Peter Friedl - Vincent Award

Merkwürdige Vermischung von Interessen und Vorlieben

Der österreichische Künstler Peter Friedl, nominiert für den mit 50 000 Euro dotierten niederländischen Vincent Award (ebenfalls nominiert: Francis Alÿs, Liam Gillick, Deimantas Narkevicius und Rebecca Warren), hat seine Teilnahme am Wettbewerb abgelehnt. Das Amsterdamer Stedelijk Museum verbreitete eine kryptische Stellungnahme – art-Korrespondentin Almuth Spiegler sprach mit dem Künstler über die Hintergründe.

Herr Friedl, wenn ich versuche, Ihre Argumente für Ihren Rückzug vom Vincent-Award ganz banal auf den Punkt zu bringen, dann würde ich sagen, Sie vermuten hinter dem ganzen Prozedere eine Schiebung zugunsten von Francis Alÿs. Ist das richtig?

Peter Friedl: Mein Rücktritt war letztlich eine spontane Reaktion auf einen Geisterauftritt des Stedelijk-Direktors Gijs van Tuyl zwei Stunden vor Eröffnung der Ausstellung. Er ist übrigens auch Vorsitzender der Jury. Wir hatten uns die ganze Zeit vorher nie gesehen, es hat nur einmal im September ein Telefonat gegeben. Es war ein seltsames Treffen, für das es natürlich keine Zeugen gibt. Ich habe dem Direktor gegenüber meine Sicht der Dinge, die er natürlich durch die zuständige Kuratorin und andere Mitarbeiter kannte, wiederholt, und wir sind zu verschiedenen Einschätzungen gekommen. Daran ist nichts auszusetzen. Aber ich höre mir dann nicht an, dass ich dankbar sein soll, nominiert worden zu sein, und offenbar auf Kritik zu verzichten habe.

Und worin bestand Ihre Kritik jetzt genau? Die Presseaussendung des Museums nennt "ethische Einwände" Ihrerseits und betont die Transparenz des Verfahrens.


Der Kern des Problems ist, dass über diesen Preis nicht präzise nachgedacht wurde. Es wurde schon im Lauf der Vorbereitungen klar, dass hier verschiedene Erwartungen und Sichtweisen herrschten. Ich habe schließlich darauf bestanden, dass im Ausstellungsfolder steht, ich würde bei dem hier zusätzlich erstmals vergebenen Publikumspreis nicht mitmachen. Das war in meinen Augen eine völlig undurchdachte, scheindemokratische Sache, die ich nicht mittragen wollte. Es gab allerdings nie die Möglichkeit, diese verschiedenen Sichtweisen zu diskutieren. Ich hätte zum Beispiel gern gewusst, was die anderen Nominierten dazu meinten. Die Direktion hat da in letzter Sekunde die Nerven verloren. Es ist schon seltsam, wenn man vom Leiter eines öffentlichen Museums kurz vor Eröffnung zu hören bekommt: "Verlassen Sie mein Haus!" Also war ich auch nicht bei der Eröffnung. Da waren dann, soviel ich weiß, in meinem Raum nur noch zwölf leere Vitrinen, zwei leere Plasmascreens und die Presseerklärung des Museums, die nicht mit mir abgestimmt war, zu sehen. Es ist interessant, wie schnell man eine Ausstellung, an der man tagelang gefeilt hat, wieder abbauen kann.

Wie schnell denn?

In zehn Minuten.

Sie kritisieren also fehlendes Nachdenken bei dem Preis. Können Sie diese Kritik vielleicht etwas konkretisieren?

Auch wenn das vielleicht altmodisch klingen mag, ich bin ein Freund von Gewaltentrennung. Wenn in einer Jury eine Privatsammlerin (Ingvild Goetz, Red.) sitzt, die mit dem einzigen Künstler (Francis Alÿs, Red.), der auch vom organisierenden Museum selbst gesammelt wird, parallel zur Vincent-Ausstellung eine Ausstellung in ihrem Privatmuseum macht, dann sieht das eben nicht gut aus.

Also doch der Vorwurf einer Schiebung?

Ich denke, man muss über das Jurysystem nachdenken und darüber, wie man es verbessern kann. Alle fünf Künstler – übrigens vier Künstler und nur eine einzige Künstlerin – haben eine etwa 20-jährige Karriere hinter sich. Es ist klar, dass man aus dieser Zeit Leute kennt, die dann in einer Jury sitzen, das kann man nicht großartig ändern. Worüber man aber nachdenken kann, ist der Sinn eines kompetitiven Spektakels und wen man dazu einlädt. Wenn man unbedingt Francis Alÿs auszeichnen will – warum muss man dann mich dazu einladen? Da sind fünf Künstler, die sich über längere Zeit ein Werk erarbeitet haben, dem sollte eine Institution erst einmal Respekt zollen. In dieser Hinsicht hat das Stedelijk Museum versagt.

Sie sehen sich also als eine Art Bauernopfer?

Nein, aber es ergibt sich aus der Konstellation. Der Direktor sagt: Es war alles transparent. Ich würde es lieber ins Deutsche übersetzen: Es war alles völlig durchsichtig. Man muss Kriterien formulieren für eine Jury und für eine solche Veranstaltung.

Welche Kriterien wären das zum Beispiel?

Zum Beispiel Kriterien für korrekte Information. Es ist inakzeptabel, wenn etwa die Kuratorin der Vincent-Ausstellung gleichzeitig für das neue Stedelijk Museum, wie das der Fall ist, ein großes Projekt mit Francis Alÿs vorbereitet und dann vergisst, Information über die anderen Künstler auf der Homepage zur Verfügung zu stellen. Zu Liam Gillick und Rebecca Warren gab es zuerst nur zwei Texte, zu mir einen, zu Deimantas Narkevicius gar keinen; zu Francis Alÿs gab es zwölf Texte. So etwas passiert entweder aus purem Dilettantismus oder aufgrund einer merkwürdigen Vermischung von Interessen und Vorlieben. Das wurde dann auf meinen Protest hin korrigiert. Es war auch mühsam, halbwegs korrekte und intelligente Beschreibungen der Arbeiten inklusive Kurzbiografie für den kleinen Katalog durchzusetzen. Ich kritisiere keinen der Künstler, ich kritisiere die veranstaltende Institution und das Fehlen von Kriterien.

Gab es eine Reaktion des Direktors, ein weiteres Gespräch?

Nein. Der Direktor und Juryvorsitzende wird vermutlich nicht sehr glücklich sein mit der Situation. Aber es ist auch schwer, die Nuancen meiner Kritik durchzubringen in einem kulturellen Klima wie in den Niederlanden, die sich immer noch als Konsens-Paradies sehen, sich aber heute, wie ich inzwischen fürchte, zunehmend zu einer atypischen, präfaschistischen Gesellschaft entwickeln. In den Zeitungen liest man dann über mich, dass "Insider", also Leute aus dem Museum, mich als Querulanten beschreiben oder dass ich dem Druck des Wettbewerbs nicht standhalten konnte.

Wie meinen Sie dieses "präfaschistisch"?

Das merkt man unter anderem am Umgang mit Migranten und mit der eigenen Identität. Der niederländischen Gesellschaft ist mittlerweile die Opferidentität verloren gegangen, jetzt sucht sie eine andere. Der Stedelijk-Direktor hat das Gespräch mit mir beendet, indem er aufsprang und schrie, er sei im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Der hat für ihn anscheinend nie aufgehört.

Gab es Reaktionen von der Jury?

Bis jetzt nicht.

Gab es eine Solidarisierung von Seiten der anderen Künstler?

Nein, wir befinden uns im Jahr 2008.

Welchen Kunstpreis finden Sie heute dann eigentlich überhaupt interessant beziehungsweise mit den von Ihnen eingeforderten Kriterien ausgestattet?

Kunstpreise wie der Turner-Preis oder der Preis der Nationalgalerie haben auch ihre Probleme. Es könnte zum Beispiel sinnvoll sein, dass tatsächlich nur neue Arbeiten gezeigt werden, die noch nirgends ausgestellt waren. Oder man geht gleich zurück ins 19. Jahrhundert und gibt ein bestimmtes Thema aus. Dann muss es natürlich auch ein Budget dafür geben. Entscheidend ist sicher auch, von wo das Geld kommt. Im Fall des Vincent Award steht dahinter die sogenannte Broere-Familie beziehungsweise The Broere Charitable Foundation, deren Verbindungen zum Stedelijk Museum nicht ganz klar sind.

Waren Sie schon einmal für einen Kunstpreis nominiert?

Ich habe zweimal etwas Kleineres abgelehnt. Dass ich jetzt zugesagt habe, hat wohl sicher auch manche überrascht.

Und warum haben Sie diesmal zugesagt?

Nicht ganz ernst gemeint war es eine Art Verbeugung vor dem Stedelijk Museum, wie es einmal war: Von sich aus würde ja heute niemand dort jemand wie mich und meine Arbeit einladen. Natürlich wird auch die Liste der eigenen Absagen immer länger, je älter man wird. Manchmal erschrecke ich selber, wenn ich mir die Liste der Institutionen ansehe, wo ich Projekte habe platzen lassen. Aber es geht eben immer darum, welche Ansprüche man an die eigene Arbeit und ihre Vermittlung stellt. Es geht darum, dass die Feinheiten adäquat präsentiert werden können und eine bestimmte Schönheit von Konzepten erhalten bleibt.

"The Vincent Award 2008" – ohne Peter Friedl

Ausstellung mit Arbeiten von Francis Alÿs, Liam Gillick, Deimantas Narkevicius und Rebecca Warren. Termin: 20. Juni bis 30. September, Stedelijk Museum, Amsterdam.
http://www.thevincentaward.eu/

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