Unser e.V.

NGBK

Unser e.V. – Neue Gesellschaft für Bildende Kunst
Mitgliederversammlung 2008: In der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. entwickeln die Mitglieder selbst das Programm (Foto: Yvonne Standke)

UNSER E.V. – NEUE GESELLSCHAFT FÜR BILDENDE KUNST

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Leonie Baumann, die Geschäftsführerin der Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst.
// REGINE EHLEITER

Frau Baumann, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Leonie Baumann: Die Ausstellungen der NGBK behandeln politische Reizthemen mit künstlerischen Mitteln, daher gibt es zu vielen Vorhaben heftige Kontroversen. Gerade die letzte Ausstellung "Ein Leben Lang" hat die Besucherinnen und Besucher in zwei diametral entgegenstehende Lager geteilt: diejenigen, die die Darstellungen älterer Menschen aufs heftigste begrüßten, da sie gegen den gesellschaftlich vorherrschenden Schönheitswahn die Realität zeigten, und diejenigen, die die Ausstellungsräume empört verließen und dieses Thema nicht in einem Kunstraum behandelt sehen wollten.

Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

Die Anzahl der Besucher sagt ja in der Regel wenig aus, da wir zum Beispiel auch große Ausstellungen in der Akademie der Künste und im Hamburger Bahnhof ausrichten, wo die Besucherzahlen immer hervorragend sind und mit unserem Hauptstandort in Kreuzberg nicht konkurrieren können. Aber eine der am intensivsten wahrgenommenen Projekte war "1-0-1 [one o one] intersex", die zum ersten Mal mit Ausstellung, Archiv und umfangreichen Begleitprogramm die Mehrgeschlechtlichkeit von Menschen enttabuisierte und auch betroffene Künstlerinnen und Künstler präsentierte. Tausende von Besuchern blieben stundenlang, um unter anderem auch in dem bereitgestellten Archiv zu arbeiten.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Die NGBK hat keine eigene Sammlung.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Wen ich gerne ausstellen würde, spielt in der NGBK keine Rolle. Unsere Struktur unterscheidet sich von allen anderen Kunstvereinen, da hier die Mitglieder das Programm entwickeln und in Projektgruppen von mindestens fünf Personen, die alle Mitglieder der NGBK sein müssen und in der Regel sehr unterschiedlichen Professionen angehören, die Ausstellungen von der ersten Idee bis zur Realisierung verantworten. Die basisdemokratische Entscheidung, die die Mitgliederversammlung einmal im Jahr für das folgende trifft, ist immer ein aufregender Moment und voller Überraschungen. Wir werden aber in jedem Fall weiter an gesellschafts- und kulturpolitischen Fragestellungen arbeiten und junge, kontroverse künstlerische Positionen fördern.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Zur Biennale nach Venedig.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Weiterhin viele junge aktive Mitglieder, die mit ihrem Engagement die besondere Ausstrahlungskraft der NGBK prägen, und dass wir trotz der oft politisch brisanten Themen weiterhin auf die Unterstützung unserer Zuwendungsgeber hoffen können.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

In Montreal habe ich eine Künstlergruppe kennen gelernt, die sich "ATSA" nennt: "Action Terroriste Socialement Acceptable – Quand l’art passe à l’action" – das würde auch zur NGBK passen als Motto, aber dann wohl eher ohne Vereinskonstruktion.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Angesichts der Zuspitzung gesellschaftlicher Widersprüche werden wir keinen Mangel an Problemstellungen haben, die mit künstlerischen Strategien bearbeitet werden. Ich hoffe, dass diese Ideen zunehmend auch Intitialzündung für andere Bereiche haben werden und es noch mehr Querverbindungen geben wird, als das jetzt schon der Fall ist.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

Bei uns arbeiten alle, ob Kunsthistorikerin, Autor, Kuratorin, Künstler oder aus kunstfremden beruflichen Zusammenhängen gleichberechtigt zusammen und qualifizieren sich so in einer einmaligen Weise, begleitet von einem professionellen Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die optimale Arbeitsbedingungen schaffen. Die NGBK bietet einen Freiraum für die Behandlung von Projekten, die anderswo eher nicht gefördert würden. Die Diskussionsprozesse sind transparent und zu jeder Zeit beeinflussbar oder nachvollziehbar.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1969. Leitung: Leonie Baumann. Mitgliederzahl: 870. Altersdurchschnitt: zirka 35 bis 40 Jahre. Jahresbeitrag: 50 Euro (ermäßigt 25 Euro). Ausstellungsfläche: 350 Quadratmeter. Jahresbudget: zwischen 700 000 und 850 000 Euro. Nächste Ausstellung: "pöpp 68 – privat öffentlich persönlich politisch", 1. November bis 30. November 2008.

"Der Blinde Fleck"

Ort: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstraße 25, Berlin). Termin: 13. September bis 19. Oktober 2008. Beteiligte Künstler: Klaus Weber, Jin Lie, Albrecht Schäfer, Hito Steyerl, Ilka Meyer, Hörner/Antlfinger, Sarah Vanagt, Matthias Jud / Christof Wächter, Nina Fischer / Maroan el Sani, Richard Schütz, Kriss Salmanis / Daiga Kruze.

http://ngbk.de

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