Art Week

Berlin



EVERYTHING BUT COLLECTORS

Nach dem Ende der Kunstmesse Art Forum, steht die Galerienszene in Berlin unter Zugzwang. Jetzt antwortet sie mit einer gemeinsam koordinierten Kunstwoche, die in diesem Jahr die Herbstsaison einläutet. art schickt vier Autoren auf einen Kunstmarathon durch die Berliner Artweek.
// LEA DLUGOSCH, KITO NEDO, BIRGIT SONNA, UTE THON
Sonntag, 9. September, 19 Uhr, Kotti Kreuzberg

Auf dem Balkon des Zentrum Kreuzberg herrscht Gedränge. Der Grund: Doppeleröffnung der Galerie Kai Hoelzner und des Ausstellungsraums Studio. So sieht es also aus – zwei Räume, ein Thema: Bei Studio dreht sich alles um traurige Clowns und Exit-Strategien aus dem Kunstbetrieb.

Nebenan, in der Hoelzner Galerie wird in der Ausstellungsinfo der "Pornosommer 2012" verabschiedet: "Von "Shades of Grey" bis zum "Haus der Löcher" hatten wir uns durchgelesen und waren nun bereit, selbst durch irgend solch ein Loch in einer Leinwand zu verschwinden." Fluchtfantasien angesichts des nahenden Kunstherbstes? Verführerischer Gedanke, aber nicht zu realisieren. Also wird dem Künstler Burk Koller, seinem Kurator John Beeson und dem ganzen Tross in das nahegelegene Lokal Chez Michel in der Adalbertstraße gefolgt. Man muss erleben, wie dort in der offenen Küche das große Essen vorbereitet wird. An den Wänden hängt Endart-Kunst von Klaus Theuerkauf und auch ein Auflagenblatt von Wolfgang Müller. Wie kommt die Kunst an diese Wand? Vielleicht so: Chez Michel ist das Kreuzberger Pendant zur Charlottenburger Paris Bar. (kn)

Dienstag, 11. September, 19 Uhr, Galerie Johnen

Johnen bietet in seinen Räumen eine der auch intellektuell kostbarsten Galerieausstellungen des diesjährigen Kunstherbstes. Nicht nur, dass Turner-Preisträger Martin Creed den Eingang mit Blattgold veredelt und von der vormaligen Höllenpforte Kusmirowskis in ein wahres Himmelsterrain verwandelt hat. Auf zwei Stockwerken gibt der kanadische Künstler Rodney Graham den in Leuchtkästen ansichtigen Transvestiten schrullig gescheiterter Lebensentwürfe. Herrlich, wie er sich als gealterter, abgewrackter Punk in Nieten-Lederjacke und blau umrandeten Lidern über eines der letzten verbliebenen Münztelefone in der Stadt hermacht. Und für den unter einer Birke im Gras sitzenden und rauchenden Koch rollt er das perfekte Setting einer englischen Parklandschaft auf. Da sitzt auch konzeptuell jeder Grashalm. Ironie und Melancholie halten sich subtil die Waage. Und wenn man dann Graham selbst schön ergraut durch die Ausstellung streifen sieht, wähnt man irrtümlich den ewigen Doppelgänger seiner Kunstfiguren vor sich. (bs)

Dienstag, 11. September, 20 Uhr, Galerie Mehdi Chouakri

Auch Sylvie Fleury, die Queen der konzeptuell und feministisch gegen den Strich gebürsteten Minimal-Art war in town, verließ die Stadt aber zusammen mit ihrem Papa bereits vor dem Start der abc. Bei Mehdi Chouakri ist eine nahezu retrospektiv aufbereitete Ausstellung der Genfer Künstlerin zu sehen. Angefangen von ihrem "Crash-Test" von 2001 bis hin zu einer weißen Neon-Farbstudie mit Blau reicht das Spektrum in "Do Not Think Of The Colour Blue For Thirty Seconds". Ein Gaze-Vorhang schlingert von einer Windmaschine angetrieben durch den Raum. Im Zentrum thront ein Albino-Pfau wie ein Widerspruch in sich und spreizt seine weißen Federn. "Danken Sie nicht mir, danken Sie der Natur", kontert Fleury süffisant Komplimente über das sensitiv überhöhte Farblaboratorium. (bs)

Dienstag, 11. September, 23 Uhr, Times Bar St. Agnes

Der letzte Sommerabend dieses Jahres, noch einmal ist es warm, noch einmal draußen vor der Tür warmes Bier im Stehen trinken. Wir tun das im Hof der St. Agnes-Kirche, einem brutalistischen Betonklotz aus den 1960er Jahren, den der Galerist Johann König jüngst für 100 Jahre von der katholischen Kirche gepachtet hat. Bevor der neue Berliner Stararchitekt Arno Brandlhuber die denkmalgeschützte Kirche durch den Einzug einer Zwischendecke ("der Tisch") in eine Galerie verwandelt, hat sich König die Kellerkinder der jüngst geschlossenen Times Bar aus Neukölln eingeladen, um für ihn das publikumswirksame House-Warming zu übernehmen. Doch irgendwie mag der Transfer der superhippen, internationalen und extrem internetaffinen Szene – manche nennen sie "Post-Internet" – aus ihrem stickigen, unrenovierten Keller in den riesigen Gemeindesaal nicht so recht gelingen. Der Hardstyle von Dju Dju B versendet sich im leeren Hallraum der düsteren Nachkriegsarchitektur und ist trotzdem laut genug, um schon kurz nach Mitternacht die Polizei auf den Plan zu rufen. Noch bevor die Musik abgedreht wird, machen wir uns mit dem Bier in der Hand auf den Weg Richtung Herbst. (kn)

Mittwoch, 12. September, 19.30 Uhr, Schinkel-Pavillon

Gerade noch rechtzeitig treffen wir im Schinkelpavillon an der Oberwallstraße ein. Seit die Künstlerin Nina Pohl hier in der Nachbarschaft der Staatsoper das Ausstellungsprogramm kuratiert, sind an den Eröffnungen die Besucherzahlen explodiert. Für heute ist mit extrem hohen Andrang zu rechnen: Natürlich will jeder wissen, was sich Cyprien Gaillard, der Bobo-Badboy und letztjährige Nationalgalerie-Preisträger für den Schinkelpavillon ausgedacht hat. "What it does to your city" heißt die Ausstellung, die die Zähne von Baggerschaufeln wie wertvolle archäologische Artefakte in einer Reihe von Vitrinen präsentiert. Kurz nach acht findet draußen in der Baugrube, dort wo Münchner Projektentwickler gerade die Luxus-Wohnanlage Kronprinzengärten aus der Erde stampfen, noch eine Performance statt. Zu Steve-Reich-Musik lässt der Franzose drei Bagger mit Bengalischem Feuerwerk tanzen. Nicht jeden überzeugt das. "Von Tanz kann nicht die Rede sein!", entrüstet sich ein Architekt. Später am Abend werden die Nominierten für den nächsten Nationalgalerie-Preis bei einer Autohaus-Party am Ku-Damm verkündet. Der Schock: Das Preisgeld ist gestrichen. Gerüchteweise war es beim letzten Mal nur nach mehreren Anläufen gelungen, 25 000 Euro an den siegreichen Gaillard zu überweisen – der hatte es offenbar nicht so nötig. Cyprien, what did you do to your city? (kn)

Donnerstag, 14. September, 13 Uhr, Art Berlin Contemporary (abc)

Es kostet sonst anfangs immer etwas Überwindungskraft, bei Kunstmessen mental die erste Bresche in das Dickicht von Verkaufsständen zu schlagen. Ganz anders bei der abc – der "art berlin contemporary". Man fängt gleich Feuer für die in den ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck gestemmte Verkaufsschau. Beschwingt durch Manuels Raeders luftige Ausstellungsarchitektur aus Stellagen mit ihrem von einem Bookshop flankierten Eingang, lassen sich die Offerten in den drei Hallen wie im Flug erobern. Die gute Stimmung in der sogenannten "Station" ist ansteckend, unter den Besucher ebenso wie unter den Galeristen. Aus Berlin einschlägig bekannte Sammler wie Barbara und Axel Haubrock kreuzen den Weg. Und es wirkt sich durchaus positiv aus, dass diesmal kein Kurator eingesetzt wurde, sondern jeder Galerist pointiert sein offen gehaltenes Kompartiment bestellte, wie es etwa der demonstrativ bei Esther Schipper platzierte Hippie-VW-Expeditionsbus von Christoph Keller mit seinem an die Windschutzscheibe projizierten Ethno-Filmprogramm überzeugend beweist. Ein Witz macht die Runde: "The abc has everything but collectors!" Stimmt schon, es sind kaum internationale Sammler gesichtet worden, und in der Folge klagen auch einige Galeristen über zu schleppendes Kaufinteresse. Punktuell aber laufen die Geschäfte erstaunlich gut: Michael Zink verkaufte gleich in den ersten Stunden ein große fotorealistische Zeichnung von Rinus van de Velde, Barbara Weiss konnte drei von Suses Webers aus zeichenhaften Modulen zusammengesteckte Arbeiten à 10 000 Euro veräußern, bei Tanja Pol gingen die mit pudriger Note verzaubernden Malereien von Christina Chirulescu wie geschnitten Brot. Und Wentrup fand für Florian Meisenbergs kurios an einem Gerüst aufgetürmte, krude minimalistisch bemalte Leinwände gleich mehrere Käufer. abc hat jedenfalls das Format, um den durch die lange herumdümpelnde Messe Artforum beschädigten Ruf von Berlin als ambitioniertem Handelsplatz für zeitgenössische Kunst wiederherzustellen.

Keine Frage, man wird noch hart an der internationalen Zugkraft von abc arbeiten müssen. Und das Galeristen-Aufgebot ist eindeutig zu berlinlastig. Aber so herausfordernd anders und couragiert war bis auf die New Yorker Independent schon lange kein Messe-Hybrid mehr. Sogar die BZ widmete der abc eine Schlagzeile: "Dieses Foto ist zurzeit das interessanteste Kunstwerk in Berlin". Es handelt sich um Jeff Walls ikonografisch anspielungsreiche Porträtaufnahme des aus Vancouver stammenden Kostüm-Sammlers Claus Jahnke bei Johnen Galerie. Jahnke ist ein profunder Kenner der von den Nazis zerstörten Berliner Modehäuser, wie sie etwa auf hohem Couturier-Niveau durch das jüdische Kaufhaus Nathan Israel in den 1920er-Jahren repräsentiert waren. Der von originalen Modellkleidern aus der Jahnke-Kollektion gesäumte Auftritt Jeff Walls hätte die Siegestrophäe der diesjährigen abc verdient, wenn es sie denn gäbe ...

Freitag, 7. September, 18 Uhr, Galerie Ester Schipper

Von wegen Messer wetzen! Thomas Demand setzt ein Zeichen, dass man als Künstlerstar durchaus in zwei Berliner Galerien vertreten sein kann, ohne dass sich diese um das Stück des dicksten Kuchens befehden müssen. Sympathetisch stellen die Galerien Esther Schipper und Sprüth Magers derzeit zwei Stränge des international berühmten Foto-Sehfallenbauers aus. Während Demand bei Schipper Modelle des kalifornischen Villenarchitekten John Lautner wie Landschaftsversatzstücke fokussiert, sind bei Sprüth Magers eher klassische Bildexemplare sowie ein aufwendig animierter Film zu der Havarie eines Kreuzfahrtschiffs zu sehen. Unser Favorit dort ist das in der für ihn typischen Modellbaumanier nachgebaute Schlecker-Drogeriemarktregal, wie es sich doppelt entleert in Demands großformatiger Fotografie "Filiale" spiegelt (ein Interview mit dem Künstler folgt in den nächsten Tagen auf dieser Seite). (bs)

Freitag, 7. September, 19 Uhr, Galerie Kornfeld

Die Gegend um die Fasanenstraße wird ja immer mal wieder als cooler Standort für zeitgenössische Galerien ausgerufen. Jetzt hat sich im alten Westen, wo einst Berlins berühmteste Kunsthändler residierten, ein vielversprechender Neuling angesiedelt. Die Galerie Kornfeld – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schweizer Auktionshaus, zu dem es keine Verbindung gibt – präsentiert in großzügigen Räumen ein ambitioniertes Programm mit junger Kunst und etablierteren Positionen. Den Einstand feierten die Galeriegründer Freddy Kornfeld, Mamuka Bliadze und Anne Langmann im Juni mit einer museumsreifen Ausstellung der georgischen Malerin Natela Iankosshvili. Für die zweite Ausstellung haben sie ihre Galerie jetzt in eine Black Box verwandelt. Gleich am Eingang wird man von einem riesigen Auge angestarrt – eine Videoarbeit des britischen Künstlers Sonny Sanjay Vadgama. Im Raum verteilt laufen weitere Videos, aufwendig als Rückprojektionen präsentiert: Feuerwerkskörper, Häuser, die durch eine Sprengung zusammenstürzen, rotleuchtende Wolkenwirbel. Vadgamas digital manipulierte Videoloops scheinen formal zunächst einfach, faszinieren aber durch ihre inhaltliche Ambivalenz. Sind das nun Neujahrsraketen, die ihre gleißenden Muster in den Nachthimmel schneiden oder die Zeichen nächtlicher Bombardements in einem Kriegsgebiet? Der Künstler, Jahrgang 1981 und am Londoner Central St. Martins College ausgebildet, lässt diese Fragen offen. Nur so viel verrät er: Es geht um den "space between", den Raum zwischen Ordnung und Chaos, Krieg und Frieden, Kreation und Zerstörung. Und ein bisschen vielleicht auch um ein neues Erwachen in Charlottenburg. (ut)

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wo die Kunstgeschichte zu Hause war, wo die abc-Crew zum Tête à tête geladen hatte und wer für die coolste Hose der Artweek bewundert wurde.

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