Kulturbereich oder anderswo, sollten für ihre Grundwerte einstehen.

War es eine gute Idee, diese Ausstellung überhaupt zu organisieren?

Ich denke, es ist eine ausgezeichnete Ausstellung, aber am falschen Ort, zur falschen Zeit und ohne gute Wirkung.