Lars von Trier - Kopenhagen

Speer und Trier

Lars von Trier hat alle eingeladen, an seinem neusten Kunst-Filmprojekt "Gesamt" mitzuwirken. Es geht zwar weder um Cannes, noch um Nymphomaniacs, doch Nazi-Symbolik und Sex sind nicht zu übersehen. Was soll das eigentlich, fragt sich Clemens Bomsdorf bei der Filmvorführung.

Lautes Stöhnen dringt aus dem dunklen, tiefen Raum des Zwischengeschosses der Kopenhagener Kunsthalle Charlottenborg. Die Laute sind so explizit, dass es kaum noch Phantasie bedarf, sich vorzustellen, was dort drinnen in etwa zu sehen sein wird.

Aber "in etwa" sagt eben letztlich nicht viel, schließlich weiß man auch, was "in etwa" zu sehen sein wird, wenn der Ton von einem auf- und ab-titschenden Basketball zu hören ist. Dennoch ist jedes Spiel anders.

Der Grund (noch) nicht in den Ausstellungsraum hineinzugehen, ist denn auch ein anderer. Im Flur, der zum Raum hinführt, ist nämlich zu sehen, worauf sich die Geräusche und das zugehörige Filmmaterial beziehen sollen, und das will natürlich vorab studiert werden. Reproduktionen von sechs Kunstwerken hängen an der Wand: eine Episode aus August Strindbergs Stück "Der Vater", "D'où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous" von Paul Gauguin, der Molly-Monolog, der James Joyce "Ulysses" beendet, sowie eine Sonate von César Franck, eine Choreographie von Sammy Davies Jr. und Albert Speers Zeppelintribüne.

Der dänische Filmregisseur Lars von Trier – international einer der renommiertesten seiner Profession und bekannt für sein manchmal etwas sonderbares Auftreten – hat für das Copenhagen Art Festival alle aufgerufen, zu seinem Gesamtkunstwerk beizutragen. Das trägt den Wagnerschen Titel "Gesamt" und hat nicht nur mit Speer auch sonst Deutschlandbezug. Der Regisseur mit dem deutsch klingenden Namen (das von ist allerdings seine Erfindung) hat die sechs Kunstwerke ausgewählt, damit wer sich dazu berufen fühlt, davon inspiriert selber ein Ton- oder Bild-Werk erstellt und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund sendet. "Wir wollen Leute aus der ganzen Welt in Dialog miteinander bringen", hatte sie dazu gesagt. Abgabeschluss war Anfang September, nun hat Hallund aus den über 500 Dateien einen rund 45-minütigen Film geschnitten, der auf vier Schirmen läuft. Weil es kein Schema gibt, wann der Film neu startet, tritt man üblicherweise mittendrin in den Raum.

Egal, ob zu Anfang, Mitte oder Ende – trotz Bezug zur Nazi-Architektur ist die Chance besonders groß, dass beim Betreten partout kein Hakenkreuz zu sehen ist, dafür aber jede Menge nacktes Fleisch, fast immer weiblich, häufig sich der Fleischeslust hingebend, manchmal mit einem Mann, aber wohl ähnlich oft alleine. Auf welche der sechs Ursprungswerke sich die Szenen mit masturbierenden Frauen, Paaren, die Sex haben oder einem holzhackenden Mann, hinter dem zwei nackte Frauen stehen, beziehen, ist nicht immer klar. Die vielen Brüste sagen wohl vor allem eins: Laienkünstler – wenn man mal davon ausgeht, dass die Beiträge vor allem von diesen stammen – meinen, dass der Akt in der Kunst besonders viel zu suchen hat. Oder sie nutzen von Triers Aufforderung endlich selber einmal ein pornografische inspiriertes Filmchen zu drehen; schließlich ist es ja Kunst.

Eines der Werke, die als Inspiration dienen sollten, war die von Albert Speer entworfene Zeppelintribüne für das Nürnberger Reichsparteitagsgelände der NSDAP. Angesichts dessen, dass von Trier im Mai vergangenen Jahres viel Ärger erregt hatte, als er sich auf einer Pressekonferenz bei den Filmfestspielen in Cannes um Kopf und Kragen geredet hatte, eine Wahl, die natürlich für Einiges an Aufmerksamkeit gesorgt hat. Nachdem der dänische Regisseur damals von Mitleid für Hitler gefaselt und Speers Ästhetik gelobt hatte, schloss er mit den Worten "OK, I'm a Nazi". Wer sich den Clip von der Pressekonferenz anschaut, sieht einen Mann, der sich immer weiter in den Schlamassel hineinredet, aber sicher niemanden, der ein Verehrer der Nazi-Ideologie ist.

Der Griff zu Speer beim aktuellen Projekt hat vor allem dazu geführt, dass das Filmprojekt viel Aufmerksamkeit bekommen hat, als es im Sommer als Teil des Copenhagen Art Festivals verkündet wurde. Der Film ist wahrlich keine Nazipropaganda. Es ist nicht klar, um wie viele Beiträge es sich handelt, die sich auf Speers Architektur beziehen, jedenfalls gibt es in "Gesamt" eine Szene, in der die Zeppelintribüne auf eine große Tafel wie man sie aus Hörsälen kennt, gemalt ist, davor ein Mann, der mit deutlichem deutschem Akzent und harter Aussprache immer wieder dieselben Slogans ruft: "Don’t blame art." Und "Art has no moral." Eine (unfreiwillige) Parodie auf Jonathan Meese? Eine andere Szene kurz darauf zeigt auf dem Reichsparteitaggelände tausende marschierender Soldaten, dann werden diese plötzlich zu stilisierten Soldaten im Zeichentrickfilm – Gleichschaltung der Massen wird eindringlich dargestellt.

Wenig später apokalyptische Stimmung: Ein Atompilz löst den nächsten ab, ähnlich wie im Musikvideo zu Nick Caves "As I sad sadly by her side". In einem anderen, relativ langen Beitrag aus Weißrussland rasieren sich in karger Landschaft sich zwei Männer den Schädel – der Film soll sich auf Gauguins Gemälde "D'où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous" beziehen. Wie bei vielen Beiträgen kommt auch bei diesem die Frage auf: "Was soll das eigentlich?" – für Kunst ist das nicht das schlechteste, immer wieder aber ist man in Triers "Gesamt" geneigt, diese Frage enttäuscht zu stellen. Aber vielleicht sollten weniger die einzelnen Clips als vielmehr das Kunstwerk in seiner Gesamtheit und auch dessen Konzept betrachtet werden. Dann sieht es zumindest ein wenig anders aus.

Eine besonders gute Szene wurde übrigens von viel Stöhnerei begleitet – wobei nicht klar war, wozu der Ton gehörte, schließlich wird auf vier Monitoren gleichzeitig Filmmaterial gezeigt und auf den anderen drei waren auch aktive, nackte Menschen zu sehen. Jedenfalls fingert eine Hand suchend in der Vagina einer Frau herum, zu sehen ist von der neben dem Geschlechtsorgan nur ein Teil des Pos – das Ganze wirkt überhaupt nicht pornografisch, eher wie eine Operation. Plötzlich wird etwas hervorgezogen, was sich als mit einem zusammengefalteten Zettel bestücktes Kondom erweist. Die Hand entfaltet den Zettel. Dieser scheint aus der Seite eines Buches geschnitten worden zu sein, die Worte ergeben keinen Sinn, doch in der Mitte sticht ein "Nein" hervor. Wenn das mal keine äußerst gelungene Replik auf Mollys "JA"-Monolog und auf viel mehr ist.

Gesamt

Kunsthalle Charlottenborg, Kopenhagen
bis 30. Dezember

Ausstellungsinformationen auf der Webseite von Charlottenborg

Die Webseite des Filmprojekts:

http://www.gesamt.org/uk/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de