van der Ley / Roettig - Hamburger Kunsthalle

Zwischen Anstrengung und Wunder

Sigmar Polke, Guerillataktik, Tanz und Musik – Sabrina van der Ley und Petra Roettig, das neue Kuratorenduo der Hamburger Kunsthalle, stellt sein Programm für die Galerie der Gegenwart vor.
"Zwischen Anstrengung und Wunder":das Programm für die Galerie der Gegenwart

Sabrina van der Ley (l.) und Petra Roettig, das neue Kuratorenduo der Hamburger Kunsthalle

Keine zwei Monate ist Sabrina van der Ley im Amt, und manchmal verläuft sie sich noch in der labyrinthischen Architektur der Hamburger Kunsthalle. Dennoch wollte die neue Leiterin der zeitgenössischen Abteilung des Museums, die sich diese Funktion mit Kunsthallen-Kuratorin Petra Roettig teilt, gestern erste Einblicke in das neue Konzept für die Galerie der Gegenwart geben.

Darauf warten die Hamburger schon ziemlich lange. Denn seit dem Weggang von Christoph Heinrich im September 2007 ist das zeitgenössische Programm der Kunsthalle allmählich eingeschlafen. Die Räume der Galerie der Gegenwart wurden mit Ausstellungen zu Mark Rothko oder Hans Hackert oft für gar nicht so gegenwärtige Präsentationen genutzt. Jetzt soll es also wieder losgehen unter der neuen Doppelspitze, wobei van der Ley, die zuvor die Berliner Kunstmesse Art Forum leitete, für Malerei, Skulptur und Installationen ab 1960 zuständig sein soll und Roettig für Fotografie, Zeichnung und Grafik.

"Kunsthalle hat Null Ausstellungsetat"

Aber zunächst einmal erklärt Museumsdirektor Hubertus Gaßner, wo die Probleme liegen: Es gehe darum, die gesamte Sammlung zeitgemäß darzustellen, und das bei schrumpfenen Etats. Aus finanzieller Sicht könne man eigentlich nur Ausstellungen "mit Drittmitteln", sprich Sponsorengeldern, machen. Denn, so Gaßner, die "Kunsthalle hat Null Ausstellungsetat". Angesichts der Finanzkrise und zögerlicher Sponsoren entstehe das derzeitige Programm in einer Situation "zwischen Anstrengung und Wunder". So gesehen verwundert es nicht, dass die Zukunftsprojekte eher bodenständig wirkten. Im März ist erst einmal eine Ausstellungsreihe zu Sigmar Polke – "Wir Kleinbürger. Zeitgenossen und Zeitgenossinnen" – geplant, die dessen gleichnamige Werkgruppe mit Wechselausstellungen ergänzt, die einen "völlig neuen Polke zwischen Sex, Drugs and Rock´n´ Roll" zeigen soll. Außerdem werden die Neuerwerbungen, die die Montblanc-Kulturstiftung seit zehn Jahren der Kunsthalle stiftet, darunter Werke von Daniel Richter, Sylvie Fleury und Thomas Demand, zusammen präsentiert. Für den Juni plant Petra Roettig eine Ausstellung mit dem niederländischen Zeichner Marcel van Eeden und im Herbst will Sabrina van der Ley den portugiesischen Installationskünstler Pedro Cabrita Reis einladen, den dritten Stock der Galerie der Gegenwart mit seinen architekturbezogenen Arbeiten in Beschlag zu nehmen.

An große Ankaufaktionen ist nicht zu denken

An ihrem neuen Arbeitsplatz müssen Sabrina van der Ley wohl einige komische Winkel und Rumpelkammern aufgefallen sein, die sich kreativer nützen ließen. Auch diese "Nicht-Orte" will die Kuratorin jetzt von Künstlern bespielen lassen. Mit der "Guerillataktik" sollen Besucher auf eine Art "Schnitzeljagd" geschickt werden und "neue, vielleicht auch subversive Blickwinkel auf das Haus und die Sammlung" erhaschen. Zudem will sie in Zukunft auch den Lichthof und den Außenraum der Galerie der Gegenwart ins Ausstellungskonzept mit einbeziehen. Ihre Wunschkünstler für Installationen dort: Daniela Brahm, José Davila, Chris Larson, Ernesto Neto, Susan Philipsz und Tomás Saraceno. Und ihr großes Projekt für 2010: "I wish this was a song", eine Ausstellung über Tanz und Musik in der Gegenwartskunst mit Künstlern wie Phil Collins, Fikret Atay, Sadaane Afif, Michael Sailstorfer, Candice Breitz und Jeremy Deller, die sie in Kooperation mit der Hayward Gallery in London und der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg plant.

Wie groß die Rolle von Hamburgs Kunstszene im zukünftigen Programm der Galerie der Gegenwart sein wird, bleibt abzuwarten. Das "Standpunkte"-Projekt, bei dem sich Hamburger Künstler in der Kunsthalle präsentierten, hat Hubertus Gaßner längst abgeschafft. Sabrina van der Ley macht jetzt erst mal Schnupperbesuche bei den lokalen Galerien und Künstlern. Der eine oder andere wird vielleicht zu dem "Guerilla"-Projekt eingeladen. An große Ankaufaktionen ist ohnehin nicht zu denken. Dafür fehlt schlicht das Geld. Darum muss man es wohl als besonderen Glücksfall betrachten, dass mit Hilfe der "Stiftung für die Hamburger Kunstsammlung", einem Förderkreis Hamburger Unternehmer und Bürger, jetzt zumindest eine kapitales Werk für die Galerie der Gegenwart erworben werden konnte: Thomas Demands fünfteiliger Fotozyklus "Presidency", der das Washingtoner Oval Office – Barack Obamas neuen Arbeitsplatz – in Papier nachbaute. Im Kuppelsaal der Kunsthalle werden die Bilder nun präsentiert wie stille Hoffnungsträger: Yes, we can!

"MAN SON 1969"

Nächste Ausstellung in der Galerie der Gegenwart: "MAN SON 1969 – Vom Schrecken der Situation", 30. Januar bis 24. April, Kunsthalle, Hamburg
http://www.kunsthalle-hamburg.de/

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