Klaus Gerrit Friese

Interview

"Wir fordern ein bis zwei Prozent!"
Klaus Gerrit Friese, Galerist und Vorsitzender des Bundesverband Deutscher Galerien (Foto: Frank Kleinbach)

"WIR FORDERN EIN BIS ZWEI PROZENT!"

Klaus Gerrit Friese, Vorsitzender des Bundesverband Deutscher Galerien und Editionen e.V. (BVDG) über die Debatte um die Abschaffung der Künstlersozialversicherung, überhöhte Künstlerhonorare – und die Forderungen an die Politik.
// ALAIN BIEBER

Herr Friese, gestern gab es die ersten Meldungen darüber, dass die Künstlersozialversicherung abgeschafft werden soll. Was war Ihr erster Gedanke?

Klaus Gerrit Friese: Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit dem Phänomen der Künstlersozialkasse, die in Deutschland wirklich einzigartig ist. Die Initiative zur Abschaffung können wir nicht begrüßen. Es geht in der aktuellen Diskussion ja auch primär um eine Reformierung – darum kümmern wir uns auch im kulturpolitischen Raum. Aber über eine Abschaffung der Künstlersozialversicherung denkt niemand ernsthaft nach.

Eine Reformierung ist also dringend notwendig?

Ja. Wir Galeristen zahlen Künstlern bereits einen unglaublich hohen Prozentsatz der gemachten Umsätze. Schriftsteller bekommen vielleicht 10 Prozent und im Musikbereich ist der Anteil noch geringer.

Bei Galeristen liegt der Prozentsatz bei 30 bis 50 Prozent.

Eher bei 50 bis 60 Prozent! Und dann müssen wir immer noch, unabhängig davon und nicht einkalkulierbar, einen ständig wechselnden Prozentsatz an die Künstlersozialkasse zahlen. Das ist wirklich unzumutbar! Diese ständig wechselnde und relativ hohe Künstlersozialabgabe muss dringend verändert werden. Diese Debatte macht schlagartig bewusst, mit welcher Ungerechtigkeit der Kulturbetrieb belastet wird und welchen Wettbewerbsnachteil Galerien haben, die lange arbeiten und investieren müssen, um überhaupt solche Honorare an Künstler zahlen zu können.

Der Prozentsatz soll ja nun im Jahr 2009 auf 4,4% gesenkt werden.

Auch das ist noch viel zu hoch! Ein bis zwei Prozent ist gerade noch verträglich. Alles andere ist absurd.

Welche Galerien zahlen eigentlich Abgaben?

Alle, die Honorare zahlen! Und sogar an ausländische Künstler – das ist ja das groteske System. Selbst wenn ausländische Künstler nicht davon profitieren, weil sie in Deutschland gar nicht versichert sind, erhält die Künstlersozialkasse von Honoraren, die an ausländische Künstler gezahlt wurden, ihre 4,9 Prozent. Und auch Unternehmen, die mit Künstlern arbeiten und kleine Ausstellungen organisieren, und vielleicht selbst überhaupt nichts damit verdienen, müssen bezahlen. Jedes gezahlte Honorar ist abgabepflichtig – egal, mit welchem Budget die Galerie agiert.

Der Bundeverband Deutscher Galerien ist also auch für eine "unternehmerfreundliche" Reformierung – wie sollte diese denn aussehen?

Zunächst fordern wir eine Reduzierung des Abgabesatzes. Und eine weitere Forderung an die Politik: Der Bund sollte sich wieder stärker an der Künstlersozialkasse beteiligen, damit der Beitragssatz für die Vermarkter reduziert werden kann. Der Bund hat sich dabei immer mehr aus der Verantwortung gezogen. Und zwar dadurch, dass er seinen zu zahlenden Anteil immer weiter reduziert hat.

Sie sind selbst Galerist, und Ihre Galerie befindet sich in Baden-Württemberg, einem der Bundesländer, auf das die Initiative zurückgeht – warum sind es gerade Bundesländer wie Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein die die Künstlersozialversicherung abschaffen möchten?

Diese Initiative wurde wesentlich von den Industrie- und Handelskammern vorangetrieben, die versuchen, die Künstlersozialkasse, die sie als nicht relevant empfinden, abzuschaffen, seitdem durch die Novelle im letzten Jahr klar wurde, dass auch Nicht-Kulturbetriebe Künstlersozialabgaben zahlen müssen, wenn sie zum Beispiel einen freien Grafiker oder Fotografen für Firmenwerbung beschäftigen. Das hat aber nichts mit der Lobbyarbeit von Kulturverbänden zu tun. Aber warum sich gerade diese Bundesländer so positioniert haben, kann ich nicht beurteilen. Eins ist klar: auf Bundesebene ist die Künstlersozialkasse gewollt. Und zwar parteiübergreifend, da besteht Konsens, weil sich Bundespolitiker aller Couleur mit der Künstlersozialversicherung am besten als Kulturmenschen schmücken können. Und zwar letztlich auf Kosten der Kulturvermittler und insbesondere des Kunstmarkts. Das muss auch mal gesagt werden.

Viele Politiker sehen in der Debatte bereits einen Untergang der deutschen Kulturnation.

Ja, klar, der Untergang ist da. Man zeigt dann in Deutschland immer gerne die Schreckensszenarien auf. Aber das ist Käse. Wir sind nicht für die Abschaffung. Das Gesetz gibt es schon seit 25 Jahren. Es geht aber darum, dass man die Künstlersozialkasse so reformiert, dass daraus für die nächsten 20 Jahre ein tragfähiges System entsteht.

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