Gallery Weekend
Berlin
RAKETE IM WOHNZIMMER
Wer irgendwie mit Kunst zu tun hatte, war am vergangenen Wochenende in Berlin. Das "Gallery Weekend", ein gemeinsames Vernissage-Programm von 34 führenden Berliner Galerien, hatte in diesem Jahr noch einmal glamourmäßig aufgerüstet. Als Impressario fungierte der flamboyante Frankfurter Kunsthändler Michael Neff.
Es gab aufwändige Broschüren, Champagner-Empfänge und ein Gala-Dinner für 500 Personen, internationale Sammler wurden eingeflogen und in schwarzen Audi-Limousinen von Event zu Event kutschiert – auch um zu verhindern, dass sich die kauffreudigen Gäste womöglich in die falsche Galerie verirren. Denn auch das wurde schnell klar: Das Gallery Weekend ist auch ein Abgrenzungsvehikel in Berlins wild wuchernder Galerienlandschaft. Die Happy Few, die es in den erlauchten "Weekend"-Kreis geschafft haben, trugen ihr knalloranges Plakat wie eine Siegertrophäe.
Gleich zum Auftakt des Wochenendprogramms konnten die VIP-Besucher ihrem Voyeurismus frönen. Sieben Galeristen luden am 1. Mai in ihre Privatwohnungen. Bei Guido Baudach und Katja Barth in der Invalidenstraße bekam man lässigen Mitte-Stil zu sehen, neben Kinderkritzeleien und einem Foto vom Ost-Sandmännchen hing beiläufig eine Zeichnung von Thomas Zipp. Da werden die amerikanischen Sammler schon ein bisschen unsicher, dass es hier so wenig "Wall Power", sprich leicht erkennbare Markennamen, zu bestaunen gab. Dieses Bedürfnis wurde in Max Hetzler und Samia Saoumas Charlottenburger Belle Etage auf Feinste befriedigt. Da hingen gleich im Flur frühe Warhol- und Lichtenstein-Zeichnungen. Im Schlafzimmer Rineke Dijkstra-Fotos und ein Gemälde von Frank Nitsche, den Hetzler an diesem Wochenende auch in seiner Galerie zeigte. Im Esszimmer Albert Oehlen, Kara Walker und Christopher Wool, im Salon dann Martin Kippenberger und Ellen Gallagher, dazu Franz West-Stühle und eine Blumenvase von Jeff Koons.
Auch Alexander Schröder (Galerie Neu) verstand es, seine Besucher zu beeindrucken. Auf dem eher untrendigen Mehringdamm in Kreuzberg hat er eine riesige, großbürgerliche Altbauetage zum Showroom umfunktioniert. Cosima von Bonins neun Meter langer Raketenphallus schießt gleich durch drei Zimmer und leistet Francesco Vezzolis Eiertanz-Video "Bouncing Balls" Gesellschaft, dazu kommen Kleiderhaken von Manfred Pernice, Skulpturen von Isa Genzken und eine begehbare Skulptur von Klara Liden. Bei soviel Kunst bleibt wenig Platz zum Wohnen. Schröder und seine Frau Yasmine Elgarafi leben eine Etage höher.
Am Tag danach begann dann der eigentliche Vernissage-Rummel. Bei Eigen+Art in der Auguststraße schauten die ersten Neugierigen schon mittags vorbei, um Carsten Nicolais glühende Farbfeldbilder zu bestaunen. Judy Lybke schwärmte dagegen noch vom Leipziger Galerienrundgang am Tag zuvor, wo der Bürgermeister alle beteiligten Galeristen mit Handschlag begrüßt hatte. Bei Contemporary Fine Arts justierten die Techniker noch die letzten Lampen, damit Tal Rs strahlenförmige Collagebilder im besten Licht erschienen. Die neun großformatigen Arbeiten in grellen Farben offenbarten bei näherem Hinsehen allerlei Ausrisse aus Pornomagazinen und waren bereits am Eröffnungstag alle verkauft – für 200 000 Euro das Stück. Sex sells.

