Ukraine - Kunstszene

Es mangelt an Plänen für morgen, übermorgen und alle Tage danach

Ein Gespräch über die Situation zeitgenössischer Kunst in der Ukraine mit Kateryna Botanova, Direktorin des Foundation Center for Contemporary Art in Kiew
Kunst statt Fußball:art erklärt die Kunstwelt in der Ukraine

Die MMM Group bei dem Programm “Search: Other Spaces” des FCCA

Kateryna Botanova ist seit 2009 und damit fast seit Gründung Direktorin des Foundation Center for Contemporary Art, Kyiv (FCCA) einer gemeinnützigen, nicht-staatlichen Einrichtung, die sich der Unterstützung der zeitgenössischen visuellen Kunst in der Ukraine widmet.

Das FCCA ging aus dem Soros Center for Contemporary Art (SCCA) hervor, das von 1993 bis 2008 bestand. Es schloss unter anderem deshalb, weil zumindest Teile seiner Mission durch private Initiativen übernommen worden waren, beispielsweise durch das PinchukArtCenter. Botanova ist eine der profiliertesten Expertinnnen der Kunstwelt in der Ukraine.

Auf welchem Gebiet besteht der größte Mangel in der Produktion und Unterstützung zeitgenössischer Kunst in Kiew? Wo herrscht das größte Defizit?

Für die Entwicklung der Kunstszene sind Entwicklungsmöglichkeiten Voraussetzung. Was Kiew ganz grundlegend fehlt sind von Künstlern betriebene Ausstellungsräume, unabhängige Kunstzentren und alternative Orte, an denen Austausch und Produktion, Entwicklung und Diskurs Hand in Hand gehen. Uns mangelt es an interdisziplinären Plattformen, die bildende Künstler, Aktivisten, Musiker, Schriftsteller, "social researchers" und andere Kulturschaffende aller Coleurs gemeinschaftlich nutzen können. Bisher ist die Szene zeitgenössischer Kunst in Kiew sehr auf Außendarstellung ausgerichtet, auf Großereignisse, auf (inter)nationale Kunstpreise, epische Ausstellungen, glamouröse Eröffnungen mit schicker Garderobe und Fotogelegenheiten für Fashion-Magazine. Zeitgenössische Kunst ist "in".

Man kann davon ausgehen, dass zu Kiews derzeitigen "Kunstgiganten" – also dem öffentlichen Art Arsenal und den privaten Ausstellungsräumen PinchukArtCenter und CCA M17 – in den kommenden Jahren zwei bis drei weitere private Einrichtungen für zeitgenössische Kunst hinzukommen. Sie machen bereits derzeit rund 90 Prozent der finanziellen, personellen und infrastrukturellen Ressourcen aus. Aber keine dieser großen Kunstinstitutionen investiert in die Entwicklung der lokalen Kunstszene. Sie verfügen über keine Forschungsprogramme und Experimentiermöglichkeiten für Künstler, über keine Ateliers oder Labs, also nicht über all das, was Künstler heute für die Entwicklung ihrer Praxis brauchen. Es gibt keine Arbeitsstipendien und keine Fortbildungsprogramme für junge Künstler und Kuratoren, keine Fellowships. Zudem zahlen die Mehrzahl der Institutionen keine Künstlerhonorare, lediglich Produktionskosten – das veranlasste Künstler übrigens jüngst zur Gründung einer Art Gewerkschaft.

Was sagt das über die Situation in der Ukraine im Allgemeinen?

Der Ukraine mangelt es an Ideen, Träumen und Plänen für morgen, übermorgen und alle Tage danach. Es herrscht ein viel zu großer Fokus auf unmittelbare Wirkungen, unmittelbare Wertsteigerung, kurzfristige Aktionen und kurzfristige Entscheidungen – vorzugsweise mit dem Ziel privaten Zugewinns. Diese Ausrichtung und Prioritäten erschweren die Entwicklung des öffentlichen Bereichs enorm. Der Begriff des "Öffentlichen" als etwas, das jedem gehört und gemeinschaftlich verantwortet wird, ist in einer Gesellschaft, die immer noch mit dem sowjetischen Trauma behaftet ist, sehr vage und wenig ausformuliert. Die Idee einer gerechten, offenen, demokratischen Gesellschaft, in der Bedürfnisse jedes Einzelnen eine Relevanz besitzen, ist hier recht nebensächlich. Ich denke es ist für die weitere Entwicklung sogar notwendig, den fortwährenden Wandel, in dem sich unsere Gesellschaft auf Grund der historischen, politischen und ökonomischen Umstände befindet, nicht als Bedrohung zu empfinden, zum Beispiel des persönlichen Wohlbefindens oder des Gefühls von Sicherheit, sondern als eine Chance für sehr dynamische Veränderungen.

Wie sehen diese Veränderungen im Bereich der Kunst bisher aus?

Der Vorläufer unserer Stiftung war ja das Soros Center for Contemporary Art (SCCA). Das SCCA hatte eine Schlüsselfunktion in der Entwicklung der zeitgenössischen Kunstszene in unserem Land inne. Es war Teil des großen Netzwerkes von ähnlichen Soros-Zentren in Zentralosteuropa, über deren Rolle man heute streiten kann. Diese Zentren haben recht umfassend in die Entwicklung der jeweiligen lokalen Kunstszene investiert und dazu beigetragen, diese einem westlichen Standard – was auch immer damit gemeint ist – anzunähern. Im Zuge dessen haben sie aber auch zu einer gewissen Depolitisierung geführt, zu einer Loslösung der Kunstszene von den gesellschaftlichen Realitäten in einer schwierigen Phase des Übergangs. So diskutierte zum Beispiel vor gut zehn Jahren die gesamte Kunstszene Kiews die Vorgänge rund um die Künstlerwahl für den ersten ukrainischen Pavillon auf der Venedig-Biennale, aber nicht den Mangel an einer neuen Generation von Kunst und Künstlern auf Grund der gänzlich fehlenden Unterstützung der jungen Kunstszene – sei es staatlich oder privat. Und sie diskutierte zum gleichen Zeitpunkt auch nicht das Kuchma-Regime und die Ermordung des Journalisten Georgiy Gongadze.

Aber das SCCA baute ein gutes Netzwerk auf und generierte auch unabhängige Projekte, die sich eigenständig weiterentwickelten – mit mal mehr und mal weniger Erfolg. Somit war das SCCA eine in seiner Art recht einzigartige Kommunikations- und Erfahrungsplattform, die Möglichkeiten für verschiedene Arten des Austauschs und der Zusammenarbeit innerhalb dieses sehr großen Landes bot, aber auch darüber hinaus. Entsprechend war die Gründungsidee hinter dem FCCA die Beibehaltung dieser Kernfunktion. Diese konnte in der Vergangenheit niemand ersetzen – und das ist auch heute noch so. Andere Aufgabenbereiche des SCCA, also die Vermittlung eines globalen Kontextes zeitgenössischer Kunst und die Heranbildung eines Publikums, wurden dagegen in der Tat vom PinchuckArtCenter und später vom Art Arsenal aufgegriffen. Aber die Notwendigkeit einer Produktions- und Kommunikationsplattform für Künstler ist immer noch gegeben. So ist das FCCA ein sympathischer Versammlungsort von und für junge Künstler, Kuratoren, Wissenschaftler, Kritiker und Akteure, die einen kritischen Diskurs rund um das transformative Potential und die gesellschaftliche Relevanz von Kunst führen und entwickeln, mittels Diskussionen, künstlerischen Experimenten und Forschungen, publizistischer Tätigkeit und selbstständiger Vermittlungsprogramme. Wir sind eine kleine und unabhängige Einrichtung, die an die Wirkungsmacht kleiner Schritte und lokaler Aktivitäten glaubt.

Wie steht es denn in der ukrainischen Bevölkerung um die Toleranz gegenüber zeitgenössischer, nicht-konservativer künstlerischer Praxis?

Ich denke so ungefähr 99 Prozent der ukrainischen Öffentlichkeit sind in der Spanne zwischen "verhalten, aber vage interessiert" und "ich hasse es, es ist totaler Mist" angesiedelt. Aber ein Prozent ist explizit und öffentlich involviert. Vielleicht ist das der Grund, warum es vergleichsweise viele private Orte für zeitgenössische Kunst gibt, aber annähernd null öffentliche.

Die "New York Times" zitierte Sie vor wenigen Monaten mit folgendem Statement: "Ich bin der großen Überzeugung, dass die Schließung der Ausstellung Ukrainian Body das wichtigste Ereignis in der zeitgenössischen Kunstszene der Ukraine seit einer ganzen Reihe von Jahren ist." Besagte Ausstellung, die zu Anfang diesen Jahres in einem vom Visual Culture Research Center an der National University of Kyiv-Mohyla Academy betriebenen Raum stattfand, wurde wenige Tage nach Eröffnung wieder geschlossen und zwar durch den Universitätspräsidenten Serhiy Kvit. Der Grund war "mangelnde künstlerische Qualität" – oder, kurz gesagt, zu große Freizügigkeit. Was sind denn die möglichen positiven Folgen dieser Ausstellung beziehungsweise der Art wie mit ihr umgegangen wurde – einmal abgesehen davon, dass sie ohne Schließung viel unbeachteter geblieben wäre?

Die Schließung von Ukrainian Body unterstreicht das Gewirr von Widersprüchen rund um die zeitgenössische Kunst in der Ukraine und vor allem um jene Kunst, die von gesellschaftlichem Engagement getragen ist. Sie hat uns sehr lebhaft vor Augen geführt, dass Kunst eben kein friedliches Reich der Schönheit und Kontemplation ist, sondern dass sie subversiv sein und zur ideologischen Kampfzone werden kann. Es wurde auch deutlich, dass die Mehrzahl der ukrainischen Besucher sich nach wie vor durch diesen Umstand persönlich angegriffen fühlt und keinerlei Problem mit Voreingenommenheit hat und damit, dass administrative Beschlüsse auf der Grundlage persönlichen Geschmacks und Vorlieben getroffen werden. Aber die Schließung zeigt uns des weiteren, dass in der politisch aufgeladenen Gesellschaft der Ukraine auch innerhalb der Kunst selbst ein Kampf stattfindet und zwar zwischen denen, die in ihr verzweifelt nach jenem Frieden und jener Schönheit suchen, die im "realen" Leben fehlt, und denen, die glauben, dass die Transformation unserer zutiefst ungerechten Welt die einzige Mission von Kunst sei. Beide Positionen sind für mich hochproblematisch, da jede für sich exklusiv und nicht inklusiv ist und nur schwarz-weiße Diskurse ermöglicht.

Trotz all der jüngst geführten Debatten über die Grenzverwischung von Kunst und Leben und trotz all der künstlerischen Projekte, die sich mit diesem Gebiet beschäftigen, hat uns die Schließung der Ausstellung gezeigt, dass Künstler und Akteure, die im Bereich der gesellschaftsbezogenen Kunst arbeiten, sich dennoch als in einem irgendwie geschützten Gebiet wähnen, sozusagen auf sicherem Terrain. Wenn dann eine tatsächliche Grenzübertretung passiert, zum Beispiel die Schließung der Ausstellung und die nachfolgende Abschaffung des Visual Culture Research Center als Bestandteil der Universität, oder die Inhaftierung von Alexandr Wolodarsky nach dessen nackter Performance vor dem ukrainischen Parlament 2010, dann sind sie nicht ausreichend auf diese Herausforderung vorbereitet und nicht in der Lage dagegen anzukämpfen.

Das weithin hörbare internationale Echo, das die Schließung von Ukrainian Body hervorrief, hat sicherlich ein beträchtliches symbolisches Kapital angehäuft in Bezug auf einige "Gliedmaßen" dieses symbolischen Körpers. Aber dennoch bleibt das Finale dieses Vorgangs der Verlust der einzigen an eine Universität angebundenen Einrichtung für zeitgenössische Kunst im gesamten Land. Der gute Aspekt ist aber, dass dieses symbolische Kapital zum kraftvollen Impuls einer ganz realen Veränderung werden kann.

Inwiefern ist denn ARSENALE 2012, die erste Biennale der Ukraine, möglicherweise Bestandteil einer solchen realen und guten Veränderung? Was sind Ihre Erwartungen und Hoffungen an die weitere Entwicklung dieser Biennale?

Bisher hat es von Seiten des ARSENALE keinerlei Anzeichen für eine zukünftige Entwicklung gegeben. Für den Augenblick ist jeder so glücklich, dass ein solches Unterfangen überhaupt einmal passierte und in nur acht Monaten umgesetzt werden konnte, dass keine Gedanken an die Zukunft präsent sind. Wenn aber die Zukunft so aussehen sollte, dass wir es mit den großen Namen der üblichen Verdächtigen zu tun haben, mit leichter "Würzung" durch die lokalen Kunststars oder Fast-Stars, dann interessiert mich das wenig. Auch halte ich den Verbrauch von möglicherweise der gesamten für Kunst verfügbaren Mittel durch ein einziges Mega-Event nicht durch weitschweifende internationale Presseresonanz gerechtfertigt. Natürlich ist die Möglichkeit, Ai Weiwei, Louise Bourgeois, AES+F, Phyllida Barlow und andere zu sehen, für die lokalen Künstler und Besucher, die eben nicht problemlos herumreisen können, nicht unwichtig. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass sich einige wenige eine Beteiligung am ARSENALE – mit all den großen Namen – in ihre Lebensläufe schreiben können. Aber so wie sich ARSENALE heute darstellt, geht es doch primär um Kapitalisierung – symbolisch und auch ganz direkt – und damit um etwas, was es in der ukrainischen Kunstszene schon reichlich gibt, genauso wie international. Erst ab dem Moment, an dem es um die Ermöglichung von Entwicklung geht, steuern wir in die richtige Richtung, oder zumindest in eine richtige Richtung.

Das ARSENALE 2012 fällt ja zeitlich mit zwei anderen regelmäßig wiederkehrenden Kunstereignissen zusammen: der Berlin Biennale und der documenta in Kassel. Alle drei Großprojekte verfolgen sehr unterschiedliche Agenden und verschiedene Annäherungen an Kunst und Politik. Wie nehmen Sie vor dem Hintergrund der heutigen ukrainischen Gesellschaft den möglichen politischen Einfluss von Kunst wahr? In welchem Maße erscheinen Ihnen Kunst und Politik getrennt, verbunden oder untrennbar?

Ich kann Ihnen sicher keine schlüssige Antwort auf die wichtigste Frage der Kunstwelt von heute geben. Aber mir scheinen alle Versuche, diese Frage in den Raum zu stellen und nach einer Antwort zu suchen oder um eine solche zu kämpfen, als einer der interessantesten Vorgänge in zeitgenössischer Kultur im Allgemeinen. Ich glaube, dass die Suche und Neudefinition von der Grenze zwischen Kunst und Leben, oder auch die Absage an eine solche Grenze, das ist, was unsere Zeit so schön modernistisch macht. Ich glaube, dass das Thema des möglicherweise direkten politischen Einflusses durch Kunst eines der heute wichtigsten und vordringlichsten ist. Wir leben in einer Zeit, die von jedem von uns eine aktive staatsbürgerliche und politische Position verlangt. Aber die Lektionen der großen totalitären Imperien, die auf den modernistischen Ideen der künstlerischen Umformung von Gesellschaft aufbauten um den neuen Menschen hervorzubringen, diese Lektionen sind gerade in Zentralosteuropa immer noch stark und schmerzlich spürbar. Unsere Zeit schreit nach Utopien und Visionären. Aber muss man denn von der Kunst fordern, dass sie zu einem unmittelbaren Werkzeug der Transformation und des schnellen gesellschaftlichen Wandels werde? Ist es überhaupt für die Kunst möglich, politisch zu sein, ohne zum eindimensionalen Propagandawerkzeug zu werden? Ist es möglich, gesellschaftlich engagiert zu sein und dennoch daran zu glauben, dass die grundlegenden Veränderungen in den Köpfen der Menschen und nicht innerhalb politischer Systeme stattfinden – oder zumindest zunächst in den Köpfen und dann in den Systemen? Ich weiß es nicht, aber ich mag die Frage. Und ich sollte wohl Arthur Zmijewski und seiner Berlin Biennale dafür danken, diesen Zweifel an der politischen Kraft von Kunst in mir gesät zu haben. Denn dadurch wuchs meine Wertschätzung für die langsamen Wirkungsweisen der Kunst, für das Unabsehbare und für Fragen. In der heutigen ukrainischen Gesellschaft ruft künstlerische Produktion sehr wichtige Fragen, Zweifel und Widersprüche auf den Plan, die andere Bereiche nicht hervorzurufen imstande sind, beispielsweise über Moral und Ethik als ein politisches Werkzeug, über Machtmissbrauch und im Alltäglichen versteckte Diskriminierungen, über subtile innere Schönheit, die allgegenwärtig ist, selbst in den hässlichsten Realitäten. Das mag der wichtigste politische Faktor von Kunst sein.