Was bleibt von der d13? - Rückblick

was bleibt von der documenta 13?

Sie ist unbestritten das Kunstereignis des Jahres 2013: die 13. Ausgabe der documenta, kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev. art fragte sieben Kunstkritiker nach ihrem Urteil.
Die Kritikerumfrage:Erinnerungen an die documenta 13

So endete die d13: Ein Bagger entsorgte im September den Schrotthaufen der documenta-Künstlerin Lara Favaretto. Die Abbauarbeiten der Kunstwerke zogen sich noch über Wochen

Philippe Dagen, "Le Monde", Paris:
Wie gewohnt trägt die documenta durchgehend die Signatur ihrer Macherin. Der innere Zusammenhang ist damit gegeben.

Mit dem Risiko der Eintönigkeit, dem Gefühl, dass bestimmte Künstler eingeladen wurden, um der Kuratorin Recht zu geben, und nicht wegen ihrer Qualität oder ihrer Einzigartigkeit. Die alte Frage: freie Schöpfung oder Auftrag? Am liebsten erinnert man sich an die Werke, die in eigener Intensität Ausnahmen bildeten: an die spektrale Geografie von Tacita Dean und Kader Attias Installation "The Repair" in ihrer unvergesslichen Härte.

Kia Vahland, "Süddeutsche Zeitung", München:
Ein erfrischendes Bildergewitter und die drückende Sorge um schutzlose Werke, ein kaputter Palast im so nahen Kabul, die Fotohandys des Nahen Ostens, ein surrealistischer Tanz auf dem Vulkan, die Schönheit der Physik, die Dringlichkeit nicht mehr ganz junger Malerei, das Talent zur Inszenierung. Aber auch: die immer noch unerfüllte Sehnsucht nach neuer Landschaft, reichlich dadaistische Verwirrung über die politischen Intentionen der Erdbeere, folgenloser Kitsch und immer noch kein Jahrhundertwerk.

Samuel Herzog, "Neue Zürcher Zeitung":
Von der d 13 haben wir gelernt, dass man auch mit einem Hund im Arm eine sehenswerte Ausstellung auf die Beine stellen kann. Die d 13 hat auch gezeigt, dass es zwischen Diskurs und Schau gar keine Berührungspunkte mehr geben muss und solche Großanlässe also auch keine intellektuellen Unternehmen mehr sind, sondern organisatorische Unterfangen, an die man jeden beliebigen Diskurs anhängen kann. Die d 13 hinterlässt eine Sehnsucht nach Kuratoren, die dem Publikum zeigen, was sie gut finden und zu erklären versuchen, warum.

Matthias Dusini "Falter", Wien:
Ein wunderbarer, auf mehrere Tage ausgedehnter Spaziergang zwischen Natur und Architektur. Mit einem großen Gespür für Rhythmus und Tonalität, Leere und Verdichtung verstanden es die Ausstellungsmacher, den Besucher in einen dramatischen Bogen einzubeziehen. Die Kunst stand unter dem Vorzeichen des Traumas, bot gleichzeitig zahlreiche Therapiemöglichkeiten an. Nur herzlose Menschen können so großes Stationentheater "esoterisch" nennen. Großausstellungen werden sich an diesem Wurf zu messen haben.

Jörg Heiser, "Frieze", London:
Die entscheidende Frage ist, was diese documenta symptomatisch als "Mega-Ausstellung" bedeutet. 100 Publikationen, 200 Künstler, gefühlte 2000 Einzeltermine, Dutzende Ausstellungsorte in Kassel, plus Nebenschauplätze von Kanada bis Kabul. Die Unbewältigbarkeit der Mega-Ausstellung (zeitlich, räumlich, finanziell) macht aus Kuratoren Kompilierer von sym-bolischen Gesten, Theorieversatzstücken, Künstlertypologien; aus dem Künstler einen unter (zu)
vielen Teilnehmern im Wettbewerb um Aufmerksamkeit; und aus Betrachtern bloße Besucher.

Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung":
Ein Hund mit einem rosa Bein. Ein aufgesägter Porschemotor. Eine Frau mit einem Kopf aus Bienen. Theaster Gates. Trisha Donnelly. Eine hässliche Holzfigur von Stephan Balkenhol, die gar nichts mit der documenta zu tun hatte. Carolyn Christov-Bakargievs kuratorodadaistische Traktate und die bellende Empörung darüber, obwohl es sich doch nur um freundlichen Surrealismus handelte.

Hanno Rauterberg "Die Zeit", Hamburg:
Eine hoch gestimmte, sommerlich entspannte, wunderbar beschwingte Ausstellung – doch kaum etwas wird von ihr bleiben. Zu wohlgerundet war diese documenta, zu angenehm temperiert, niemand mochte sich erregen. Reibungshitze? Streit um unbequeme Wahrheiten? Gar um die Zukunft? "Ich war auf viele interessante Debatten eingestellt", gab Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin, zu Protokoll. "Die sind aber nicht gekommen." Wahrscheinlich ist das der Preis dafür, dass die d 13 nach allen Seiten offen und kaum je zu greifen war.

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