Hungerstreik - Moskau

Künstler im Hungerstreik

Seit Jahren schon zählt die russische Hauptstadt zu den teuersten Metropolen der Welt, vor allem wegen rasant steigender Büropreise. Zunächst musste der Moskauer Schauspielerverband sein Haus in der Innenstadt räumen. Jetzt hat es den Bildhauerverband getroffen. Die Künstler traten daraufhin in einen Hungerstreik, mussten ihn aber nach fünf Tagen abbrechen. Die Behörden, wie auch die Medien, ignorieren die verzweifelten Künstler weiterhin.
"Wir wissen nicht, was wir noch tun können":Künstler im Hungerstreik

Das Gebäude des Moskauer Bildhauerverbands, an den Fenstern klebt noch das Wort: "Hungerstreik"

Die russische Künstlerszene erlitt einen neuen Rückschlag im ungleichen Kampf gegen die explodierenden Immobilienpreise und Willkür der Behörden. Diesmal hat es den Bildhauerverband in Moskau erwischt. Die Behörden haben überraschend den Mietvertrag gekündigt und beschlossen, dass der Künstlerverein sein altes Haus in der Moskauer Innenstadt räumen muss. Einziehen soll eine dubiose "Stiftung für kulturelle Zusammenarbeit", von der niemand etwas gehört hat, aber in deren Vorstand – welch ein Zufall – der Leiter der russischen Kulturbehörde Michail Schwydkoj sitzt.

Im Januar haben Unbekannte in Uniform das Erdgeschoss besetzt. Es war ein privater Sicherheitsdienst im Auftrag des neuen Mieters. Die Bildhauer starteten öffentlichen Protest; schrieben Briefe an die Regierung, klagten vor Gericht, riefen Massenmedien auf. Alles ergebnislos. Vor einer Woche gingen mehr als hundert Künstler in Moskau auf die Straße zu einer Protestkundgebung gegen den Rausschmiss der Bildhauer, angeführt von dem Vorsitzenden des Kulturausschuss der Duma – auch ohne jegliche Wirkung.

Wenige Tage später entschlossen sie sich zu einer Verzweifelungstat und traten in Hungerstreik. Es hat keine fünf Tage gedauert, bis die Ärzte auf Abbrechen der Aktion bestanden. "Wir wissen nicht, was wir noch tun können, um Gehör zu finden. Wir wollen das Haus nicht einfach so aufgeben", sagte Iwan Kasanskij, Vorsitzender des Moskauer Malervereins und Teilnehmer des Hungerstreik kurz nach dem Abbruch der Protestaktion.

Der Fall des Moskauer Bildhauervereins ist typisch für das neue Russland. In der Sowjetunion war die Künstlerelite verehrt, der Staat vergab an sie gern Altbauten im historischen Zentrum. Die Zeiten ändern sich. Die Grundstücke im Zentrum von Moskau sind heiß begehrt, der sanierte Bau aus dem 18. Jahrhundert wird früher oder später den Besitzer wechseln.

"Unsere Vorgänger haben in den siebziger Jahren das Gebäude vor Abriss gerettet und renoviert, jetzt will der Staat und rausschmeißen, und wir sind hilflos", sinniert Kasanskij. Weder auf die Demonstration noch auf den Hungerstreik haben die Behörden reagiert. Russische Medien, fest unter staatlicher Kontrolle, haben sowieso gar nicht berichtet.