Erste Lektüre zur Documenta 14

Im Süden nichts Neues?

Es ist eine der ersten diskursiven Verlautbarungen der künftigen Documenta: Die sechste Ausgabe des griechischen Kulturmagazins "South as a State of Mind" wird zum Documenta-Journal umfunktioniert. art-Autor Till Briegleb hat den Band, der am Wochenende in Berlin und Kassel präsentiert wird, gelesen und sich über die Menge an Theorieversatzstücke aus den achtziger Jahren gewundert. Ist das politische Nostalgie oder gewinnen die alte Debatten um kulturelle Hegemonie oder Postkolonialismus gerade jetzt eine neue Dringlichkeit?
Im Süden nichts Neues?

In den neonbeleuchteten Seminarräumen und verrauchten WG-Küchen der Achtziger Jahre, wo sich Studenten der Kultur- und Geisteswissenschaften in großem Ernst über Theorien stritten, gab es einige sehr typische Wörter. Zum Beispiel "Palimpsest", "Dispositiv", "Hegemonie" oder "Differenz". Es gab Autoren, die man gelesen haben musste, wie Michel Foucault, Franz Fanon oder Roland Barthes, wenn man mitreden wollte. Und es bestand eine große Vorab-Einigkeit in dieser Endphase der großen Weltblöcke, dass der Kapitalismus die Wurzel allen Übels sei. Die möglichst kompliziert formulierte Analyse, die damals schick war, konnte nur dem Zweck dienen, diese Wahrheit so lange bloßzulegen, bis Umsturz irgendwann unvermeidbar sei.

Mit dem ersten von vier "Readern", die Documenta-Leiter Adam Szymczyk vor der Eröffnung seiner Doppelschau in Athen (April 2017) und Kassel (Juni 2017) zur Einstimmung publiziert, hat man jetzt eine echte Zeitmaschine in diese Achtziger und ihre interessante Diskursbesoffenheit zur Hand. "South – As a State of Mind", ein 260-seitiges Aufsatz-Kompendium in Magazingröße, benutzt nicht nur all diese Wörter, behandelt all diese Autoren und formt im Geiste der kapitalismuskritischen Geschichtsanalyse den Wunsch, eine neue Aufklärung möge einen grundlegenden Wandel der Verhältnisse herbeiführen.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Das wie ein Seminar-Reader gestaltete, gelbe Debattenbuch trifft auch genau den Ton jener Ära. Die ganze Breite der damals debattierten Themen wird in "South – As a State of Mind" reanimiert. Von der sexuellen Selbstbestimmung über den Kolonialismus zur Dritte-Welt-Solidarität, von der Faschismus- und Gewaltgeschichte zum Hegemonialstreben des modernen Kapitalismus, von den Rätseln des Symbols und der Struktur der Systeme bis zur Disziplinierung und Differenz in der Gesellschaft ist dieses Debatten-Kunst-Buch "80’s reloaded".

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen

Wenn man also ein wenig Kaffeesatzleserei betreiben will, was die Besucher auf der Zwillingsdocumenta 2017 erwartet, dann scheint das Denken von Szymczyk und seinen Mitstreitern auf eins hinauszulaufen: die Rückkehr der intellektuellen Politik (und zwar im Gegensatz zur documenta 13 vollkommen esoterikfrei). Doch anders als in den politisch eher ruhigen Zeiten der Achtziger, wo das allgemeine Konsumverhalten alles akademische Reden über Zusammenhänge eher ad absurdum führte, ist Politik heute absolut unausweichlich. Und das verändert den Kontext dieser Debatten entscheidend.

Die Präsenz des Krieges durch den islamistischen Terror und die Ankunft der Flüchtlinge mitten in Europa, der ökonomische Absturz ganzer Bevölkerungen durch eine verfehlte Schuldenpolitik, die neue Gewaltbereitschaft rechter Aggressoren und die neue kriegerische Geopolitik von Putins Russland schaffen eine Wirklichkeit, vor der die introvertierten Debatten der Achtziger plötzlich ihre damals vermisste Brisanz entfalten. Nach Absicht des d14-Leiters geht es bei dem nächsten größten Kunstfestival der Welt in Kassel und Athen deshalb um konkrete Politik für Europa: "Die documenta 14 will versuchen", so Szymczyk in seinem Einleitungstext, "eine Echtzeit-Reaktion auf die veränderte Situation in Europa zu liefern, einem Kontinent, dessen Zukunft als Geburtsort von Demokratie wie Kolonialismus dringend besprochen werden muss."

Szymczyk verfolgt offenbar einen kunstaktivistischen Politikansatz

Nicht "Artefakte" will Szymczyk diesmal versammeln, keine "Insel" schaffen, wo "spekulatives Denken und utopische Abschweifungen" inszeniert werden. "documenta 14 sieht sich selbst als ein Theater der Aktionen", erklärt Adam Szymczyk, eine "performative Verkörperung von Erfahrungen, die allen Beteiligten zugänglich sind." Im Gegensatz zu den zirkelartigen Theoriediskussionen der Achtziger will er ausdrücklich Künstler und Denker "von der Passivität befreien", die sie sich durch eitles intellektuelles Verhalten durchaus selbst zuzuschreiben haben.

Im Süden nichts Neues?

Fotografien des Künstlers Jonas Mekas in South as a State of Mind #6 (documenta 14 #1), S. 114/115

Geschichtsverständnis ist für diesen kunstaktivistischen Politikansatz grundlegend. Deswegen behandeln zahlreiche der Texte von "South – As a State of Mind" das Unrecht und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – das in seiner Bilanz des Grauens den meisten Menschen täglich weiter entfernt erscheint. In einem Essay von 1943 beschreibt Hannah Arendt, warum sie das Wort "Refugee" für sich ablehnt, auch wenn sie gezwungen ist, in einem anderen Land zu leben. Die Tagebücher des Filmemachers, Künstlers und Dichters Jonathan Mekas aus seiner Zeit als Displaced Person im Deutschland der Vierziger (unter anderem in Kassel) oder die biografisch-analytische Reise von Francoise Vergès zu den Wurzeln ihres Politikverständnisses in den französischen Kolonien Réunion und Algerien rebellieren gegen das akute Vergessen von Unrecht als Basis von Reichtum.

Überhaupt zieht sich das Thema der Ungleichheit wie ein Roter Faden durch die Textsammlung, sei es in einem Essay zur Darstellung des Elends bei Courbet, in einer Erinnerung an die Schuldendebatte in Afrika in den Achtzigern oder in einer Würdigung des karibischen Philosophen Edouard Glissant und seiner Vorstellung der "Kreolisierung" als ausgleichende Kulturstrategie. Und auch Szymczyks bisher bekanntester Plan, die Ausstellung der Gurlitt-Sammlung in der Neuen Galerie in Kassel, behandelt extreme Ungleichheit, hier als Voraussetzung für das Anhäufen eines Kunstschatzes. Mit den Künstlern Hans Haacke und Maria Eichhorn diskutiert Szymczyk den Zweck einer solchen Ausstellung für das Erzeugen von Bedeutung.

Im Süden nichts Neues?

Zeichnung von Miriam Cahn: "Blick in die Zukunft", 2014 in South as a State of Mind #6 (documenta 14 #1), S. 110

Es gibt auch andere zeitgenössische Künstler, die an diesem Buch teilhaben und deren Mitwirken man bei dem "Theater der Aktionen" 2017 erwarten darf. Die Schweizer Malerin Miriam Cahn wird mit geisterhaften Buntstiftzeichnungen zu Adolf Eichmann, syrischen Flüchtlingen, Tod und Zukunft prominent präsentiert; ebenso wie der libanesische Fotograf Fouad Elkoury mit Fotos aus Kairo, Gaza und Beirut, die Zerstörung, trügerische Idylle und Lebensfreude nebeneinander stellen. Naeem Mohaiemen, der seit vielen Jahren über den Wandel der Linken und ihrer Utopien arbeitet, oder die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujin, die mit einem Projekt aus (wann? Natürlich:) den Achtzigern zu verbotener Lektüre vorgestellt wird, bei dem ein Partenon aus Gitterstäben mit 25 000 Büchern aus den Kellern der Militärdiktatur aufgefüllt wurde, geben ebenfalls eine klare Ahnung von den Programmideen zur politischen Kunst, die Adam Szymczyks Team umtreibt.

Präsentation von "South as a State of Mind"

Vorträge, Lesungen und Gespräche zum Auftakt des Publikationsprogramms der documenta 14:

  • am 5. Dezember 2015, 19:30 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof in Kassel, mit Andreas Angelidakis, Marina Fokidis, Ayse Güleç, Quinn Latimer, Adam Szymczyk und Margarita Tsomou
  • am 6. Dezember 2015, 19:00 Uhr im SAVVY Contemporary c/o Silent Green in Berlin, mit Akinbode Akinbiyi, Marina Fokidis, Peter Friedl, Bouchra Khalili, Quinn Latimer, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Adam Szymczyk und Françoise Vergès

Ob die alten politischen Insiderbegriffe linker Intellektueller aus den Achtzigern wirklich dazu taugen, in Kunst übersetzt aktive Veränderung zu provozieren, dürfte eine Prüfung dieser Documenta 14 werden. Ein wirklich politisch bewegendes "Museum" der Hundert Tage in Kassel und Athen verspricht aber auf jeden Fall die richtige Antwort auf eine Zeit zu sein, die mit der Rückkehr konfrontativer Geschichte nach Europa einen neu erwachten politischen Mensch verlangt, der sich bildet, skeptisch nachdenkt und konkret einmischt.