Hermann Nitsch

Neapel

Nitsch in Neapel
Rauschebart im Blutrausch: Zum 70. Geburtstag gab's ein eigenes Museum im italienischen Neapel geschenkt (Foto: Nitsch.org)

NITSCH IN NEAPEL

Der einstige Bürgerschreck Hermann Nitsch hat neben seinem regional finanzierten Museum im niederösterreichischen Mistelbach eine weitere, diesmal private Gedenkstätte in Neapel erhalten. Unsere Korrespondentin war bei der Eröffnung dabei.
// UTE DIEHL, NEAPEL

Zur Eröffnung des Museums reisten Hunderte von Nitsch-Verehrern aus aller Welt an. Vor allem natürlich Österreicher. Am Abend vor der Eröffnung fand ein großes Essen auf der zentralen Piazza Dante statt. Allein zwei Flugzeuge voller Mistelbacher und Mistelbacherinnen, samt Bürgermeister, Staatsamtsdirektor und Kulturobfrau waren dafür extra nach Neapel geflogen.

Auch der kampferprobte Anwalt des Aktionskünstlers war mit dabei und zahlreiche Medienvertreter. Junge Österreicherinnen umschwärmte den kleinen Mann mit dem großen Bart und tranken aus seinem Glas. Der Meister selbst saß schwarzgewandet wie eingesunken da und nahm alle Huldigungen gelassen hin.

Am nächsten Tag fand ganz in der Nähe, im Stadtviertel Avvocata, die Eröffnung des "Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch Napoli" in einem umgebauten, ehemaligen Elektrizitätswerk statt. Der neapolitanische Galerist Peppe Morra krönte damit seine 35-jährige Freundschaft mit Nitsch. 1974 hatte er mit ihm eine erste Aktion in Neapel durchgeführt, die von der Polizei unterbrochen wurde. Nitsch musste damals innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen.

Geplant: Eine alljährliche Nitsch-Sommerakademie

Heute löst er keinen Skandal mehr aus. Auf 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche und auf zwei Ebenen verteilt, sind Relikte einstiger Aktionen ausgebreitet: befleckte Tücher, chirurgische Instrumente und Messgewänder. Doch trotz all der bekannten Requisiten, der Beschallung durch die vom Meister selbst komponierten Musik, den Fotos, Videoaufnahmen und einem Geschmacks-, Geruchs-und Farblabor, hat der Besucher Mühe mit dem Nacherleben der blutigen Orgien.

"Dieses Museum soll ja auch mehr als nur ein Archiv vergangener Rauschzustände sein", sagt Peppe Morra. "Ich plane einen Ort der Forschung und der Lehre." Ein Rahmenprogramm liegt bereits vor und Nitsch soll alljährlich einen Monat lang eine Art "Sommerakademie" leiten.

Am Eröffnungsabend kam es im Museum zum Massenansturm. Aber es standen 2000 Liter Wein zur Verfügung und Nitsch-Gattin Rita hatte 50 echte Sachertorten einfliegen lassen. Ein österreichischer Schokoladenfabrikant reichte seine neueste Kreation herum, Schokolade aus Büffelmilch als Hommage an Neapel – und die Banderolen der Tafeln waren mit Blutspritzer-Motiven à la Nitsch bedruckt.

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1 Leserkommentar vorhanden

Werner Hahn

18:40

17 / 09 / 08 // 

NITSCH der Bürgerschreck: Wie man mit Blut, Orgien und documentas Staatskünstler wird

Die „schwarzen Messen“ von „Regisseur“ NITSCH werden neben A. Rainers Werk (mit Malerei vernichtenden Übermalungen), als „wichtigster Beitrag Österreichs zur Kunst der Gegenwart“ (K. Ruhrberg) gedeutet. Theatralische „Beerdigung“ der Malerei gehört auch zur Ideologie NITSCHs: Malerei wird zum Verschwinden gebracht durch Ertränkung des Bildraumes mit Blut und Tiergedärm; im „O.-M.-Theater“ durch Opfer-Aktionen wie Tierschlachtungen, die angeblich auf eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft hinwirken. NITSCHs Aktionen mit Tieropfern und Weihen sollen an archaische Kultrituale erinnern. Der Wiener „Aktionist“ war als „Künstler“ auf der Documenta 5 (1972) und 7 (1982) vertreten und konnte von 1971 bis 1989 an der Städelschule Frankfurt „lehren“. Die ordentliche Verbeamtung wurde NITSCH verwehrt, er musste vorlieb nehmen mit dem Status eines „Gastprofessors“. „Kunstszene“-Vertretern der 60iger Jahre imponierten zur „Kunst und Revolution“ Happenings mit dem Absingen der Bundeshymne beim Onanieren in der Wiener Uni, Piss-Aktionen u.ä. NITSCH wurde wegen seiner Tier-Blut-Aktionen immer wieder ins Gefängnis gesperrt, musste in die BRD flüchten. Nichtsdestotrotz bekam NITSCH als „Künstler“ 2005 den Großen Österreichischen Staatspreis, weil er „in seinem Werk grundlegende Fragen des Menschseins thematisiert"! „Kunst“-Vermittler des Kunst-Markt-Betriebs applaudier(t)en. Heute sei NITSCH in Österreich „zum Idol geworden“, lobt Wieland Schmied den Mann der „Sinngebung mit Innereien“. Die „grenzenlose Bejahung“ (im Aktionismus) „alles Grausamen“ habe NITSCH zu Recht zum „bedeutendsten lebenden Künstler“ gemacht. Der Wiener Aktionismus sei „eine der bedeutendsten Kunstbewegungen der Nachkriegszeit“. Wer’s glaubt … (Kunstzeitung 145, Sept. 08, S. 21.)

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