Robert Campin - Optische Täuschung

Nur ein Riss in der Farbe

Es gibt kein verstecktes Selbstporträt des Renaissancemalers und Mitbegründers der flämischen Schule, Robert Campin, in dem "Porträt einer Dame" in der Londoner National Gallery. Das erklärt nach etlichen deutschen Fachleuten nun auch das Museum selbst. In einer entsprechenden Mitteilung hat es zum Beweis gleich noch eine neue Detailvergrößerung angehängt. Nach Aussage des Hauses zeigt diese etwas ganz anderes als das, was der hallesche Archäologe Mirko Gutjahr im rötlich funkelnden Edelstein auf dem Ring der Dame erkannt haben will.
Nur ein Riss in der Farbe:Doch kein verstecktes Selbstporträt Robert Campins

"Das Gehirn glaubt zwei Augen zu sehen und stelle sich deshalb ein Gesicht vor", meldete jetzt die National Gallery. Robert Campins Selbstporträt im "Porträt einer Frau" ist also nur eine optische Täuschung.

Wie art am 2. September berichtete, trat der Archäologe Mirko Gutjahr im Landesmuseum für Vorgeschichte vor die Presse, begleitet vom Museumsdirektor und Landesarchäologen Harald Meller sowie dem Kunsthistoriker Wolfgang Schenkluhn, und präsentierte eine starke Vergrößerung der "Ring"-Passage im Bild Campins. Die Anwesenden waren verblüfft – genau wie Gutjahr ursprünglich selbst –, in der Aufnahme das bärtige Gesicht eines Mannes mit lockigem Haar zu erkennen. Sein Fund sei tatsächlich dem Tunnelblick zu verdanken: Anders als die Kunsthistoriker, die das Gemälde vor ihm untersucht hätten, habe seine Aufmerksamkeit allein dem Ring gegolten. Es gleicht einem Exemplar, das bei Ausgrabungen am Lutherhaus in Wittenberg zum Vorschein gekommen war.

Gutjahr konnte darüber hinaus mit einer These aufwarten, die in einem Sonderdruck des Museums vorliegt: Campin habe in dem um 1430 gemalten Porträt seine Züge in diesen intimen Schmuckgegenstand einskizziert, weil er möglicherweise ein Techtelmechtel mit der Dame hatte. Überliefert ist, dass Campin wegen Ehebruchs verbannt wurde.

"Das Gehirn glaubt zwei Augen zu sehen"

Nun erklärt die National Gallery ganz nüchtern: "Das Muster, das offenbar ein Gesicht auf dem Ring ergibt, ist unbewusst entstanden. Der Eindruck ergibt sich daraus, dass ein dunkler Fleck gerade dort auftaucht, wo das rechte Auge sein sollte, wenn die roten Glanzlichter als Gesicht angesehen werden. Tatsächlich befindet sich an dieser Stelle aber nur ein Riss, und keine Farbe. Daher glaubt das Gehirn, zwei Augen zu sehen und stellt sich ein Gesicht vor."

Damit sehen die verschiedenen Campin-Spezialisten ihre Skepsis bestätigt, mit der sie der Sensation aus Halle von Anfang an begegneten. Von "Humbug" sprach gar der Konstanzer Kunsthistoriker und Autor eines Werkkatalogs zu Campin, Felix Thürlemann. Die Medien hätten die Geschichte über Gebühr "aufgeblasen". Gutjahr sei vorzuwerfen, dass er seine These nicht am Original überprüft habe. Männer mit Bart seien in der damaligen Malerei außerdem kaum zu finden. Freilich ist in Campins Verkündigungs-Triptychon im Metropolitan Museum of Art im Hintergrund ein bärtiger Mann zu sehen, der durchaus von Kunsthistorikern schon mal als Selbstporträt angesprochen wurde, worauf die FAZ hinwies. Doch die Gestalt wird bereits seit gut 40 Jahren als ein "Stadtbote von Mechelen" interpretiert.

"Die Kritik an dem jungen Forscher wird nur vom Katheder herab gesprochen"

Dass man aus einem Künstlerklischee des 19. Jahrhunderts heraus einen bärtigen Maler sehen wollte, moniert auf Anfrage auch Gregor Weber, Sammlungsleiter der Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister. "Man möchte an Wilhelm Busch oder Franz von Lenbach erinnert sein", und habe dabei den Vergleich mit zeitgenössischer Porträtmalerei unterlassen. Zu den Kritikern der Thesen Gutjahrs gehört auch der Kunsthistoriker Jochen Sander, der am Städel die geplante Ausstellung zu Campin vorbereitet – wo das "Porträt einer Dame" allerdings wegen restauratorischer Bedenken der National Gallery nicht gezeigt werden kann. Sander wirft ein, dass die damals beliebten Spiegelungen auf Gemälden etwa auch Jan van Eycks "eine der Zeit entsprechende Naturauffassung zeigen", das heißt, sie wurden durchweg farbig, und nicht Ton-in-Ton dargestellt wie bei dem fraglichen Ring-"Porträt". Nach dem Dementi der National Gallery hält er es für "definitiv extrem unwahrscheinlich", dass eine erneute Untersuchung des Rings ein anderes Ergebnis aufzeigen würde.

Urlaubsbedingt war heute weder der Autor der Thesen, Mirko Gutjahr, noch der Archäologe Harald Meller für eine Stellungnahme zu erreichen. Jedoch brach Wolfgang Schenkluhn eine Lanze für den jungen Archäologen und seine Entdeckung. Der Direktor des Kunsthistorischen Instituts an der Uni Halle rügte die Kollegen: "Die Kritik an dem jungen Forscher wird nur vom Katheder herab gesprochen." Das sei "psychologisch zu erklären" bei Spezialisten, die sich jahrzehntelang mit dem Thema befassen. "Warum hat niemand den Aufsatz abgefordert, statt gleich alles schlecht zu machen." Sein "Respekt vor Gutjahr" sei ungebrochen: Er habe genau recherchiert, und er wollte der Wissenschaft lediglich einen Hinweis geben. Es hätte sich gelohnt, diesem unvoreingenommen nachzugehen: "Es ist ja wohl nicht abzustreiten, dass auf Gutjahrs Vergrößerung etwas zu sehen ist."

"Fundsache Luther – Archäologen auf den Spuren des Reformators"

Termin: 31. Oktober bis 26. April 2009, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Weitere Ausstellungen: "Robert Campin – Der Meister von Flémalle, und Rogier van der Weyden. Die Geburt der neuzeitlichen Malerei", 21. November bis 22. Februar 2009, Städel Museum Frankfurt; Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, 20. März bis 21. Juni 2009
http://www.fundsache-luther.de/