Neue Nationalgalerie - Berlin

Ehrenpflicht

Der britische Architekt David Chipperfield soll ab 2015 für eine Grundsanierung der Neuen Nationalgalerie sorgen. Das Haus bleibt dann für drei Jahre geschlossen. Über die Herausforderungen beim Erhalt einer modernen Architekturikone.
Zeitlos, aber nicht für die Ewigkeit:Chipperfield saniert die Nationalgalerie

Die Neue Nationalgalerie im Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin-Tiergarten

Zeitlos wollten sie bauen, die Väter der Moderne, doch nicht für die Ewigkeit. Auch wenn sich Ludwig Mies van der Rohe mit seiner 1968 am Berliner Kulturforum eingeweihten Neuen Nationalgalerie in vielem am Parthenontempel der Athener Akropolis orientierte, so gewiss nicht an seiner Unverwüstlichkeit.

Es dauerte keine 20 Jahre, bis die Terrasse des Sockelgeschoßes erneuert werden musste, weil Wasser in die undichten Fugen der Granitplatten gedrungen war und die darunterliegenden Räume erreicht hatte, wohl auch, da man beim Bau aus Kostengründen auf die Lösung des Architekten verzichtet hatte, die Platten unverfugt auf ein Kiesbett zu verlegen. Skateboarder prüften ihr Können an den steinernen Treppenwangen – mit verheerenden Folgen für die Bausubstanz. Nicht nur hier hatten sich in den letzten Jahren allzu deutlich die Spuren von Nutzung, Wind und Wetter, Verschleiß und Materialermüdung bemerkbar gemacht. Die Korrosion betrifft vor allem die filigranen Fenstereinfassungen. Scheiben zerbarsten und konnten nur unzureichend ersetzt werden. Aber selbst am Stahl der acht tragenden Stützen machte der Wetterfraß nicht halt.

Die Grundsanierung des Hauses steht schon lange an. Ganz zu schweigen von einer hoffnungslos überalterten Haus- und Klimatechnik, die es neben den engen, der Öffentlichkeit unzugänglichen Archiv- und Arbeitsräumen samt ihrer Möblierung Mies-getreu zu erneuern gilt.

Umso erfreulicher war jetzt zu Ostern die Nachricht des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger, dass man nach einem im vergangen Jahr ausgelobten Wettbewerb das Büro des britischen Architekten David Chipperfield beauftragt habe, ab 2015 die Überholung des Gebäudes anzugehen. Auch wenn Carl Friedrich Schinkel und August Stüler nur von Ferne grüßen können, David Chipperfield ist damit sicher zum inoffiziellen Hausarchitekten der Staatlichen Museen avanciert und endgültig in deren Fußstapfen gestiegen: Er war bereits für die Sanierung des Neuen Museums zuständig und ist gerade dabei, in unmittelbarer Nachbarschaft zur James Simon-Galerie, die gesamte Erschießung der Museumsinsel neu zu gestalten.

Man schätze Chipperfields Sensibilität im Umgang mit dem architektonischen Erbe und die konzeptuelle Klarheit des Ansatzes ließ Parzinger vermelden: „Bei David Chipperfield weiß ich diese Ikone der modernen Architektur in besten Händen.“ Kontroversen wie um die Sanierung des Neuen Museums sind hier daher kaum zu erwarten.

Dennoch ist die Herausforderung nicht zu unterschätzen, muss die Neue Nationalgalerie doch bei höchster denkmalpflegerischer Sorgfalt den Anforderungen eines zeitgemäßen Museumsbetriebs angepasst werden, vom Brandschutz bis zum Sanitärbereich, von der Heizung bis zur Sicherheitstechnik. Sieht man von der angesagten Neugestaltung von Büchertisch und Restaurantecke im Sockelgeschoß einmal ab, ursprünglich hatte man dort ein „Automatencafeteria“ eingerichtet, wird dem sanierenden Architekten kaum eine Möglichkeit gegeben, die eigene Handschrift zu hinterlassen.

Chipperfield, der erst kürzlich für die Wiederherstellung des Neuen Museums den renommierten Mies-van-der-Rohe-Preis der Europäischen Union erhielt, sieht den Zuschlag daher als Ehrenpflicht – eine Ehrenpflicht, die ihm natürlich auch den Bestand seines Berliner Büros weiter sichert.

Die Sanierungskosten – sie dürften im zweistelligen Millionenbereich liegen – lassen sich aufgrund der komplexen Bauaufgabe vorerst nicht exakt beziffern, doch sie werden, wie vom gut aufgestellten Verein der Freunde der Nationalgalerie gefordert, allein vom Bund aufgebracht. Damit ist der Verein der Freunde sicher nicht aus seiner Pflicht gegenüber dem Haus entlassen. Wenn alles gut geht, kann 2018 der 50. Jahrestag der Einweihung – es war der 15. September – groß begangen werden. Doch muss man bis dahin sehen, was mit den Beständen der klassischen Moderne geschieht, zu schweigen von der Organisation von Interimsausstellungen, die die Nationalgalerie im Gedächtnis ihres Publikums halten. Geht die Neue Nationalgalerie auf Reisen? Wird ein Ausweichlokal gesucht? Welche Aufgabe kommt dem Mies-Bau nach der Wiedereröffnung zu? Noch lässt der Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann nichts verlauten. Manche Institution wie das Amsterdamer Stedelijk-Museum hat die Zeit des baubedingten Interims zur produktiven Neuorientierung genutzt. Das interessierte Publikum darf gespannt sein, was man in Berlin die kommenden sechs Jahre unternimmt und darf hoffen, dass 2018 nicht nur die sanierte Neue Nationalgalerie gefeiert werden kann.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de