Kunst-Boom in Singapur

Hongkong war gestern

Kunst soll dem boomenden Tigerstaat Singapur zu neuer Identität verhelfen, die neu eröffnete Nationalgalerie zur führenden Kunstinstitution in Südostasien ausgebaut werden. Gerhard Mack hat sich in Singapur umgesehen und trifft in seiner Reportage auf einen glücklichen Galeristen aus Deutschland und verwöhnte Künstler aller Herren Länder. Schöne neue Kunstwelt in Südostasien?
singapur-hochhaeuser-kunst

Bürotürme in Singapur: Mit Kunst zum Manhatten Südostasiens?

"Für mich ist Singapur zu einem Zentrum der Galerie geworden. Inzwischen mache ich zwei Drittel des Umsatzes in der Region", sagt Matthias Arndt. Der Kunsthändler hat zwar noch eine Galerie in Berlin, er lebt mit seiner Familie aber seit ein paar Jahren in der boomenden Luxusmetropole südlich von Malaysia. Aus Steuergründen, denkt man, schließlich lockt der Inselstaat mit geringen Steuersätzen Unternehmen aus der ganzen Welt an. Und als hätte er es erraten, fügt Arndt hinzu: "Sicherlich nicht, weil es günstiger ist. In Berlin würde ich ein Drittel des Preises für die Räume bezahlen, den sie mich hier kosten."

Was das in Zahlen ausmacht, sagt er nicht. "Um Steueroptimierung geht es bei mir ohnehin nicht. Früher sagte man, Singapur sei die Schweiz mit Palmen, und da ist was dran. Aber nicht, weil man tricksen will; die Schweiz hatte jahrhundertelang Frieden in einem kriegerischen Europa, hier ist Singapur ein sicherer Ort inmitten einer Region voller Kriege und Korruption. Das ist für das Geschäft entscheidend, deshalb kommen so viele Firmen hierher."

Neue Kunst-Cluster schießen aus dem Boden

Arndt hat von der Fläche her eine halbe Kunsthalle in einer alten Baracke gemietet, die auf einem ehemaligen Militärgelände liegt, das die Briten 1936 in ihrer Kronkolonie angelegt hatten. Die Gillman Barracks im Westen der Stadt wurden vor drei Jahren in ein Kunstcluster umgewandelt. Ein gutes Dutzend internationaler und lokaler Galerien hat sich in den schlichten Kolonialbauten niedergelassen, die sich locker einen Hügel hinaufziehen. Ringsum wuchert tropisches Grün, Singapur liegt nur hundert Kilometer nördlich des Äquators. Ab November ist Regenzeit, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 80 Prozent, der Schweiß rinnt bei 30 Grad, bevor man die Kühle der nächsten Galerie erreicht. Die wendige Perl Lam Galerie aus Hongkong ist natürlich mit von der Partie und zeigt gerade ihren Star Chun Kwang Young mit seinen Landschaftsbildern aus gefärbten und verschnürten Papierpäckchen. Aber auch der gestrenge Präzeptor chinesischer Gegenwartskunst, der Schweizer Lorenz Helbling, hat hier die erste Dependance zu seinem Stammhaus "ShangART" eröffnet. Mizuma Gallery zeigt den indonesischen Multimedia-Künstler Heri Dono mit martialischen Arbeiten zu den Ungerechtigkeiten seiner Heimat. Als wollten sie dazu ein Kontrastprogramm bieten, stellen die Newcomer Partners & Mucciaccia den amerikanischen Maler Frank Holliday vor, dessen romantischen Gemälden man kaum ansieht, dass er einst mit Jean-Michel Basquiat und Keith Haring durch New York gezogen ist. Unter den derzeit 16 Galerien gibt es eine ähnliche Vielfalt wie an anderen Galerieorten der Welt. Arndt hat sich die Kunstlandschaften von Indonesien bis Vietnam erschlossen und vermittelt Künstler an westliche Museen bis hin zum MoMA. Zur Zeit füllen die Bildmärchen der australischen Malerin Del Kathryn Barton die Säle. Für sie hat er bereits verschiedene Ausstellungen in Europa arrangiert.

Das Herzstück der Anlage ist jedoch das Centre for Contemporary Art Singapore mit seiner Ausstellungshalle und Ateliers für Künstler, Kuratoren und Kritiker. Gleich am Eingang zum Areal, hinter der Schranke, die ein Wächter hochlassen muss, als wäre hier immer noch Militär unterwegs, zeigt Ute Meta Bauer seit 2013 ein hochkarätiges internationales Programm. Aktuell hat sie den Argentinier Tomás Saraceno und seine Experimente mit Spinnen ausgestellt. In einer abgedunkelten Halle leuchten Spots Spinngewebe an, die mit Verstärkern in Kontakt stehen und die Bewegungen der Tiere in Schwingungen übertragen. "Tomás arbeitet sehr experimentell. Wir haben hier auch eine Reihe von Konzerten, bei denen die Musiker auf die Geräusche der Spinnen reagieren, und diese auf die Musik. Dass hier ein Zusammenspiel entsteht, so etwas wie ein geistiger Körper zwischen den Musikern und den Spinnen fasziniert Tomas", sagt Josie Brown, die Stellvertreterin von Ute Meta Bauer. Das CCAS versteht sich als nationales Forschungszentrum und ist Teil der Nanyang Technological University. Da passen solche Projekte bestens zum Konzept. Schnell wird das Gespräch grundsätzlich, und die Amerikanerin erzählt halb fasziniert, halb erschrocken von der Geschwindigkeit, mit der Künstler in China und anderen asiatischen Ländern sich vorwärts entwickeln und westliche Positionen hinter sich lassen.

In dreißig Jahren vom Slum zur Metropole

Immerhin setzt westliche Kreativität noch ein paar Duftmarken, denkt man. In Sichtweite ragt eine Wohnanlage in den Himmel, die Rem Koolhaas mit seinem Büro OMA entworfen hat. Architektur ist schon seit längerem ein Feld, auf dem sich Singapur internationale Beachtung verschafft. Der Inselstaat ist mit seinen knapp 700 Quadratkilometern kleiner als Hamburg und hat derzeit 5,6 Millionen Einwohner. Anderthalb sind alleine in den letzten zehn Jahren zugewandert. Es gibt eine wachsende Angst vor Überfremdung, die Regierung ist darauf eingegangen – jetzt schlägt die Wirtschaft Alarm, weil ihr die Arbeitskräfte fehlen.

Zum Ärger der Nachbarn wird dem Meer in großem Stil Land abgewonnen und bebaut. Als Singapur 1965 von Malaysia aus dem Staatenbund gefeuert wurde und auf eigenen Füßen stehen musste, galt es als eine der schlimmsten Slum-Regionen der Welt. Der wenige Kilometer lange Singapore-River im Zentrum der Stadt war so verseucht, dass ein UN-Experte für Umweltfragen empfahl, ihn zuzuschütten. Der Staatsgründer Lee Kuan Yew glaubte jedoch, dass eine Sanierung gelingen würde. "1990 hatte das Wasser fast Trinkqualität", erzählt Ida Betryl Cecil vom National Museum of Singapore, und man hört ihrer Stimme an, wie stolz man auf den Erfolg der raketenhaften Entwicklung in dem kleinen Land ist. Sauberkeit und Hygiene sind staatlich verordnet. Wer an einer öffentlichen Toilettenanlage nicht spült, erhält eine hohe Strafe.

Spektakelarchitektur der nuller Jahre

Um die sanitäre Situation für die vielen Menschen in den Griff zu bekommen, wurde kurz nach der Staatsgründung eine staatliche Baubehörde gegründet. Die Wohntürme erhielten einen minimalen Ausbaustandard sowie Geschäfte, Innenhöfe, Spielplätze, Restaurants und Kneipen für das soziale Leben der Bewohner. Irgendwann gehörte auch die Einbauküche im Bauhausstil dazu, die im Nationalmuseum zu bewundern ist. Diese Wohnanlagen bieten noch heute ein Stück Sozialismus im hochkapitalistischen Land. 82 Prozent der Bewohner Singapurs leben in Wohnungen aus öffentlichem Eigentum.

Singapur Kunstszene

Ganz in der nähe der Gillman Barracks lieget die Wohnanlage "The Interlace" von Rem Koolhaas 2013 geschaffen hat.

Ein paar der alten Konglomerate stehen noch. Doch  kaum irgendwo wird so schnell abgerissen wie in Singapur. Das war die Chance für die internationale Architektengilde. In den nuller Jahren hat die Fancy-Architektur der Blobs und aufgebrochenen Fassaden auch den asiatischen Tigerstaat erreicht. Da wo früher die Schiffe mit den Einwanderern aus China, den Philippinen und Indonesien in die Bucht vor der Stadt einfuhren, wurde eine Landzunge aufgeschüttet und 2010 das Hotel Marina Bay Sands errichtet. Der Casino-Ableger aus Las Vegas von Moshe Safdie Architects wurde schnell zu einem neuen Wahrzeichen der aufstrebenden Stadt. Auf drei Türmen mit jeweils zwei Beinen liegt eine 180 Meter lange Form, die an ein gestrandetes Boot erinnert. Hier kann man in einem Garten lustwandeln, sich Drinks mixen oder im Pool treiben lassen und auf die Wolkenkratzer-Silhouette gegenüber schauen.

Die mehrgeschossigen Blöcke, die Rem Koolhaas 2013 in der Nähe des CCAS für die Wohnanlage Interlace wie Container schräg übereinander gestapelt hat, zielen allerdings weniger darauf ab, einen verrückten Entwurf zu realisieren, um der Welt zu zeigen, was in Singapur alles möglich ist; sie berücksichtigen vielmehr die Windströme und sorgen dafür, dass die Wohnungen durch sie auf natürliche Weise gekühlt werden. "Sie waren zuerst ziemlich unbeliebt. Chinesen mögen direkten Kontakt zur Erde", erzählt Deborah Demaline von der Galerie Fost. Und Chinesen stellen 75 Prozent der Bevölkerung von Singapur. "Später waren die Bewohner jedoch begeistert, weil es in den Wohnungen nicht so heiß war", sagt sie.

Zum Weinen hätte der im April mit 91 Jahren verstorbene Staatsgründer Lee jedenfalls keinen Grund mehr. Als er 1965 verkünden musste, dass Singapur von nun an ohne Malaysia zu Recht kommen müsste, rannen ihm die Tränen vor laufenden Kameras übers Gesicht. Der öffentliche Gesichtsverlust hatten ihn glaubwürdig erscheinen lassen, als er von seinen Landsleuten harte Arbeit und absolutes Wohlverhalten einforderte. Der in New York ausgebildete Singapurer Künstler Jason Wee hat mit einer großen Arbeit an diese Situation erinnert. Im Singapore Art Museum SAM hat er aus 8000 Deckeln von Shampoo-Flaschen ein Porträt Lees erstellt, das nach dem Namen des Produkts "No more Tears, Mr Lee" heißt. Pop Art à la Singapur.

Kultur in Singapur ist vor allem Esskultur

Das Museum residiert unweit des Stadtzentrums in einer ehemaligen katholischen Schule, für die die Anlage im Kolonialstil zu klein wurde. Die Unterrichtsräume wurden klimatisch angepasst, sonst aber weitgehend belassen. Fünf Künstler aus Singapur zeigen derzeit unter dem Titel "Five Stars" Installationen zu gesellschaftlichen Grundwerten, unter ihnen die Venedig-Biennale-Teilnehmer Ho Tzu Nyen und Suzann Victor. Die Institution hat bisher die Fahne der Gegenwartskunst aus Singapur und der weiteren Region des südostasiatischen Raums in der Stadt hochgehalten. Seit letzter Woche bläst ihr allerdings ein rauer Wind ins Gesicht. Da hat auch Singapur eine National Gallery erhalten. Die neue Vorzeigeinstitution hat politisch erste Priorität. Das kleinere Haus wird zwar auch weitgehend vom Staat finanziert, wird sich aber umorientieren müssen. Die Gründung einer Nationalgalerie ist naturgemäß das große Thema der Singapurer Kunstszene und zunächst einmal vor allem eine politische Entscheidung. Singapur will ein Haus, das genügend Volumen hat, um internationale Aufmerksamkeit zu finden.

"Kultur in Singapur ist Esskultur. Das ist, was die Einwohner neben dem Einkaufen am meisten lieben.", sagt Sherman Sam. Der Maler mit Wohnsitz in London ist in der Stadt geboren und kommt regelmäßig hierher zurück. Dass das für eine globale Reputation aber längst nicht mehr genügt, bestätigt auch er. Unternehmen kommen wegen der Steuersätze hierher, Großbanken machen hier Geschäfte, die in Europa nicht mehr möglich sind. Doch um eine Metropole zu werden, braucht es mehr. Vor allem eine kulturelle Identität. Die kann eine Kunstszene bieten. "Wir sind da ein wenig wie die Schweiz, die hat auch eine lebendige Künstlerszene hervorgebracht. Sie ist eine Art Vorbild für Singapur", sagt der Maler.

Die Regierung ist in ihren Erwartungen nicht bescheiden. Ein Positionspapier spricht davon, dass man auf Augenhöhe mit Melbourne und Hongkong sein will und sich längerfristig an New York und London orientiert. Singapur als das neue Manhatten Asiens? Noch ist das ein Traum. Doch der anhaltende Boom gibt den Optimisten recht: Seit 2006 gibt es eine Kunstbiennale, 2011 eröffnete Lorenzo Rudolf, der ehemalige Chef der Art Basel, im Casino-Hotel Marina Bay Sands die Kunstmesse "Art Stage Singapore", die ihren Schwerpunkt auf die Länder des ASEAN-Raums legt. Und wenn es Gelder braucht in Singapur, hat man auch schnell die nationale Tourismusbehörde an Bord. "Da der Regierung Kunst im Moment so wichtig ist, haben wir gute Voraussetzungen für Finanzierungen", sagt Paul Tan, der stellvertretende CEO des National Arts Council, "wie das in ein paar Jahren aussieht, wissen wir nicht."

Alle Künstlerwünsche werden erfüllt

Die neue Lebendigkeit der Stadt hat sich auch international bei Künstlern herumgesprochen: Das Singapore Tylor Print Institute in feiner Lage direkt an einer der drei Quaianlagen am Fluss unweit des Zentrums, geht auf eine private Initiative zurück. Sie umfasst auch eine Druckwerkstatt und lädt jedes Jahr bis zu acht Künstler ein, während ein paar Wochen Werke mit Papier zu entwickeln. Die Konzepte werden dann von einem Team von Fachleuten umgesetzt, bis die Künstler für die Endphase wieder einfliegen. Für die sei es dann ein bisschen wie Weihnachten. "Wir sagen nie nein, egal was die Künstler auch für Vorstellungen entwickeln", sagt Rita Targui. Für die in Berlin lebende Koreanerin Haegue Yang war die Stadt voller Gewürze. Sie wollte damit monochrome runde Scheiben auf Schmirgelpapier drucken. Man hat endlos getüftelt, bis die Materialien aufeinander hielten. Do Ho Suh zeigt in den Galerieräumen gerade großformatige Papierarbeiten, bei denen bunte Fäden durch komplexe Gelatine-Verfahren so ins Papier eingebunden sind, dass sie wie dicke zeichnerische Linien wirken. In einem neuen Projekt hat er während seines letzten Aufenthaltes Steckdosen, Türgriffe, sogar Klopapierrollen des Instituts mit dünnstem Papier abgeformt. "Wir wussten schon nicht mehr, wie wir uns bewegen sollten", sagt Rita Targui. In einem laufenden Projekt arbeiten Tobias Rehberger und Rirkrit Tiravanija zusammen.

Do Ho Suh

Do Ho Suh bei der Installation einer Arbeit im Singapore Tylor Print Institute.

Eine Nationalgalerie der Superlative

Was diesem wuchernden Geflecht von Kunstinstitutionen nach Meinung der Regierung fehlte, war ein Schwergewicht, an dem sich alle ausrichten sollen und das eine breite globale Ausstrahlung entwickelt. Dafür wurde die Nationalgalerie etabliert. Sie soll die Kunst des Inselstaates pflegen und zugleich in der weiteren Region Südostasien verorten. "Kunst und Kultur erzählen die Geschichte unserer jungen Nation und helfen uns zu verstehen, wer wir sind und woher wir kommen", sagte Ministerpräsident Lee Hsien Loong bei der Eröffnung.

Für die anspruchsvolle staatspädagogische Aufgabe wurde ein Museum geschaffen, das bereits an seiner äußeren Gestalt sowohl das politische Geltungsbedürfnis wie auch den Pragmatismus und Patchwork-Charakter Singapurs ausdrückt. Anders als etwa in Hongkong, dem Konkurrenten um Aufmerksamkeit und Erfolg in der weiteren Region, hat man nicht auf ein neues Haus gesetzt, sondern zwei bestehende Gebäude miteinander verbunden. Der alte Supreme Court und das Rathaus drohten zu verfallen. Weder Behörden noch Hotels wollten die neoklassizistischen Bauten mit ihren Säulenfronten samt seiner reichen Historie übernehmen. Immerhin hat Japan hier die Kapitulationsurkunde am Ende des Zweiten Weltkriegs unterzeichnet und auch die Bevölkerung hat hier häufig für die Unabhängigkeit demonstriert. Als Politiker 2005 von der Notwendigkeit sprachen, eine Nationalgalerie zu begründen, bot sich die Kunst als neuer Bewohner an.

Singapur Kunstszene

Für die neue Nationalgalerie wurden zwei bestehende Gebäude miteinander verbunden.

2007 lobte man einen Wettbewerb aus, der bis hin zum Gerichtsmobiliar strenge Auflagen zum Erhalt der historischen Substanz machte. Der siegreiche französische Architekt Jean-Francois Milou versuchte aus der Not eine Tugend zu machen. Er vereinte die benachbarten Gebäude unter einem gemeinsamen Dach, machte die Straße zwischen ihnen zum zentralen Innenraum und versah die beiden Bauten mit drei Untergeschossen. Wer das Gebäude durch einen der acht Eingänge betritt, muss erst einmal über Stufen oder Rolltreppen nach unten zu Garderobe und Ticketing, bevor er sich nach oben zu den Ausstellungen in beiden Flügeln begibt. Das soll den Besuchern zu besserer Orientierung verhelfen. Die weitgehend erhaltenen Räume von städtischer Verwaltung auf der einen und Gericht auf der anderen Seite lassen das aber nur bedingt zu. Die stattlichen 12 000 Quadratmeter Ausstellungfläche sind in ein Labyrinth von Gängen und Treppen eingelassen, das man am besten mit Lust auf Abenteuer besteht. Immerhin sind für 532 Millionen Singapur-Dollar 64 000 Quadratmeter Nutzfläche entstanden, die jährlich 1,5 Millionen Besuchern Raum bieten soll. Das ist auch im erfolgsverwöhnten Tigerstaat ein ehrgeiziges Ziel.

Zwei große Dauerausstellungen zeigen, welches Profil Direktor Eugene Tan und sein Team aus fünfzehn Kuratoren für das Haus vorgesehen haben. Aus der hauseigenen Sammlung von rund 10 000 Objekten und zahlreichen Leihgaben internationaler Museen wird anhand thematischer Schwerpunkte aufgezeigt, welche Entwicklungen die Kunst aus Singapur und die der südostasiatischen Region seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmt haben. Der Bilderbogen illustriert mit Fotografien, Stichen und Zeichnungen den exotischen Blick, den Kolonisatoren in ihre Länder zurückgebracht und mit dem sich Künstler aus der Region auseinandergesetzt haben. Fernöstliche Paradiese gehören ebenso dazu wie eine bedrohliche Natur mit wilden Tieren. Es geht vor allem um die kolonialistische Vergangenheit und die Kämpfe um eine neue nationale Identität, die die sonst sehr verschiedenen Staaten zwischen Indien und China gemeinsam haben. Und darum, in einer globalen postmodernen Welt vielfach gebrochene lokale Traditionen und vielschichtige Überlagerungen individueller Identitäten zu erkunden.

Selbst Besucher aus Hongkong sind neidisch

Selbst Besucher aus Hongkong zeigten sich ein wenig neidisch auf die neue Nationalgalerie. Sie haben zwar die lebendigere Galerienszene mit globalen Playern wie Gagosian und White Cube, und sie haben mit der Art Basel auch die schlagkräftigste Messe an Bord, die internationale Topsammler in die Stadt bringt. Aber auf das "M+", ihr großes Museum, müssen sie noch bis voraussichtlich 2019 warten. Da hat ihnen Singapur fürs erste den Rang abgelaufen – zumindest was die Wahrnehmung in der Region betrifft. Doch Chong Siak Ching, CEO des National Museum Singapore, gibt sich bescheiden: "Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu Hongkong, sondern wir hoffen auf eine fruchtbare Zusammenarbeit." Und Ihr Museumsdirektor Eugene Tan ergänzt: "Die Region ist so groß, und wir haben eine unterschiedliche Ausrichtung: Hongkong ist mehr auf China fokussiert, wir wollen die Bedeutung des ostasiatischen Raums mehr ins Bewusstsein bringen. Die Künstler aus dieser großen Region finden derzeit noch zu wenig Beachtung."

Ob Einheimische und Touristen und das zu schätzen wissen? "Wir können jetzt Kunst als Teil eines Freizeitpakets anbieten", sagt Debbie Lim Qiaoer vom nationalen Tourismusbüro mit einem leichten Grinsen.