Oscar Niemeyer - Porträt

Kurven in Zeit und Raum

Oscar Niemeyer ist am Mittwoch gestorben. Aus diesem Grund bringt art die Hommage an den legendären Architekten, die wir zu Niemeyers 100. Geburtstag, erstmals veröffentlicht haben.
Hommage an eine Legende:Zum Tod von Oscar Niemeyer

Oscar Niemeyer vor einer Zeichnung in seinem Büro im März 2005

Noch immer geht Oscar Niemeyer jeden Tag in sein Atelier über der Copacabana und entwirft Gebäude für eine bessere Welt - der letzte Überlebende aus der großen, optimistischen Epoche der Moderne. Eine Hommage zum 100. Geburtstag

Von Geburtstagen will er schon lange nichts mehr wissen. Vom nächsten erst recht nicht. "Ich bin 60 Jahre alt", sagt Oscar Niemeyer. "Ich führe noch immer das Leben, dass ich mit 60 geführt habe." Tatsächlich sitzt er noch immer am gleichen Schreibtisch. Sein Penthouse-Atelier liegt neun Stockwerke über Rio de Janeiros Copacabana. Der Blick fällt vom lichtdurchfluteten Apartment hinab auf die berühmte Strandpromenade, auf das hellblau glitzernde Meer, auf die Hügel der Bucht von Guanabara und hin aus in die diesige Unendlichkeit. "Der Mensch muss in den Himmel schauen", sagt Niemeyer, "da lernt er, wie klein und unbedeutend er eigentlich ist."

Niemeyers Schreibtisch selbst steht allerdings in einem kleinen, fensterlosen Durchgangszimmer, vom Ausblick abgeschirmt. Hier sind – zuerst im Kopf, dann auf Papier – Hunderte jener Formen entstanden, die Niemeyer groß und bedeutend gemacht haben. Längst ist er eine Legende der modernen Architektur, der letzte Überlebende der Gründergeneration.

Am 15. Dezember feiert er seinen 100. Geburtstag. Aber "feiern" ist kaum das richtige Wort. "Das Leben hat mich großzügig behandelt. Doch mit der Zeit kommt viel Leid hinzu. Wir waren sechs Geschwister. Jetzt bin ich allein. Das ist nicht einfach."

Aus dem gewaltigen Kopf schauen seine kleinen Augen etwas müde hervor. Trotzdem tritt er weiterhin als Held der Arbeit auf. "Jeden Morgen komme ich um halb zehn ins Büro", sagt er, ungefragt. "Es gibt eine Menge zu tun." Tatsächlich verfolgt Niemeyer zur Zeit wenigstens ein Dutzend Projekte, darunter mehrteilige Kulturzentren, Museen, Verwaltungsgebäude und Kirchen. Alles sind direkte Aufträge. Seit Ewigkeiten hat Niemeyer an keinem Wettbewerb mehr teilgenommen. Er entwirft im kleinen Kämmerlein, dann übernimmt sein engster Mitarbeiter Jair Valera die Skizzen und feilt weiter an den konkreten baulichen Details.

Niemeyer ist wieder modern. Man könnte auch sagen: hip. Trendmagazine wie "Wallpaper" widmen ihm Fotostrecken, weltbekannte Marken wie Visa drehen Werbespots vor Niemeyer- Kulisse, Modefirmen wie Prada veranstalten Partys in seinen Bauten – und die Kurven und Schwünge, die er der modernen Architektur beibrachte, werden nicht nur von Stars wie Zaha Hadid oder Jean Nouvel neu adaptiert. Dabei finden Niemeyers eigene Aktivitäten eher parallel zu diesem Revival statt. Die aufgefrischte Aufmerksamkeit gilt eher seinen älteren Bauten. Und Niemeyer selbst schenkt aktuellen Trends kaum mehr Beachtung, fast schon aus Prinzip. Denn im Grunde redet er ungern über Architektur, noch weniger über die Arbeit anderer. Ihm reicht die ureigene Inspiration. "Ich halte es mit meinem Freund André Malraux. Der hat einmal gesagt: ,Ich trage ein persönliches Museum in mir, mit allem, was mir im Leben gefallen hat.' So geht es mir auch. Und dem entnehme ich hin und wieder eine neue Idee."

Niemeyers inneres Museum muss immens sein. Nicht allein seiner vielen Hundert Entwürfe und Bauten, sondern auch seiner zahllosen, liebevoll gepflegten Freundschaften wegen. Ein Ehrenplatz kommt darin sicher jenem Freund, Kollegen, Rivalen und Vorbild zu, der 1936 mit dem Luftschiff nach Rio einschwebte und kurz darauf, mit Oscars Hilfe, der modernen Architektur zu ihrem ersten großen Auftritt in Brasilien verhalf: Le Corbusier. Der Verkünder des rationalen Bauens war um einen Entwurf für das neue Gesundheits- und Erziehungsministerium gebeten worden. Niemeyer, der gerade sein Architekturstudium beendet hatte, verbesserte als einer seiner jungen Berater untertänigst das Konzept des Meisters. "Architektur ist Erfindung", hatte Le Corbusier den Adepten nebenbei gelehrt. Diesen Merksatz wiederholt Niemeyer noch heute wie ein Mantra. Er legte ihn allerdings schon damals nicht unbedingt im Sinne von Le Corbusiers strikter Lehre aus und nahm sich schon bald seine eigenen Erfindungen heraus. 1940 baute er in Pampulha nahe Belo Horizonte ein Ensemble aus Jachtclub, Restaurant, Tanzpavillon und kleiner Kirche und kombinierte dabei erstmals moderne Nüchternheit und gewagte Kurven. Zum Tanzsaal hin führte ein Wandelgang in Schlangenlinien, aus dem Restaurantquader stak ein gezacktes und gebogenes Vordach, vor allem aber war die Kirche, schlicht-provokativ, in Form von vier abgestuften Parabelwellen angelegt. Der örtliche Geistliche protestierte vergeblich gegen den "Hangar". Oscar Niemeyer hatte seinen persönlichen Schwung gefunden. Und wieder mal einen neuen Freund: den Auftraggeber Juscelino Kubitschek, Bürgermeister von Belo Horizonte.

1956 wurde der Linkspolitiker Kubitschek brasilianischer Staatspräsident, mit dem Slogan "50 Jahre Fortschritt in fünf Jahren". Als monumentalen Beweis seines Aufbauwillen nahm sich Kubitschek vor, in der unerschlossenen Mitte des riesigen Landes eine neue Hauptstadt für eine halbe Million Menschen zu errichten. So erhielt Oscar Niemeyer, inzwischen international angesehen, den Auftrag des Jahrhunderts - sämtliche Repräsentativbauten für Brasília, die Metropole des Fortschritts, zu entwerfen. Sein früherer Lehrer und Kollege Lúcio Costa machte sich parallel an den Masterplan für die städtische Struktur und legte schließlich das berühmt gewordene "Flugzeug"-Modell vor: Die zentrale Achse der Stadt läuft genau auf das Regierungsviertel zu (das Cockpit gewissermaßen), während sich an den "Flügeln" Wohn und Geschäftszonen in festgelegter Folge abwechseln.

Heute ist Brasília so etwas wie ein gescheitertes Experiment, das funktioniert. Die Einwohner sind mit ihrer Stadt zufrieden: kaum Staus, eine vielfach geringere Bevölkerungsdichte als in Rio oder São Paulo, weniger Verbrechen, viel Luft und Auslauf überall. Doch die gewaltige Geste, die im Ursprung des Projekts steckt, verpufft vor Ort in einem zerdehnten Terrain, dessen monumentale Ausmaße keine wirkliche Stadterfahrung zulassen. Statt eines Zentrums gibt es überbreite Straßen, statt belebter Knotenpunkte tote Freiflächen von wahrhaft erschöpfenden Dimensionen. Mitten drin haben Oscar Niemeyers Gebäude allerdings kaum an Faszination eingebüßt. Die Trias des Nationalkongresses mit der Schale, der Kuppel und den zwei kommunizierenden Hochhaussolitären ist nach wie vor eine erhabene Fusion von strenger und sinnlicher Moderne.

Das gleiche gilt für die vier verglasten Quader rund um das zentrale Ensemble herum. Das dort mehrfach variierte Wechselspiel zwischen einem schlichtem flachen Viereckbau und einer lyrisch geschwungenen, luftig umlaufenden Säulenreihe vereint Transparenz und Leichtigkeit einer neuen Zeit mit der traditionellen Idee des repräsentativen Rahmens. "Oscar, was du machst, ist barock", sagte Le Corbusier später zu seinem früh ausgescherten Anhänger, "aber du machst es sehr gut."

Das großartigste Einzelstück Brasílias, in seiner Kombination von maximaler Expression und maximaler Einfachheit, bleibt freilich Niemeyers Kathedrale, eine Korona von 16 gekrümmten Stahlbetonrippen, die das unterirdische Kirchenschiff durch verglaste Zwischenhäute beschirmen und es zugleich gen Himmel öffnen. Selten hat das Christentum ein lichteres Haus gehabt. Niemeyer selbst ist immer Atheist gewesen. Statt zu glauben, träumt er von der Revolution. Seit 1945 ist er Mitglied der Kommunistischen Partei. Vor wenigen Tagen erst hat ihm eine Delegation kubanischer Athleten, mit Grüßen von seinem Freund Fidel Castro, ein Paar Boxhandschuhe überreicht. Das liegt nun neben ihm im Arbeitszimmer. "Der Kampf geht weiter", sagt er. "Der Planet ist sehr krank. Wenn wir so weitermachen, wird der Mensch bald verschwinden. Dabei können wir auch solidarisch sein." Niemeyer ist immer schon solidarisch bis zur Selbstlosigkeit gewesen, hat Freunden Häuser geschenkt und Pensionen. Zwei aktuelle Projekte für Kuba und Venezuela entwirft er selbstverständlich kostenlos.

Brasília war auch deshalb der Auftrag seines Lebens, weil dort der Traum von einem besseren, freieren Leben und der Traum von einer anderen, freieren Architektur unmittelbar zusammenhingen. Die mehrjährige aufreibende Bauzeit in der Einöde hat Niemeyer wie einen zarten Vorschein der Utopie erlebt: Alle arbeiteten gleichberechtigt, enthusiastisch, voller Hoffnung. Doch schon 1961, dem Jahr nach Brasílias Einweihung, verlor Kubitschek die Präsidentschaft, und 1964 putschte sich das Militär an die Macht. Die nächsten 20 Jahre verbrachte Niemeyer vor allem in Europa - und hielt politische und architektonische Fantasien von nun an klar auseinander. In Paris baute er 1967 den Sitz der kommunistischen Partei, dessen Old-School-Futurismus im Inneren heute die Anhänger des Retro-Chic begeistert.

Doch zur gleichen Zeit arbeitet er auch am Hauptquartier der Armee in Brasília und lagert ihm einen energisch ausschwingenden Unterstand in Form eines Säbelgriffs vor. Er will in erster Linie für Überraschungen sorgen und in Erstaunen versetzen. "Architekten bauen nun ein mal für Regierungen und für Reiche" sagt Niemeyer, "aber an einem erstaunlichen Werk hat später das ganze Volk seine Freude. Und die Schönheit stimuliert unsere Sensibilität." So schleicht sich die Sozialromantik hinterrücks doch wieder in seine Architektenseele hinein.

Die Schönheit hat auch eine technische Seite. Niemeyer ist der Zauberer des weit ausgreifenden Stahlbetons. Dessen Loblied hat er zeitlebens gesungen. Ihm verdankt er freitragende Spannweiten von bis zu 80 Metern – so konnte er enorme Kuppeln, breite Flügel und schwebende Rampen schaffen, deren skulpturale Qualitäten manchmal ihren praktischen Nutzen spielend in den Schatten stellen. Erst vor kurzem wurde in Brasília eine neue, fensterlose Museumskuppel von Niemeyer er öffnet. Auf halber Höhe des schneeweißen Baus bricht in weitem Bogen ein 30 Meter langer, in der Luft hängender Freigang aus. "Die Idee kam mir erst nachträglich", sagt Niemeyer. "Es handelt sich um ein völlig unnötiges Detail. Aber es geht eine unwiderstehliche Anziehungskraft davon aus."

Immer wieder hat Niemeyer Bauten errichtet, die auch im Ganzen unwiderstehlich sind. Eines der letzten Beispiele ist das Museum in Curitiba von 2002. Dessen Ausstellungshalle hat die Form eines riesigen Auges und wirkt von weitem wie ein gewaltiges surrealistisches Verkehrsschild, weil sie nur auf einem einzigen knallgelben Pfosten ruht. Der unbestrittene Star unter den Bauten des Spätwerks ist allerdings das Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói bei Rio, auf der anderen Seite der Bucht von Guanabara. Es steht hoch oben auf einem Felsen, ganz für sich, wie eine fliegende Untertasse. Und der abgegriffene Vergleich ist diesmal unumgänglich, denn tatsächlich erinnert die elegant aufgebockte weiße Schale mit dem schwarzen Fensterband und der üppigen roten Rampe an ein futuristisches Objekt aus der Vergangenheit.

Merkwürdigerweise fügt sich das fremdartig-coole Gebäude trotz allem bestens ins große Panorama ein. Womöglich, weil es nur dasteht wie zwischengelandet, den einzigen Fuß hinabgesenkt in einen kleinen kreisrunden Teich, der von der Felsenplattform aus mit dem Meerwasser der Bucht zu verschwimmen scheint.

Eine der schönsten und bekanntesten Grundsatzerklärungen von Oscar Niemeyer lautet: "Ich fühle mich nicht von den harten rechten Winkeln und geraden Linien angezogen, die der Mensch geschaffen hat. Mich ziehen frei fließende, sinnliche Kurven an. Jene Kurven, die ich in den Bergen meines Landes erkenne, in den Krümmungen seiner Flüsse, in den Wellen des Meeres und auf dem Körper der geliebten Frau." Ein frühes Meisterwerk aus dem Geist dieser Sensibilität ist die Casa das Canoas von 1952, Niemeyers einstiges Wohnhaus am Rande Rios, das mitten in einem vom Urwald überwucherten Berghang steht, nahe einem kleinen Baches, mit Blick gen Atlantik. Ein Fels auf dem Grundstück ragt bis ins Haus hinein. Die unregelmäßig oval gewundene Fassade scheint sich der Natur anschmiegen zu wollen, die drei viertel umlaufende Fensterfront saugt das flirrende Grün nach innen. Und doch setzt das anders geschwungene, weiße Dach einen Kontrapunkt und reklamiert den Raum für seine Bewohner. Niemeyer ist längst ausgezogen, bewahrt das Haus aber sicher in seinem inneren Museum auf.

Dort muss auch viel Platz für Frauen sein. Zeitlebens hat er die Umrisse ihrer Körper in zarten Zeichnungen festgehalten. Nun tauchen manche dieser Skizzen sogar als Reproduktionen auf den Fassaden neuer Häuser auf. Niemeyer wird die Formel "form follows feminine" nachgesagt. Auch in seinem Studio sind drei Aktzeichnungen auf eine der Wände übertragen. Trotzdem möchte er klarstellen: "Beim Entwerfen von Bauten orientiere ich mich nicht am weiblichen Körper. Manchmal stimmen einfach die Formen überein." Ein kurzes Schweigen, dann setzt er mit seiner weichen Stimme hinzu: "Die Frauen sind immer wichtiger gewesen." So gehört es sich für einen legendären Dandy – und wohl auch für einen Mann von 99 Jahren.

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