Robert Campin - Selbstporträt

Robert Campin im Goldring

In einem fast 600 Jahre alten Werk von Robert Campin (um 1375 bis 1444) ist vermutlich ein Selbstporträt des flämischen Malers entdeckt worden. Es befindet sich auf dem "Porträt einer Frau" (1430), das in der National Gallery in London hängt – darauf gestoßen ist jetzt auf abenteuerlichen Umwegen ein Archäologe.
Stecknadelkopfgroße Sensation:Vermutliches Selbstporträt entdeckt

Robert Campin, "Porträt einer Frau", Öl auf Holz

Kaum mehr als stecknadelkopfgroß ist die geisterhafte Erscheinung eines jungen Mannes mit gewelltem Haar und Kinnbart, die seit sechs Jahrhunderten auf einem Gemälde versteckt und noch nie jemandem aufgefallen ist. Das ist umso bemerkenswerter, als das Bild in der Londoner National Gallery hängt, täglich von Tausenden von Betrachtern angeschaut wird und in etlichen Standardwerken abgebildet ist. Darauf gestoßen ist jetzt auf abenteuerlichen Umwegen ein Archäologe. Der wird die Kollegen der Kunstgeschichte mit seiner Entdeckung schon deshalb elektrisieren, als er den Dargestellten mit Robert Campin (1375 bis 1444), einem der Gründerväter der flämischen Renaissancemalerei, identifizieren zu können glaubt.

Mirko Gutjahr ist Mitarbeiter am halleschen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und an den derzeitigen Ausgrabungen am Wittenberger Lutherhaus beteiligt. Im Geröll des später abgebrochenen ehemaligen Wehrturms, in dem Luther seine Schreibstube eingerichtet hatte, fand man nebst etlichen Ofenkacheln auch einen kleinen goldenen Ring. Aus der Fassung war der Edelstein, der einst darin war, längst herausgebrochen. Aber Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, hätte vielleicht trotzdem darüber gejubelt, denn dass sie einen Ring verloren hatte, bemerkt Luther in einem Brief.

Neues Rätsel für Kunsthistoriker

Gutjahr forschte nun nach Darstellungen von vergleichbaren goldenen Ringen in zeitgenössischen Gemälden. Tatsächlich entdeckte er Parallelen, etwa in Quentin Massys' "Geldwechsler und seine Frau", oder auch im Katharina von Boras eigenem Hochzeitsbild von Lucas Cranach. Doch es war das "Porträt einer Frau" von Robert Campin aus der Londoner National Gallery, gemalt um 1430, das seine Aufmerksamkeit fesseln sollte.

Die junge Dame mit dem leuchtend weißen Schleier hält die linke Hand auf Brusthöhe. Am Finger erkennt man einen Ring mit einem rot schimmernden Stein, vermutlich ein Rubin. Der Archäologe, der an dem Ring interessiert war, vergrößerte die digitale Abbildung, bis er bemerkte, dass der Stein nicht nur mit weiß aufgetragenen Lichtreflexen flimmerte, sondern dass er auch eine Gestalt zu spiegeln schien.

Der Eindruck bestätigte sich mit jedem genaueren Hinschauen. Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass zumindest die digitale Aufnahme ein Porträt enthüllt, das in der Wirklichkeit kaum mehr als zwei Millimeter misst. Dennoch ist der Männerkopf mit dem welligen Haar und dem Bart deutlich genug charakterisiert.

Bei der Frage, wer der geheimnisvolle Unbekannte sein könnte, bot sich das Pendant des Porträts der Dame an: Es zeigt ihren Ehegatten. Der aber weist keinen Bart und keine vergleichbare Haartracht auf. Ist im Ring also der Maler selbst gespiegelt? Es wäre eine kleine Sensation, denn von Robert Campin ist bisher kein Selbstporträt bekannt. Darüber hinaus kommen gespiegelte Porträts erst später in der Kunstgeschichte vor. Und wenn es Campin ist: Besteht eventuell eine Beziehung zwischen ihm und der Dame mit dem weißen Schleier?

"Zudem ein unsauberes und ausschweifendes Leben"

Auch dazu kann der Archäologe Gutjahr eine These anbieten, die gewiss von der Zunft der Kunsthistoriker aufgegriffen und debattiert werden wird. 1432 wurde Campin angeklagt, mit einer Frau namens Leurence Pollette "schon seit langer Zeit ein unsauberes und ausschweifendes Leben" geführt zu haben. Wegen Ehebruchs wurde er ein Jahr in die Verbannung geschickt. Der angeschlagene Ruf scheint auch seiner Karriere geschadet zu haben: Er erhielt in seiner Heimatstadt Tournai nur noch wenige Aufträge.

Die Thesen von Mirko Gutjahr werden ohne Zweifel auf einige Resonanz stoßen. Auf eine erste Anfrage bei dem Campin-Spezialisten Felix Thürlemann von der Universität Konstanz reagiert dieser zwar zurückhaltend: Einer digitalen Aufnahme, massiv vergrößert, sei nur im Abgleich mit dem Original zu trauen, und über Campins Aussehen wisse man nun einmal nichts – doch dass in dem Bild etwas stecken könnte, was noch keiner gesehen hat, räumt er ein. Erwiesen ist auf jeden Fall, dass die gerühmte Fähigkeit der flämischen Maler, die Wirklichkeit bis ins kleinste Detail wahrheitsgetreu abzubilden, Jahrhunderte später noch einmal einen verblüffenden Beweis gefunden hat.

"Fundsache Luther – Archäologen auf den Spuren des Reformators"

Termin: 31. Oktober bis 26. April 2009, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Sonderdruck des in der "Archäologie in Sachsen-Anhalt", Bd. 5 / 2008 erscheinenden Artikels von Mirko Gutjahr kann bestellt werden: Heike Kuhlow, Tel. 0345 / 5247 332, E-Mail: hkuhlow@lda.mk.sachsen-anhalt.de; weitere Ausstellungen: "Robert Campin – Der Meister von Flémalle, und Rogier van der Weyden. Die Geburt der neuzeitlichen Malerei", 21. November bis 22. Februar 2009, Städel Museum Frankfurt; Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, 20. März bis 21. Juni 2009
http://www.fundsache-luther.de/