Wolfgang Niedecken - Beuys & BAP

Und Beuys sang 'nack, nack, nack'

art berichtete im Rahmen des Achtziger-Jahre-Rückblicks im Januar-Heft über den Auftritt von Joseph Beuys mit der Band BAP – und bekam prompt Protestpost vom Bandleader Wolfgang Niedecken. Im Interview erklärt er, wie es zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit kam.
So war's wirklich:Der Auftritt von Joseph Beuys mit der Band BAP

"Sonne statt Reagan": Joseph Beuys mit der Band BAP bei seinem Debut als Sänger

art: Wie kommt es denn, dass überall kursiert, BAP hätte mit Joseph Beuys das Lied "Sonne statt Reagan" eingespielt?

Wolfgang Niedecken: Dass man nirgendwo detaillierte Informationen dazu findet, kommt sicher nicht von ungefähr. Ich glaube, dass die ganze Sache den Nachlassverwaltern von Beuys nicht sehr angenehm ist.

Die finden die Aktion peinlich?

Ja. Selbst im Beuys-Archiv auf Schloss Moyland findet man nichts darüber.

Haben Sie denn gar nichts mit dem Stück zu tun?

Diese Sache ist so was von merkwürdig zustande gekommen. Das war ja genau in der Phase unseres überregionalen Durchbruchs. Wir hatten plötzlich vier Alben in den Top Ten, zwei davon auf Platz eins und zwei. Jeder wollte damals was von uns, die Leute kamen mit den abstrusesten Anliegen zu uns. Da hieß es dann auch: Der Joseph Beuys möchte gerne einen Song für die Grünen singen, schreib doch mal einen Text für den.

Haben Sie sich da etwa nicht geehrt gefühlt?

Meine Antwort war: Das ist ne Luftnummer. Von den ganzen Angeboten, die wir damals bekamen, war ja nur die Hälfte seriös. Und das erschien mir so was von unwahrscheinlich, dass ich mich nicht mehr drum gekümmert habe.

Eine Fehleinschätzung?

Ja. Irgendwann schalte ich den Fernseher ein, um die Sendung "Bananas" anzugucken, und sehe da unseren Gitarristen, unseren Bassisten, unseren damaligen Percussion-Spieler, der plötzlich am Schlagzeug saß, zwei Chordamen, von denen eine Ina Deter war und die andere die Ex-Freundin unseres Gitarristen. Das war eine Frau, die im Chlodwig-Eck, unserer Stammkneipe, bediente und bei der Band Nyloneuter sang. Wolf Maahn war offensichtlich der Bandleader dieser Geschichte. Und Joseph Beuys stand da und sang diesen grottenschlechten Text. Dann bin ich natürlich direkt ans Telefon und habe die Kollegen gefragt: Was ist das? Du wolltest ja nicht mitmachen, hieß es dann. Ich habe mich natürlich schwarz geärgert. Es stellte sich heraus, dass statt mir ein Werbetexter angeheuert worden war.

"Dann kriegte das Ding seine Eigendynamik"

Im Nachhinein können Sie doch froh sein, bei diesem peinlichen Stück nicht mitgewirkt zu haben.

Wieso, ich hätte ja einen vernünftigen Text geschrieben.

Was gefällt Ihnen denn an dem Text nicht?

Allein dieses furchtbare Wortspiel "Sonne statt Reagan", das ist ja bodenlos, da rollen sich ja die Fußnägel auf. Ich habe ja Malerei studiert, und Beuys war einer meiner ganz großen Helden, ist er nach wie vor. Und da sitzt man dann vor dem Fernseher und weiß: Diese Chance hat man einfach vertan, da ist auch nix mehr zu machen. Und dann hofft man noch: Hoffentlich wird das jetzt besser, bitte, lass es jetzt gut sein, nein, nein. Doch es wurde immer schlimmer. Das war ja noch vor der großen Demonstration auf den Bonn-Beueler Rheinwiesen am 10. Juni 1982, wo 300 000 Menschen zusammenkamen, um gegen die Nachrüstung und den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Da haben wir gespielt. Da hat auch Wolf Maahn gespielt. Und wir bildeten dann auch eine Allstar-Truppe, die Beuys bei dieser Nummer begleitete. Vielleicht kommt daher das Gerücht, BAP hätte den Song geschrieben. Als Zugabe gab es dann noch "Knocking on Heavens Door", was Beuys gar nicht kannte. Der sang immer nur "nack, nack, nack".

Warum haben Ihre Kollegen Sie eigentlich damals nicht informiert, dass die Sache mit Beuys tatsächlich ernst gemeint war?

Na ja, wir waren damals ja unglaublich viel auf Tour. In dieser Phase waren wir also offenbar gerade mal zu Hause. Ich war gerade im Begriff zum ersten Mal Vater zu werden, und hing nicht viel mit denen in der Kneipe ab. Vielleicht hat ja der ein oder andere auch gedacht: Klasse, dass das Alphatier mal nicht dabei ist. Dann kriegte das Ding seine Eigendynamik.

Die Musik ist ja auch gar nicht so übel.

Nein, Wolf Maahn ist ja auch ein guter Komponist und Arrangeur.

Bei der Inszenierung des Auftritts hatte er allerdings offenbar kein gutes Händchen. Hat Beuys da nicht den Kopfhörer von unten aufgesetzt, damit er den Hut aufbehalten konnte?

Nein, in der Aufzeichnung steht er ohne Kopfhörer hinter der Band und macht mit der Mikrofonschnur den Propeller.

Ach, dann meine ich eine Fotografie von den Studioaufnahmen. Finden Sie eigentlich, es war ein Fehler, dass Beuys sich damals parteipolitisch engagiert hat?

Generell finde ich, dass ein Künstler sich nicht parteipolitisch engagieren sollte. Ein Künstler sollte meiner Meinung nach Abstand zu jeglicher Form von Parteiräson halten, denn das macht unfrei, und man muss irgendwann Unwahrheiten sagen. Ein Künstler kann eine Partei unterstützen, aber er darf sich nicht vereinnahmen lassen.