Mark Leckey - Turner-Preis 2008

Viele schlechte Künstler haben viel Geld gemacht

Mark Leckey, der 44-jährige Videokünstler und Professor der Frankfurter Städelschule, erhält den diesjährigen Turner-Preis. Der einzige Mann unter den vier Nominierten war bereits im Vorfeld für seine "selbstgefällige Kunst" scharf angegriffen worden – und konterte nun in seiner Dankesrede. Er warf seinen Kritikern vor, sie seien nur noch an Kunst für geistige Normalverbraucher interessiert.

Nick Cave wurde seinem Ruf als Obermuffel gerecht. Schon im Vorfeld hatte der australische Punkrocker verlauten lassen, dass er sich die Schau der vier für den Turner nominierten Künstler in der Tate Britain wohl nicht anschauen werde. Am Abend, vor laufenden Fernsehkameras, denn wie üblich wurde die Preisverleihung live im Fernsehen übertragen – murmelte er dann etwas in seinen Schnauzer, ehe er den Umschlag mit dem Namen des Gewinners öffnete und diesem einen Scheck in Höhe von 25 000 Pfund überreichte.

Mark Leckey, 44, der einzige Mann unter den vier Nominierten, machte trotz anhaltenden Beifalls der versammelten Größen der Londoner Kunstszene zunächst keine Anstalten, seinen Preis entgegenzunehmen. Erst nach zweimaliger Aufforderung durch Cave begab er sich fast unwillig auf’s Podium und hielt eine aus wenigen Sätzen bestehende Dankesrede – "unvorbereitet", wie er entschuldigend sagte. Mehr als ein Dankeschön und die Versicherung, dass er es "großartig" finde, "eine Art von Wirkung auf die britische Kultur" zu haben, kam nicht heraus.

Die fünfköpfige Jury unter Vorsitz von Direktor Stephen Deuchar zeichnete den in Nordengland geborenen Künstler für seine Ausstellungen "Industrial Light & Magic" im Le Consortium in Dijon und "Resident" im Kölnischen Kunstverein aus. Die komplizierten, hauptsächlich aus Filmen bestehenden Installationen des "modernen Dandys", wie ihn ein Kritiker beschrieb, hinterfragen unser Verhältnis zu Kultur und Alltag, sezieren die Beziehung von hoher und populärer Kultur, von Objekt und Bild. Leckey, Professor für Film an der Städelschule in Frankfurt, sieht sich als künstlerischer Fragesteller, er gibt mit seiner Kunst keine Antworten, sie ist Teil des Prozesses, Antworten zu finden. Er möchte, so hat er einmal gesagt, dass die Welt so ist, wie sie ist, nur verstärkt. Er möchte sie mit seiner Kunst voller machen.

"Seine Kunst ist eine Summe von Verweisen"

Dass mit Leckey der Favorit, zumindest der Buchmacher und der Besucher der Turner-Schau, gewonnen hat, ist ein kleiner Trost für die Tate. Denn die diesjährige Auswahl war keineswegs auf einhellige Zustimmung gestoßen. Nicht etwa weil, wie bei Tracey Emins ungemachtem Bett oder bei Damien Hirsts eingemachtem Hai, die Kunst Anstoß erregte. Im Gegenteil: als eher langweilig wurde sie empfunden. "Blutlos und akademisch", seufzte Laura Cumming in der Sonntagszeitung "Observer". Die Filme der in Bangladesh geborenen Runa Islam, 38, die sich mit dem Prozess des Filmemachens auseinandersetzen, die kalte, intellektuelle Rauminszenierung der Polin Goshka Macuga, 41, und die aus Alltagsgegenständen bestehende Installation der Nordirin Cathy Wilkes, 42, sind undurchdringlich, schwer zu fassen. Wie bei Leckey stehen Prozesse im Mittelpunkt, nicht künstlerische Produkte. Sein Humor, seine exzentrische Energie ragen allerdings positiv heraus.

Und doch ließen die meisten Kritiker kein gutes Haar an ihm. Adrian Searle nannte seine Kunst im "Guardian" "selbstgefällig" und ihn selbst abschätzig "einen perfekten Turner-Gewinner, denn seine Kunst ist eine Summe von Verweisen." Auch Michael Glover im "Independent" beklagte die "Intellektualisierung" der Kunst von heute und bezeichnete Leckey als den "am wenigsten Uninteressanten der vier." Lediglich Rachel Campbell Johnston von der Times legte ein gutes Wort für den "richtigen Gewinner" ein, dem es gelinge, "als Insider das schwindelerregende Ambiente einer verwirrenden Jugendkultur darzustellen."

In einem kurzen Interview nach der Verleihung ging der Gewinner mit seinen Kritikern hart ins Gericht. Sie seien nur an Kunst für den geistigen Normalverbraucher interessiert, erwarteten auf der anderen Seite aber "Spektakel und Schock im Stil von Hirst und Emin." Er jedenfalls sei froh, dass der Boom der YBAs zuende sei – "viele schlechte Künstler haben viel Geld gemacht." Doch wenn es um die junge Kunst still wird, wenn niemand mehr über sie redet – hat dann der Turner Preis nicht versagt? Er soll ja die Diskussion über das Zeitgenössische, das Schwierige ankurbeln. Nicht wenige glauben, dass er sich wirklich ausgelebt hat. Vielleicht, so sagen sie, sollte etwas Anderes an seine Stelle treten. Was, das sagen sie allerdings nicht.

"Turner-Preis 2008"

Termin: bis 18. Januar 2009, Tate Britain, London.
http://www.tate.org.uk/britain/turnerprize/turnerprize2008/