Museum Brandhorst - München

Schönheitskomplex

Endlich eröffnet das neue Museum Brandhorst in München: ein schmucker Palast für Spitzenwerke der Gegenwartskunst des Privatsammlers Udo Brandhorst – und ein umstrittenes Projekt zur Erweiterung des staatlichen Pinakothekenareals. Einen aktuellen Bericht zur Eröffnung finden Sie ab dem 21. Mai auf art Online.
Schönheitskomplex:Das neue Museum Brandhorst in München

Blick von der Pinakothek der Moderne: Das neue Brandhorst-Museum bildet den Abschluss des Kunstareals zur Türkenstraße

Die ersten Keramikstäbe wurden aus der bunt schillernden Gitterfassade bereits herausgebrochen. Das neue Museum im Münchner Pinakothekenviertel zog vor seiner Eröffnung durch sein farbenfrohes Gepräge jede Menge Bauzaungäste an – und vereinzelt eben auch brachiale Souvenirjäger. Das Aufsehen in der Maxvorstadt um das außen poppige Museum Brandhorst wird sich mit der Zeit legen, wenn das Haus am 21. Mai nach einiger Verzögerung für das Publikum zugänglich wird.

Dann erst erschließt sich die von dem Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton erbaute und aus Schallschutzgründen mit 36 000 Keramikstäben verkleidete Schatztruhe eines Privatsammlers in seiner ganzen Delikatesse. Dann zeigt sich aber auch, wie die nicht nur wegen der Extrawünsche des Stifters etwas umstrittene Kollektion der Gegenwartskunst sich auf Dauer im Verbund mit den Pinakotheken behaupten wird.

Udo Brandhorst, ein vor Jahren aus Köln zugezogener Sammler, hat den an Kunst nach 1945 eher unterversorgten Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ein willkommenes Präsent gemacht. Rund 700 Arbeiten sind heute in der ursprünglich mit seiner bereits gestorbenen Frau Anette zusammengetragenen Privatsammlung zur Kunst der Nachkriegsmoderne vorhanden. Über Cy Twombly und Andy Warhol hinaus kann der 70-jährige Stifter auf relativ dichte Sammlungskomplexe von Christopher Wool, Mike Kelley, Robert Gober, Damien Hirst verweisen. Schöne Schlaglichter werden auch auf Werkphasen von Katharina Fritsch, Bruce Nauman, Eric Fischl und Franz West geworfen. Von Letzterem hat Brandhorst jene herrlich ungeschlachte siebenteilige Skulpturenfamilie aus Pappmaché und Alu erworben, die unter dem Titel "Das Fragile an seiner Kloake" (2007) auf der Biennale in Venedig an körperliche Urbedürfnisse appellierte. In einem schmalen Raum sind die teils als Sitzmöbel benutzbaren lackierten Riesenwürste des Österreichers jetzt bei der Erstpräsentation in bedrängender Dichte postiert.

120 Millionen Euro bringt Brandhorst an Stiftungskapital mit

Dass der Staat als Gegengabe für die Überlassung privater Kunstschätze ein museales Gehäuse liefert und dieses auch personell unterhält, ist so ungewöhnlich nicht. Man kennt ähnliche Kontrakte vom Museum Berggruen in Berlin oder dem Museum Buchheim am Starnberger See. Weitgehend fremd ist allerdings, dass Brandhorst hier nicht nur ein Denkmal gesetzt wird, sondern dieser nun auch zusammen mit seinem von der Stiftung bezahlten Direktor Armin Zweite quasi unumschränkt regieren darf. Darauf angesprochen, warf Udo Brandhorst früher gerne markige Gegenfragen in den Raum: "Glauben Sie, dass die öffentliche Hand besser sammelt als die Privatsammler?" Damit hat er sich nicht unbedingt Freunde gemacht, zumal die Sammlung unter seinem Namen nun Teil eines der wichtigsten Museumsquartiere der Welt geworden ist. Der Tonfall hat sich unterdessen verändert. So bekundete Brandhorst im art-Interview, dass es natürlich darum gehe "ein neues Terrain sowohl für das Museum Brandhorst als auch für die Pinakothek der Moderne zu sondieren". Armin Zweite, der von den Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen nach München wechselte, bestätigt: "Wir können keinen eigenen Stiefel fahren. Dadurch, dass das Museum Brandhorst ohnehin schon so ein Alleinstellungsmerkmal hat, dadurch dass es ein eigener Bau mit einer eigenen Identität ist, werden wir uns bei Erwerbungen, bei Ausstellungen und Publikationen umsehen, was der Partner macht."

Respektable 120 Millionen Euro bringt Brandhorst an Stiftungskapital mit. Wenn die Finanzkrise nicht weiter ihre dunklen Kreise zieht, darf man mit einem Zinsertrag und damit Ankaufsetat von zwei Millionen rechnen. Die Zahlen erklären, warum Konservatoren gewissermaßen einen Kniefall vor dem rheinischen "Kunstsegen" machten. Brandhorsts Etat erlaubt Erwerbungen, die sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gemeinhin nur im Traum ausmalen dürfen. Seinerzeit, als die Sammlung 2000 erstmals in München vorgestellt wurde, war in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einem "Danaergeschenk" die Rede. Das ist natürlich Unsinn. Welches Museum wäre rückwirkend in der Lage, aus eigenen Stücken eine Installation von Mike Kelley wie die mit obskurem Schmuddelkram angefüllte Hütte "The Keep" von 1998 zu erwerben?

"Es ist ein sehr statisches Haus"

Kaum eine Twombly-Ausstellung kommt heute ohne Leihgaben von Brandhorst aus. Er hat auch den in Schwefel-, Blut- und Schwarztönen auflodernden "Lepanto-Zyklus" (2001) von Cy Twombly gekauft. Dem abstrakten Schlachtenopus ist im ersten Geschoss des Museums ein eigens gekurvter Raum gewidmet, der allerdings fast ein wenig zu klein für die zwölfteilige Bildsequenz wirkt. Und auch wenn man den späten Warhol nicht liebt, so ist doch auch hier mit ein paar schönen Bildern zu rechnen: Mit den ironisch informell gehaltenen "Oxidation Paintings" etwa, metallisch beschichteten Bildtafeln, auf die Warhol und seine Assistenten urinierten. Und es ist noch ein frühes Popjuwel hinzugekommen: "Besonders stolz bin ich auf den Erwerb einer großen Arbeit von Andy Warhol mit dem Titel 'Mustard Race Riot' von 1963", frohlockt Brandhorst.

Brandhorst bewies geschickte Durchsetzungskraft

Alte Bekannte Brandhorsts aus seiner Zeit als Vorstand der Rheinland-Versicherungsgruppe schildern ihn als Ästheten. Er selbst gibt sich in der Öffentlichkeit eher scheu und bezieht auch nur widerwillig Stellung zu seiner Sammelleidenschaft. Lange versteckte er sich hinter dem Andenken an Anette Brandhorst, einer profunden Kunstkennerin aus der Henkel-Dynastie: "Mit meiner Frau habe ich immer vorhandene Bestände verstärkt." Andererseits bewies Brandhorst durchaus geschickte Durchsetzungskraft: Der Staat hat ihm nicht nur den 48 Millionen teuren Museumsriegel finanziert, er orderte einen anderen Architekten als den sonst für das Areal der Pinakothek der Moderne zuständigen Stephan Braunfels. Der zweite Bauabschnitt für die Graphische Sammlung wurde wegen der Vordringlichkeit Brandhorsts verschoben. Zudem darf er jetzt im geheimen Zwiegespräch mit Zweite allein über Ankäufe entscheiden. Dem Vernehmen nach hat Brandhorst zuletzt zwei größere Werkblöcke von David LaChapelle erworben. "Das ist wohl wahr!", sagt Zweite und hüllt sich sonst in sibyllinisches Schweigen. Weiß der Himmel, was der zu operettenhafter Verstiegenheit neigende US-Modefotograf in Brandhorsts Sammlung zu suchen hat.

Über den Haupteingang in der Theresienstraße, durch das von einem Café und Buchladen flankierte Foyer gelangt man zu den mittels einer frei tragende Eichentreppe verbundenen drei Ausstellungsgeschossen. Lichtlenker an der Außenfassade ermöglichen es, dass diffuses, auf Deckenspiegel gesteuertes Tageslicht sogar bis ins Souterrain fällt. Dort, in dem 460 Quadratmeter großen Patio, lassen sich auch Skulpturen oder sonstige Großformate präsentieren. Klimatechnisch ist Sauerbruch Hutton in dem 3200 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfassenden Museum zwar ein Coup gelungen, aber das innovative System der Wärmespeicherung birgt auch Nachteile. "Es ist ein sehr statisches Haus", sagt Zweite und wirkt darüber nicht gerade glücklich. Weil wasserführende Rohre hinter den Wänden verborgen sind, ist die Raumaufteilung ein für allemal fixiert.

Schrittweise Öffnung zur Gegenwart

Wie die meisten Privatsammlungen zeichnet sich auch Brandhorsts Konvolut durch eine stark subjektive Note aus. Minimal Art gehört jedenfalls nicht zu den favorisierten Stilrichtungen, eher deren Gegenspieler. Am stärksten in die Gegenwart weisen Arbeiten von Andreas Slominski, darunter eine über den Köpfen der Besucher teuflisch samt Wasserinhalt in Gang gesetzte Waschmaschine. Mit Isaac Juliens Video "Western Union: Small Boats" (2007) hat sich Brandhorst vorsichtig weiter dem Zeitgenössischen geöffnet, überhaupt seine erste Medienarbeit erworben. Immerhin ist die Sammlung anders als die große Stiefschwester Pinakothek der Moderne im glücklichen Besitz eines Videoraums. Wenn Ende des Jahres die erste Neugier des Publikums gestillt ist, will man eine dezente Umhängung wagen.

Auf der Rückseite des Museums soll bald schon Damien Hirsts Anatomiekoloss "Hymn" (2000) seine offen liegenden Eingeweide in Richtung Pinakotheken zur Schau stellen. Vielleicht kündigt sich mit diesem Bronzetorso, wenn auch auf pathologischen Umwegen, das Angebot zu einem wirklichen Austausch an. Das Geschick des Museums Brandhorst wird davon abhängen, inwiefern die Sammlung lebendig bleibt. Das scheint auch Brandhorsts Wille zu sein: "Die Öffnung zur Gegenwart ist natürlich Programm, allerdings werden wir uns genau ansehen, was in die Sammlung integriert werden kann, was richtungweisend und auch ästhetisch herausragend ist, wohl wissend, dass auf diesem Gebiet der aktuellen Kunst Irrtümer immer möglich sind."

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