Kunstdetektivin - Raubkunst

Wie eine Rasterfahndung

Jahrzehnte hing das "Stillleben mit Porzellankanne" in der Alten Pinakothek in München, wohl Zigtausende Besucher bewunderten das Werk des Niederländers Willem Kalf (1622-1693). Welches menschliche Leid mit diesem Bild erbunden war, wusste bis vor kurzem niemand.
Museen suchen nach Raubkunst:Kunsthistorikerin Andrea Bambi sucht NS-Raubkunst

Der Raubkunst auf der Spur: Andrea Bambi

Das Ölgemälde hatte vor mehr als 70 Jahren der jüdische Kunstsammler Josef Block unter Zwang an die Nazis verkaufen müssen. Block starb 1943 in einem Siechenheim in Berlin. Für seinen Enkel Peter Block war es die "Heilung des Unrechts", als er das Gemälde kürzlich wieder entgegennehmen konnte – und überraschend der Pinakothek gegen eine unbekannte Summe wieder überließ.

Zum vierten Mal seit dem Jahr 2000 gaben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen damit NS-Raubkunst an die Erben der früheren Eigentümer zurück. "Das war für uns ein bewegender Moment", sagt Andrea Bambi. Die 44 Jahre alte Kunsthistorikerin ist seit April Leiterin eines eigens von den Staatsgemäldesammlungen gegründeten Referats für die sogenannte Provenienzforschung. Wie eine Detektivin spürt Bambi der Herkunft aller Kunstwerke nach, die seit 1933 in die Pinakotheken gekommen sind, also eventuell Raubkunst der Nazis gewesen sein könnten.

"Ich komme mir vor wie bei einer Rasterfahndung", sagt Bambi. 4400 Gemälde und 700 Plastiken will sie während des Sommers daraufhin prüfen, ob es bei ihnen einen verdächtigen Besitzerwechsel zwischen 1933 und 1945 gab oder die Herkunft unklar ist. Stuft Bambi die Werke als verdächtig ein, beginnt die Aufgabe der Forschung in Nachlässen, Archiven, Bibliotheken, Geschäftsbüchern. Kam der Verkauf unter Druck zustande? Wurde zu einem fairen Preis verkauft? Konnte der Verkäufer über das Geld verfügen? Tauchen die Namen von jüdischen Sammlern oder einschlägig bekannten Nazi-Kunsthändlern auf? "Es ist eine Arbeit, die einen nicht kalt lässt. Man steigt in die menschlichen Schicksale ein", sagt Bambi.

"Man spürte, dass es Unrecht ist!"

Dass sie fündig werden wird, da ist sich die Kunsthistorikerin sicher. München war die "Hauptstadt der Bewegung", die Pinakotheken lagen in unmittelbarer Nähe zu den Partei- und Verwaltungsbauten der Nationalsozialisten. In Bildakten und handschriftlichen Inventarbüchern sucht Bambi nach Spuren. Das Archivmaterial lagert in gut gesicherten Panzerschränken der Pinakotheken. Eine Fundgrube, so hofft Bambi, werde auch die Registratur sein, in der sämtliche
Korrespondenz von Direktoren, Konservatoren sowie auch Angebote von Kunsthändlern aufbewahrt wird.

Erst vor zehn Jahren, Ende 1998, hatten sich mehr als 40 Staaten bei der Washingtoner Konferenz auf "faire und gerechte" Lösungen bei der Rückgabe von Raubkunst verständigt. Seitdem wurden nach Angaben von Uwe Hartmann von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin 1500 Kulturgüter aus deutschen öffentlichen Einrichtungen zurückgegeben. Den größten Anteil davon machen etwa 1200 Bücher aus - allein 900 aus der Bibliothek Cäsar Hirsch, die 2001 von der Universitätsbibliothek Tübingen restituiert wurde. Zudem wurden mehr als 40 Gemälde sowie über 120 Grafiken und Zeichnungen zurückgegeben.

Die Staatsgemäldesammlungen gaben nach Recherchen Bambis bis 1952 etwa 24 Gemälde und Plastiken zurück. Später galt das Kapitel Raubkunst in deutschen Museen als verjährt. "Aber man spürte, dass es Unrecht ist, dass noch so viel Kunstbesitz in Museen ist, der eigentlich eine andere Herkunft hat", sagt Bambi. Erst mit der Washingtoner Konferenz verpflichteten sich die Staaten wieder zur aktiven Suche nach Raubkunst. Doch nicht immer wird die Suche nach Raubkunst von Erfolg gekrönt. "Sicherlich wird man am Ende oft auch sagen: Nicht aufzuklären", sagt Bambi.

Dorothea Hülsmeier, dpa