Ai Weiwei - Musikclip

Das Katz-und-Maus-Spiel geht weiter

Ai Weiwei surft auf der Welle des populären Musikclips "Gangnam Style" und fordert die chinesische Zensur mit den Mitteln des Internets heraus. In Deutschland schiebt die Gema dem pfiffigen Kunstwerk einen Riegel vor.
Mit Handschellen:Virales Video vom chinesischen Künstler

Der tanzende Dissident: Filmstill aus dem Video

Obwohl es zu den Binsenweisheiten unserer Zeit gehört, dass sich Neuigkeiten im Internet rasend schnell verbreiten, wird man immer wieder von den Flutwellen der Popwelt überrascht.

Auch mit dem weltweiten Erfolg des "Gangnam Style" war nicht zu rechnen: Das Musikvideo des südkoreanischen Rappers Park Jae Sang alias Psy wurde allein auf YouTube mehrere hundert Millionen Mal angesehen und hat unzählige Menschen angespornt, sich selbst in Psys kuriosem Tanzstil zu versuchen und die Ergebnisse ins Netz zu stellen. Seit Mittwoch letzter Woche zählt auch der chinesische Künstler Ai Weiwei zu den Nachahmern des "Gangnam Style". In seinem Clip sieht man ihn mit vor der Brust gekreuzten Händen breitbeinig auf der Stelle hüpfen wie bei einem Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel und gelegentlich so tun, als würde er ein Lasso schwingen. Dazu läuft Psys Musik vom Band, und zwischendurch sind Aufnahmen aus Psys Musikclip in die von einigen eher unbegabten Hintergrundtänzern begleitete Einlage geschnitten. Das Ganze wirkt genauso amateurhaft wie die Mehrzahl der auf YouTube hochgeladenen Fanfilme – und das soll es wohl auch.

Ai Weiwei veröffentlichte seine Version des "Gangnam Style", als das Original gerade den Höhepunkt seiner Popularität erreicht hatte. Nachdem sich westliche Popstars wie Nelly Furtado und Katy Perry öffentlich für Psys parodistisch gemeinten Tanz begeisterten und sich Britney Spears vor laufenden Fernsehkameras die Tanzschritte erklären ließ, animierte Psy seinen südkoreanischen Landsmann und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon während eines offiziellen Treffens zu einigen angedeuteten Tanzbewegungen. So konnte es für Ai Weiwei, der die Mechanismen des Internets gut kennt und zu nutzen weiß, keinen besseren Zeitpunkt für seine Veröffentlichung geben. Er nimmt die Welle des "Gangnam Styles" auf und fügt ihr eine entscheidende Kleinigkeit hinzu: In einigen Einstellungen tanzt Ai Weiwei mit Handschelle am Handgelenk und erinnert so an seine mutmaßlich politisch motivierte Inhaftierung durch die chinesischen Behörden. Passend dazu tauft er Psys Reitstil in "Grass Mud Horse Style" um – eine in China gebräuchliche obszöne Anspielung auf die Internetzensur, mit der Ai bereits in einem früheren Video Aufsehen erregte.

Die Reaktion der chinesischen Behörden ließ nicht lange auf sich warten: Ai Weiweis Musikclip wurde in China flächendeckend gelöscht. Aber man darf wohl davon ausgehen, dass dies einkalkuliert war. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Künstler und der Staatsmacht geht weiter, wobei sich Ai Weiwei die Rolle der aufmüpfigen Maus auf den Leib geschrieben hat. Seinen Gegnern will er möglicherweise zu verstehen geben, dass sie so sicher aus ihren Ämtern gespült werden wie die nächste Internetwelle durchs globale Dorf schwappt. In Deutschland ist das Video übrigens ebenfalls nicht zu sehen. Der Grund ist allerdings ein anderer, nämlich der ungelöste Rechtstreit zwischen der Musikrechteverwalterin Gema und verschiedenen Videoportalen.