Erste documenta-Teilnehmer bekannt

Bei guten Krimis liegen die Indizien nicht auf der Hand, sondern verbergen sich dort, wo der Zuschauer sie nicht erwartet. So betrachtet gäbe das beliebte Spiel "Wer ist dabei auf der documenta" eine gute "Tatort"-Folge im Kunst-Milieu

In einem Monat (9. Juni) beginnt die weltweit wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst. Die künstlerische Leiterin und ihr Stab betonen zwar stets, die Teilnehmerliste werde am 6. Juni veröffentlicht und keinen Tag eher, aber dann verstecken sie doch den einen oder anderen Hinweis.

Wichtiger Indizien-Katalog ist eine Schriften-Reihe, die nach und nach im Hatje Cantz Verlag publiziert wird: "100 Notizen - 100 Gedanken". Es sind Faksimiles handschriftlicher Notizen, Essays, Interviews, Künstlerbücher. Ein großer Teil dieser "Autoren" dürfte bei der documenta auf der Teilnehmerliste stehen. Wer genau hinsieht, kann bisweilen sogar Konkretes finden. So stellen die deutsche Künstlerin Ines Schaber und die amerikanische Soziologin Avery Gordon in ihrem Notizbuch ein ehemaliges Kloster 20 Kilometer südlich von Kassel vor, das als Umerziehungslager, KZ, Besserungsanstalt und Therapieeinrichtung diente.

Geht man nach den Notizbüchern, dann dürfte die Mexikanerin Mariana Castillo Deball dabei sein, deren filigrane Arbeiten in der Luft zu schweben scheinen. Oder der Spanier Fernando García-Dory, der sich für Landwirtschafts-Utopien begeistert, die Abfall in Wohlstand verwandeln. Oder Ana Prvacki, geboren in Ex-Jugoslawien, die in früheren Performances Geld waschen und Höflichkeit üben ließ. Oder die New Yorker Malerin und Bildhauerin Ida Applebroog mit ihren sexuell aufgeladenen Arbeiten. Oder Matias Faldbakken aus Oslo, der aus den Protokollen seiner Internet-Recherchen konkrete Poesie macht.
Oder Mariam Ghani aus Kabul, die in ihrem Notizbuch den
Kreislauf von Zusammenbruch und Erneuerung in Afghanistan beschreibt.

Ganz so einfach macht documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev es den Kunst-Detektiven natürlich nicht. Zwar gibt es auf der Homepage eine (als unvollständig titulierte) Teilnehmerliste, aber auf der stehen so kunstferne Berufe wie "Zoologe", "Ökonom" oder "Hypnotherapeut". Auch die unter "Künstler" aufgeführten Namen sind mit Vorsicht zu genießen: Salvador Dalí (gestorben 1989) wird wohl kaum nach Kassel kommen - ihm ist nur ein Notizbuch gewidmet.

Ziemlich sicher dabei ist William Kentridge. Der Südafrikaner
wurde durch Bild für Bild handgezeichnete Animationsfilme bekannt, war bereits mehrmals in Kassel vertreten und dürfte zu den bekanntesten Namen auf der Künstlerliste zählen. Er macht aus seiner Teilnahme kein Geheimnis und verrät - tief versteckt auf der Homepage der documenta - sogar den Titel seines Werks: "Die Ablehnung der Zeit".

Bereits jetzt in Kassel zu sehen sind Arbeiten des amerikanischen Aktionskünstlers Jimmie Durham und des italienischen Arte-Povera-Vertreters Giuseppe Penone: Der eine pflanzte zwei Apfelbäume, mit denen später einmal documenta-eigener Bio-Apfelsaft produziert werden soll, der andere platzierte ein riesiges Stein-Ei zwischen den Zweigen eines Baums.

Laut documenta-Homepage darf man mit Etel Adnan aus Beirut rechnen, Mario Garcia Torres aus Mexico, den Mitgliedern der "Group Material" und mit Natascha Sadr Haghighian, die statt eine Biografie anzugeben auf eine Internetseite verweist, auf der Künstler Lebensläufe ausleihen, tauschen oder neu zusammenstellen können.

Eine Initiative namens And And And bezeichnet sich selbst als
"Teil der documenta". Sie organisiert gemeinsam mit Künstlern rund um den Globus Veranstaltungen, "die sich mit kritischen Fragen beschäftigen, welche uns in der Gegenwart betreffen", und plant in Kassel ein nicht näher genanntes "öffentliches Experiment". In Kunst-Blogs wird der Name Gustav Metzger genannt. Der gebürtige Nürnberger wurde von den Nazis vertrieben und lebt in London, wo er Manifeste über auto-destruktive und auto-kreative Kunst schrieb.

Wie jede documenta ist auch die 13. Ausgabe stark geprägt von der Persönlichkeit ihres künstlerischen Leiters. Carolyn
Christov-Bakargiev macht bei aller Namens-Enthaltsamkeit keinen Hehl aus ihren Vorlieben. Ihre documenta werde "vielleicht weniger spektakulär" als frühere, sagte sie im Februar der dpa. "Die documenta (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht", konkretisierte die Amerikanerin
mit bulgarisch-italienischen Wurzeln vergangene Woche ihre Pläne. dpa

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