Symposium zur Zukunft des Museums

Inspirationsmaschine oder Fehlkonstruktion?

In der Staatsgalerie Stuttgart diskutierten Museumsmacher, Wissenschaftler und Journalisten über "Grenzen des Wachstums". Dabei prallten Extreme aufeinander: Die einen wollen im Kunstmuseum aktuelle, gesellschaftliche Themen verhandeln, die anderen wünschen sich, in Ruhe sammeln und forschen zu können. Ein Redner hält das Wesen des Musems gar für komplett paradox. Unsere Korrespondentin Adrienne Braun fasst die wichtigsten Thesen zusammen.
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Ist das Museum eine paradoxe Fehlkonstruktion? Pieter Bruegel der Ältere: "Der Turmbau zu Babel", Rotterdamer Version, 1563

Viele Kollegen waren empört. Landauf, landab engagieren sich Museumsmacher für die Kunst, kämpfen um Neubauten, Fördermittel, Unterstützer – und dann kommt Christiane Lange daher und sagt: "Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen. Wer soll sich das denn alles noch anschauen?" In einem Interview in der FAZ sorgte die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart schon vor Wochen für Aufregung. Wer das Niveau der Kunstmuseen hoch halten wolle, müsse die Kulturgelder in "Flaggschiffe" stecken und nicht in immer neue Museen oder Ausstellungshäuser.

Eine Steilvorlage für den Kongress "Grenzen des Wachstums", bei dem Museumsmacher aus der gesamten Republik nun in die Staatsgalerie Stuttgart gekommen sind, um ein Thema zu diskutieren, was auch gesamtgesellschaftlich hoch virulent ist: grenzenloses Wachstum. Aber während in anderen Bereichen längst über Nachhaltigkeit und den sinnvollen Umgang mit Ressourcen diskutiert wird, sind Museen auf Wachstum ausgerichtet und verkörpern "gebaute Wohlstandserwartung", wie Walter Grasskamp meint.

»Ausgerechnet im Museum verdrängt die Gegenwart die Vergangenheit«

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Der Professor für Kunstgeschichte an der Münchener Akademie hält das Kunstmuseen für eine "erfolgreiche Fehlkonstruktion", die ihrem Wesen nach widersprüchlich ist. Denn je mehr angekauft wird, desto stärker komme eine "Dynamik des Verbergens" in Bewegung und verschwinde immer mehr im Depot, so Grasskamp. Daran änderten auch die An- und Neubauten nichts, denn je größer die Räumlichkeiten, desto mehr steige der Platzanspruch der zeitgenössischen Werke, was wiederum eine Paradoxie hervorbringe: Immer mehr kleine, historische Werke müssten weichen. "Ausgerechnet im Museum verdrängt die Gegenwart die Vergangenheit", so Grasskamp.

Wachstum löst also nicht Raum- oder Kapazitätsknappheit, sondern erfordert letztlich weiteres Wachstum – wobei die öffentliche Hand viel in Neubauten investiert, aber nicht genug in den Betrieb, wie man sich einig war. Während Christiane Lange aber überzeugt ist, dass lieber weniger Museen ausreichend finanziert werden sollten, wurden beim Symposium auch Stimmen laut, dass das nicht heißen dürfe, in der Region Häuser zu schließen – zumal gerade dort "häufig Dinge erforscht werden, zu denen die Zentralmuseen nicht mehr kommen", wie Karin von Maur meint, die frühere stellvertretende Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart.

Bevor man Häuser schließt, sollte man lieber das Potenzial der Museen nutzen, das derzeit nicht annähernd ausgeschöpft wird. Denn statt immer nur über Kunst zu sprechen, seien Museen durchaus auch geeignet, "alle Fragen der Gegenwart zu verhandeln", wie Barbara Welzel meint. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte in Dortmund und wünscht sich, dass aktuelle Debatten auch anhand von Objekten im Museum diskutiert würden. Museen seien in besonderer Weise geeignet, "das europäische Selbstverständnis" zu reflektieren. Deshalb sollten sie auch in der europäischen Stadt präsent sein – wie auch Bahnhöfe oder Fußballstadien. Das sind sie bisher allerdings nicht, sonst, so Wetzel, wüssten Taxifahrer, wo die Museen der Stadt sind. Das Museum als Ort, an dem gesellschaftliche Fragen verhandelt werden – eine Vision, für die Welzel viel Applaus bei dem gut besuchten Stuttgarter Kongress erhielt. Die Referenten würden sich ihr sicher nicht alle anschließen, mitunter hörte man große Furcht vor Veränderungen heraus.

Das Museum als Inspirationsmaschine

Wenn es etwa nach Wolfgang Ullrich geht, sollte das Museum möglichst wieder zurückkehren zum "Früher", zu Zeiten, als "die Werke rein für sich als Überlegenes wahrgenommen wurden". Während früher "der alte Kustos im Dienst der Werke stand", stehe man heute "ganz klar auf Seiten des Publikums". Ullrich meint in der Gesellschaft "die Herrschaft eines Kreativitätsdispositivs" auszumachen. In Folge der Demokratisierung sei der heutige Mensch "dauernd auf der Suche nach Inspiration, um Kreativität real werden zu lassen".

Um diesem Kreativitätsstress standzuhalten, würden nicht nur Konsumprodukte wie zum Beispiel Tees Kreativität versprechen, sondern werde auch von Museen erwartet, dass sie die Kreativität stimulierten. "Die Besucher kommen nicht mehr, weil sie Meisterwerke devot bewundern, sondern sich selbst als Kreative erleben wollen", so Ullrich.

Grenzen des Wachstums

Das Symposium fand am 26. und 27. November in der Staatsgalerie Stuttgart statt. Auf der Internetseite der Veranstaltung finden Sie Hintergrundinformationen und Statements der Redner.

Die größte Gefahr für das Museum wittert Ullrich bei den Kunstvermittlern, die in den Museen "vielleicht bald ganz den Ton angeben", wie er besorgt meinte. Er ist überzeugt, dass die Vermittlung in den vielen Museen der Republik nichts anderes tut, als Kreativitätsangebote zu machen "für die, die zu wenig Übung haben, um in Stimmung zu kommen".