"Der Koloss" - Francisco de Goya

Der Koloss" stammt nicht von Goya

Aktuelle Forschungen ergeben, dass wahrscheinlich nicht Goya, sondern sein Schüler und enger Vertrauter Asensio Juliá den "Der Koloss" gemalt hat. Experten scheuen jedoch noch davor zurück, das Gemälde dem Goya-Schüler zuzuschreiben.
Neues Gutachten des Prado-Museums:"Der Koloss" stammt nicht von Goya

"Der Koloss" (1808/1812) hatte bis vor kurzem als das bedeutendste Anti-Kriegs-Bild von Francisco de Goya gegolten – nun wird es dem Goya-Schüler Asensio Juliá zugeordnet

Auf dem Schildchen neben dem Gemälde "Der Koloss" steht noch der Name des Künstlers Francisco de Goya. Dies werden die Verantwortlichen des Prado-Museums bald ändern müssen. Die Madrider Pinakothek hat nämlich in einem Gutachten festgestellt, dass das Werk nicht von dem spanischen Meister, sondern von einem Schüler gemalt
wurde. Demnächst dürfte daher neben dem Bild ein neues Schild angebracht werden mit der Aufschrift: "Gemalt von einem Anhänger Goyas."

Das Prado-Museum ist um ein Goya-Gemälde ärmer geworden. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte "Der Koloss", der 1931 in den Besitz des Museums gelangt war, als ein Inbegriff der Schaffenskraft und Genialität von Goya (1746 bis 1828) gegolten. Er gehörte zu den größten Attraktionen des Prado-Museums, wurde von Kunstfreunden aus
aller Welt bewundert und in der Fachliteratur häufiger zitiert als die meisten anderen Goya-Werke.

"Der Koloss" hatte bis vor kurzem als das bedeutendste Anti-Kriegs-Bild des Meisters gegolten. Das Gemälde stellt einen finsteren Riesen dar, der mit erhobenen Fäusten hinter einem Gebirgszug emporragt. Menschen und Tiere ergreifen in wilder Panik die Flucht vor dem Ungeheuer, das den Schrecken des Krieges symbolisieren soll. Die britische Historikerin Juliet Wilson-Bareau hatte schon vor mehreren Jahren Zweifel an der Urheberschaft Goyas geäußert. Daraufhin verzichtete der Prado im vorigen Jahr darauf, das Gemälde in eine umfangreiche Goya-Ausstellung einzubeziehen. Es leitete eine detaillierte Untersuchung unter der Leitung der Goya-Expertin Manuela Mena ein.

Der Riese hat Schwächen

Die Wissenschaftler kamen in ihrem Gutachten nun zu dem Schluss, dass "Der Koloss" zur Zeit von Goya Anfang des 19. Jahrhunderts gemalt wurde, dass er wie ein Goya-Werk aussieht, aber nicht von Goya ist. Die Experten bescheinigten dem Urheber des Werkes technische Schwächen, die dem Meister fremd gewesen seien. "Die Maltechnik ist völlig verschieden von der Arbeitsweise Goyas", betonten sie in ihrem Bericht. Während der Meister sich durch eine sichere Pinselführung ausgezeichnet habe, sei der Maler des "Kolosses" zögernd und unsicher zu Werke gegangen. "Es sieht so als, als habe er nicht gewusst, was er wollte", heißt es in dem Papier. "Die Darstellung des Riesen weist Schwächen auf, die Goya - einem Kenner der menschlichen Anatomie - niemals unterlaufen wären."

Die Experten entdeckten bei ihren Untersuchung auf dem Gemälde ein Kürzel, das sie als "AJ" identifizierten. Dies deutet darauf hin, dass das Bild von dem Goya-Schüler Asensio Juliá stammen könnte. Der aus Valencia stammende Künstler war ein enger Vertrauter des Meisters. Allerdings scheuten die Experten davor zurück, das Gemälde
dem Goya-Schüler zuzuschreiben. Sie ließen die Urheberschaft vorerst offen und plädierten dafür, zunächst einmal das Werk Juliás näher zu erforschen. "Von diesem Künstler wissen wir so gut wie nichts", sagte der Prado-Direktor Miguel Zugaza.

In der Fachwelt gibt es allerdings auch Zweifel an der Entscheidung des Prado-Museums, den "Koloss" aus dem Verzeichnis der Goya-Werke zu streichen. Der Ex-Direktor des Museums, José Manuel Pita Andrade, betrachtet das Ergebnis des Gutachtens als Folge eines Mode-Trends. "Unter den Experten hat sich anscheinend der Hang
breitgemacht, außergewöhnliche Kunstwerke infrage zu stellen", sagte er der Zeitung "El Mundo".

Hubert Kahl, dpa

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