Konferenz K2 - Berlin

Gruppentherapie für die Kunstszene

Mieten werden teurer, Freiräume schwinden – wie sexy ist sie noch, die Kunststadt Berlin? Der Senat berief eine Konferenz mit Vertretern der Szene ein, knapp hundert Teilnehmer waren dabei.
Krisengifel:Die Berliner Kunstszene traf sich zur großen Aussprache

Aktion von Christian Jankowski: "Systemische Aufstellung - Die Berliner Kunstszene in fünf Jahren"

Es war einmal ein Künstlerparadies namens Berlin. Niedrige Mieten, hohe Räume. Die Nächte waren lang, die Wege kurz. Jeden Tag schien eine neue Galerie zu eröffnen, es gab sogar eine Messe, und die Kreativen aus New York und London schwärmten von den großen Freiräumen, die es in ihren überteuerten Metropolen schon längst nicht mehr gab. Berlin in den nuller Jahren: das war der Traum von endloser Kreativität. Mit Kunst wurde plötzlich Geld verdient, und zugleich schien das Geld keine Rolle zu spielen.

Schwer zu sagen, wann die Berliner aus diesem Traum erwacht sind. Vielleicht im Jahr 2011, als die Kunstmesse Art Forum lokalen Rivalitäten zum Opfer fiel. Große Galerien wie Jablonka hatten die Stadt schon vorher verlassen. Berlin war cool, aber auf Dauer nicht lukrativ. Kein Weg schien hinauszuführen aus dem Reich der ewigen Zwischennutzung: Die missglückte Schau "Based in Berlin" zeigte dürre Konzeptkunst und zog den Unmut der Szene auf sich, die sich nicht einbezogen fühlte. Die Kunsthalle erwies sich als repräsentatives, aber unerwünschtes Projekt. Die ABC blieb ein Zwitter aus Messe und Ausstellung.

Und nun steigen auch noch die Mieten: Investoren kaufen ganze Straßenzüge und sanieren die Häuser der hochverschuldeten Stadt. Berlin geht es besser, Berlin ist in Not. Gilt Klaus Wowereits magische Formel "arm aber sexy" womöglich schon gar nicht mehr? Und kann man etwas tun, um die größte Kreativzone der Republik zumindest teilweise zu erhalten?

Der Senat hat den Redebedarf erkannt. Zu spät, wie einige meinen, aber immerhin. In der vergangenen Woche fand im Kulturzentrum Podewil eine zweitägige Konferenz statt. Sie trug den rätselhaften Titel "K2". Man darf wohl an den berühmten Berg denken – Gipfeltreffen! – oder auch an die 68er-Kommune (diese Assoziation stellte sich später als treffender heraus). Der Kultursenat stellte dafür 50 000 Euro zur Verfügung und übertrug die Organisation der "Zentralen Intelligenz Agentur". Knapp hundert Teilnehmer waren eingeladen – Kulturpolitiker, Museumsleute, Künstler, Galeristen, Vertreter der Freien Szene. Arbeitsgruppen wurden gebildet.

Am ersten Morgen saß man zum Beispiel in einer Gruppe zum Thema "Kalender", darin sollte die Strukturierung des Berliner Kunstjahrs besprochen werden. Doch die Gruppe wurde von Vertreterinnen der Künstlerinitiative "Haben und Brauchen" eingenommen, die zunächst mal ihre Forderung nach regulären Ausstellungshonoraren für KünstlerInnnen im kollektiv zu verfassenden Text unterbrachten.

Nachmittags in der Gruppe "Institution" diskutierte man lange über den Begriff der Institution, ist sie nun ein Foucault’sches Instrument der Kontrolle oder eine Schillersche Einrichtung zur Besserung des Menschen? Die alte Berliner Neigung zur Grundsatzdebatte erblühte in voller Pracht. Nur die dauernden Mahnungen des Moderators führten schließlich zu einigen konkreten Ideen.
Jede Gruppe sollte Texte produzieren, die in einer Gesamtdatei zusammengeführt wurden. Vielleicht hat man gehofft, diese vielen Stichpunkte und Forderungen würden zusammen ein großes Ganzes ergeben. Ein kollektives Drehbuch für "die nächsten 5 Jahre". Stattdessen entstand ein wilder Remix bekannter Ideen und Thesen.

Zwischendurch trafen sich alle Teilnehmer im Plenum, "Basislager" genannt. Bei diesen Sitzungen wurden sämtliche Register basisdemokratischer Selbstblockade gezogen: Eine Gruppe zog ihren Text erst ganz zurück, wollte ihn aber am Schluss dann plötzlich doch veröffentlichen, aber auf einer externen Webseite. Interessenvertreter warfen anderen Interessenvertretern vor, nur Interessen zu vertreten. Der Kultursenat, den Kulturstaatssekretär André Schmitz an beiden Tagen persönlich vertrat, wurde verdächtigt, hier "umsonst" Wissen abschöpfen zu wollen. Und richtig: Es gab Teilnehmer, die für diese beiden Tage Arbeit von niemandem bezahlt wurden. In Berlin bleibt keine Ungerechtigkeit unbemerkt.

Der Künstler Christian Jankowski griff die psychologisch aufgeladene Atmosphäre in seinem Zwischenruf in amüsanter Form auf: Er engagierte einen Psychotherapeuten, der eine Art Familienaufstellung mit Stellvertretern der Kunstszene durchführte. So stand dann etwa "der arme Künstler", ironischerweise von André Schmitz verkörpert, ganz nahe beim "Senat". Begründung: "Ich bin erst zum Galeristen gegangen, habe aber gespürt, dass der mich nicht will". Das "Geld" platzierte sich selbst ganz am Rand der Gruppe, mit abgewandtem Blick. Es schien sich fremd zu fühlen in diesem Kreis. Und auch die "Freie Szene" blieb merkwürdig auf Abstand zum Rest.

Ist das die Zukunft, Berlin? Familientherapie statt Kunstboom? Vielleicht wird man der Konferenz am ehesten gerecht, wenn man sie als Bestandsaufnahme betrachtet. Immerhin warf sie ein Licht auf die realen Verhältnisse der Berliner Szene, jenseits der Glamour-Galerien und Superkünstler. 70 Prozent der rund 15 000 Berliner Künstler müssen im Jahr mit weniger als 12 000 Euro auskommen. Dass auch erfolgreiche Kollegen wie Thomas Demand und Monica Bonvicini am der Tagung teilnahmen, zeigt, dass durchaus Gemeinsinn existiert. Neben den vielen Forderungen nach neuen und alten Förderungsmaßnahmen wurden auch politisch interessante neue Ansätze diskutiert, etwa in der Liegenschaftspolitik. Hier könnte der Senat mit klugen Schritten dafür sorgen, dass die Freiräume nicht ganz schwinden.

Schließlich erscheint eine Frage, die im Plenum gestellt wurde, nach dieser Konferenz umso dringlicher: Wieso meint eine Stadt, in deren Kulturszene es derart viele ungelöste Fragen gibt, auf einen Vollzeit-Kultursenator verzichten zu können?

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