Provenienz- forschung - Uwe M. Schneede

Wir brauchen noch Anträge

Zehn Jahre nach der Washingtoner Raubkunst-Konferenz, bei der sich neben Deutschland auch 43 weitere Staaten zur Erforschung ihrer Ankäufe in der NS-Zeit verpflichtet haben, stellt die Bundesregierung nun endlich Geld für diese Aufgabe zur Verfügung: Eine neue "Arbeitsstelle Provenienzforschung" in Berlin kann jährlich bis zu einer Million Euro verteilen.
Engagement mangelhaft:Nur wenige Museen beantragen Geld

Uwe M. Schneede, Ex-Direktor der Hamburger Kunsthalle, macht sich für mehr Provenienzforschung stark

Viele Museen hatten sich dieser Selbstverpflichtung mit dem Argument verweigert, sie hätten dafür weder Geld noch Personal zur Verfügung. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Doch nur wenige Häuser haben bisher Geld aus Berlin beantragt. Der Vorsitzende des Beirates der Arbeitsstelle, Uwe M. Schneede, der 2005 als Direktor der Hamburger Kunsthalle bundesweit als erster Museumsleiter eine feste unbefristete Stelle für Provenienzforschung eingerichtet hat, kann seine Museumskollegen nicht verstehen.

Herr Schneede, welche Bilanz ziehen Sie zehn Jahre nach der "Washingtoner Konferenz" im Hinblick auf Provenienzforschung in den deutschen Museen? Ist genug geschehen?

Uwe M. Schneede: Es ist in meinen Augen viel zu wenig geschehen. Mit Ausnahme der großen Museen in Berlin, Dresden und München sowie in Hamburg und Köln findet meines Wissens in deutschen Museen kaum eine systematische und kontinuierliche Erforschung der eigenen Bestände im Hinblick auf ihre Geschichte zwischen 1933 und 1945 statt. In manchen Häusern gibt es Ansätze mit Hilfe befristeter Verträge, aber das wird auf die Dauer nicht reichen, die sehr weit gehenden Verpflichtungen einzulösen.

Liegt das allein an fehlendem Geld und fehlendem Personal oder auch an fehlender Bereitschaft Ihrer ehemaligen Museumskollegen?

In den größeren Häusern liegt es nicht am Geld, da läßt sich immer etwas arrangieren, wenn die Museumsleitung die entsprechende Priorität setzt, weil sie die moralische Verantwortung spürt. Daran scheint es mir vielerorts zu fehlen. Kleinere Museen, Bibliotheken, Archive allerdings haben viel geringere finanzielle Bewegungsräume, deshalb spielt das Geldargument dort eine große Rolle. Aber gerade für solche Fälle hat der Kulturstaatsminister ja die besonderen Mittel zur Verfügung gestellt. Jetzt zeigt sich, wer wirklich bereit ist, etwas zu tun, und wer sich nur aufs mangelnde Geld herausgeredet hat.

Sie haben in der Hamburger Kunsthalle als erster deutscher Museumsdirektor eine feste, unbefristete Stelle für diese Aufgabe geschaffen. Was war damals der Anlass?

Bei den regelmäßigen Zusammenkünften der Direktoren der großen internationalen Museen habe ich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre aus Berichten der Kollegen etwa aus England und den Niederlanden gelernt, daß Restitutionsfragen sogleich ein immenses öffentliches Echo auslösten. Bei uns war das damals noch weitgehend unter dem Deckel. Aber es war klar, daß Forderungen von Erben auf uns alle zukommen würden. Ich fand, wir sollten nicht nur von Fall zu Fall auf Anfragen reagieren, sondern selbst agieren, nämlich unserer Verantwortung nachkommen, systematisch alle Informationen über die von uns gehüteten Kunstwerke zu sammeln.

Und was waren Ihre Beweggründe, gleich eine Stelle zu schaffen?

Anfangs dachte ich, in ein paar Jahren sei die Aufgabe erledigt, deshalb war es ab 2000 lediglich ein befristeter Auftrag. Das war illusorisch. Daher ab 2005 eine feste Stelle. Es sind ja nicht nur Hunderte von Gemälden, die vor 1933 entstanden und danach ins Haus gekommen sind, sondern auch unendlich viele Arbeiten auf Papier. Angesichts der langwierigen Recherchen für jedes Einzelstück ein endloses Vorhaben.

Gab es aus Ihrem Kollegenkreis auch Kritik?

Ich habe keine vernommen, eher Anerkennung, daß es uns gelungen ist, für die kontinuierliche Recherche zu sorgen.

Welche Hoffnung setzen Sie in die neue "Arbeitsstelle Provenienzrecherche und -forschung" in Berlin?

Ich denke, sie kann auf manche Museumsleute ermutigend wirken, sich der Aufgabe nun nachdrücklich anzunehmen. Sie wird zusammenpassende Projekte koordinieren und damit zur Effizienz beitragen, wird aber auch Häusern, die unsicher sind, wie man diese Aufgabe anpacken kann, mit ihrem Spezialwissen unter die Arme greifen können, das scheint mir sehr wichtig. Und schließlich wird hier das gesamte erarbeitete Wissen zusammenlaufen – diese Datenbank wird dann den Forschern (es sind zumeist Forscherinnen) in den öffentlichen Institutionen zur Verfügung stehen, also deren Arbeit auf die Dauer wesentlich erleichtern.

Wer kann wofür wieviel Geld beantragen?

Mittel können von öffentlich unterhaltenen Einrichtungen – Museen, Bibliotheken, Archiven – beantragt werden, und zwar sowohl für die Erkundung der Herkunft eines Einzelwerks als auch für die grundlegende Erforschung ehemaliger Privatsammlungen oder beispielsweise der Tätigkeit involvierter Kunsthändler. Von großem Vorteil ist darüber hinaus, dass speziell auf aktuelle Vorgänge kurzfristig, für Behörden unglaublich schnell, reagiert werden kann.

Es gibt bereits Berichte darüber, dass Museumsdirektoren gebeten wurden, kein Geld in Berlin zu beantragen, damit der Träger nicht ebenfalls Mittel zur Verfügung stellen muss...

Sie meinen: von ihren Trägern, den Städten oder Ländern, gebremst wurden? Das wäre wirklich übel. Denn den Trägern ist ja von der Bundesregierung die verstärkte Provenienzforschung auferlegt worden, sie gehört also auch zu ihren Pflichten. Tatsächlich müssen die Träger sich substantiell beteiligen, das ist nur recht und billig. Allerdings hat Staatsminister Neumann keine Marge festgelegt, vielmehr jüngst öffentlich geäußert, bei größeren Häusern erwarte man eher 50 Prozent des Gesamtaufwands, bei kleineren eher 10 Prozent. Das ergibt doch einen vernünftigen Spielraum.

Warum ist nach den Sommerferien das für 2008 bereitgeestellte Geld nicht abgerufen worden?

Das fragen wir uns auch. Ich habe, als nun endlich das lange geforderte Geld zur Verfügung stand, eine Flut von Anträgen erwartet. Die müssen sich doch angestaut haben! Ich höre gelegentlich die Klage, eine Million Euro sei viel zu wenig, ein Tropfen auf den heißen Stein, das hätte doch gar keinen Sinn. Aber jetzt will erst einmal die Million ausgeschöpft sein, und dazu können wir noch viele Erfolg versprechende Anträge brauchen.

Dürfen Sie denn auch aktiv Museen auffordern, Geld zu beantragen?

Bislang versuchen wir aus Gerechtigkeitsgründen, alle gleichermaßen zu ermuntern. Aber wir wollen im Beirat demnächst auch besprechen, ob wir gezielter vorgehen und etwa Forschungslücken aufdecken und deren Ausfüllung anregen sollten.