Stuart Hawkins

Starter

Globale Sehnsüchte
Stuart Hawkins: "Day Driver", 2005/2006, C-Print, 53,3 x 101,6 cm (Courtesy Zach Feuer Gallery)

GLOBALE SEHNSÜCHTE

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jetzt jede Woche in der Reihe "Starter". Nach Dennis Loesch geht es weiter mit Stuart Hawkins. Der Traum vom besseren Leben verbindet Menschen in Nepal und den USA – und trennt sie, wie die Fotos von Stuart Hawkins zeigen.
// CLAUDIA BODIN

Wenn die New Yorker Künstlerin Stuart Hawkins in ihren Bildern von globalen Sehnsüchten erzählt, dann handelt es sich um den Traum von Wohlstand und vom eigenen Heim. Am besten in einer dieser abgeschirmten, bewachten Siedlungen mit hübschen Vorgärten. Eine amerikanische Exportware. Ein solches Bau­projekt fand die 1969 in Virginia geborene Künstlerin, die 15 Jahre lang im Wechsel in Nepal, Indien und den USA lebte, im armen Westbengalen.

Allerdings wurde der Traum durch die Bankenkrise, faule Kredite und Profitgier zerstört, die Bauvorhaben wurden nach kurzer Zeit gestoppt. Womit der indische Bundesstaat einen Ort darstellt, der überall auf der Welt sein könnte. Hawkins ist jedoch keine Fotoreporterin, die antritt, um die Tragik der Situation zu dokumentieren. In ihren Bildern steht ein Mann in einer Baugrube hinter einem einsam in der Luft hängenden Fensterrahmen. Er hält die kindhafte Darstellung eines Schmetterlings vor sein Gesicht, als würde er sich für seinen Wunsch nach einem besseren Leben schämen. Auf einem anderen Bild tragen die Menschen Pappen mit Zeichnungen von bunten Häusern entlang einer frisch gebauten Straße. "Günstig gelegen" ist der ironische Titel des Bildes – was ein Slogan aus der Werbebroschüre für die Siedlung sein könnte. Ihre Fotoserien ergänzt die Künstlerin mit humorvoll-absurden Videos.

Stuart Hawkins, die ursprünglich Umweltwissenschaften und Frauenrechte studierte, gelang es früh, ihre eigene Bildsprache zu finden. In ihren Geschichten, die trotz aller Absurdität etwas Poetisches haben, geht es um den amerikanischen Kulturimperialismus und die arrogante Sicht der westlichen Welt auf alles, was sie als exotisch oder weniger fortschrittlich ansieht. Ihre Beziehung zu Nepal, wohin es Hawkins das erste Mal 1991 im Rahmen eines Studentenprogramms verschlagen hatte, beschrieb die Künstlerin einmal so: "Es ist, als ob ich unter meinem Lieblingsbaum sitze und ihn über viele Jahre wachsen sehe. Ich bin bei ihm, aber wir sind getrennt."

Steckbrief

Geboren: 1969 Norfolk, Virginia, USA

Wohnort: New York, nach zirka 15-jährigem Aufenthalt in Nepal und Indien

Galerie: Zach Feuer Gallery, New York

Initialzündung: Als ich sechs Jahre alt war, schrieb ich: "Wenn ich groß bin, will ich Künstlerin werden, weil ich Dinge in meinem Kopf sehe." Dank meiner Mutter ist diese Aufzeichnung erhalten geblieben.

Höhepunkt: Wenn einen aus dem Nichts eine Idee überkommt. Das Versprechen neuer Möglichkeiten euphorisiert mich.

Tiefpunkt: Eine Arbeit zu beenden. Ich bin immer traurig, wenn ich mich verabschieden muss. Ich sehe mir die Arbeit nie wirklich an, nachdem ich sie abgeschlossen habe.

Helden: Als ich zehn Jahre alt war, sah ich Steve Martin in "Reichtum ist keine Schande". Der Film entsprach zum Teil einer fortlaufenden Erzählung, die ich selbst im Kopf hatte. Ich fühlte mich sofort verstanden und legitimiert. Er half mir zu erkennen, dass Wahrheit im Absurden stecken kann.

Credo: Ich glaube, dass in der menschlichen Verrücktheit Weisheit steckt.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Ich wünschte, jemand könnte mir beibringen, eine Pause einzulegen und richtig zu entspannen.

Warum Künstler, nicht Banker? Wann immer ich etwas anderes probiert habe, hat es nicht funktioniert. Wenn man dazu bestimmt ist, kreativ zu sein, ist es unmöglich, das loszuwerden.

http://www.zachfeuer.com

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