art Berlin Contemporary

Interview

"Die abc ist ein lukratives Verkaufsformat"
Alexander Schröder, Galerie Neu (links), und Guido Baudach inmitten der Aufbauarbeiten in der Station am Postbahnhof (Foto: Marco Funke)

"DIE ABC IST EIN LUKRATIVES VERKAUFSFORMAT"

Ohne Kurator und Thema, dafür aber mit klaren Schildern und Messearchitektur legt die abc dieses Jahr den Schwerpunkt auf eine gelungene Handelsatmosphäre. art sprach mit den Direktoren über die neue Rolle als Hauptevent des Berliner Kunstherbstes
// KITO NEDO, BERLIN

Ursprünglich wurde die abc – art berlin contemporary – als Ergänzung zum Berliner Art Forum ins Leben gerufen. Doch seit dem Ableben der Messe im letzten Jahr ist aus dem Nebenspielplatz plötzlich die Hauptattraktion des Berliner Kunstherbstes geworden.

In diesem Jahr muss sich beweisen, ob das Format der abc hält, was es verspricht. art traf sich mit den beiden Berliner Galeristen und geschäftsführenden abc-Direktoren Guido Baudach und Alexander Schröder (Galerie Neu) in Berlin-Charlottenburg, um über Gegenwart und Zukunft der abc zu sprechen.

Herr Baudach, Herr Schröder, die diesjährige, fünfte abc hat kein Thema und keine Kuratoren – welche Effekte erhoffen Sie sich durch diese Neuerung?

Guido Baudach: Es war eine bewusste Entscheidung, diesmal auf eine Thematik und einen Kurator zu verzichten. Wir wollten das Ganze etwas offener gestalten. Die beteiligten Galerien konnten sich diesmal ohne bestimmte Vorgaben entscheiden, was sie gerne zeigen möchten. Wir haben daraufhin von niemandem eine negative Reaktion bekommen. Im Gegenteil: Diese Freiheit wurde sehr geschätzt.

Was kommt neu in diesem Jahr?

Baudach: Neu ist die Kooperation mit anderen Kunst-Plattformen – in diesem Fall dem nicht-kommerziellen Artists Space aus New York. Stefan Kalmár, der deutsche Leiter der Institution, hat sofort großes Interesse gezeigt. So bringen wir noch mal einen ganz anderen Einfluss in diese abc-Veranstaltung: erstens mehr Internationalität und zweitens eine zusätzliche, sehr inspirierende Diskursivität.

Bislang war die abc durch ihren nomadischen Charakter geprägt. Nun kehrt die Veranstaltung erneut in den ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck, die "Station" in Kreuzberg zurück. Warum werden Sie jetzt sesshaft?

Alexander Schröder: Der Ort am Gleisdreieck ist einmalig. Die Station ist sehr ausbaufähig und optimierbar – man kann da schon ein paar Jahre agieren, ohne dass es langweilig oder eingefahren wird. Durch die Ausstellungsarchitektur – diesmal mit Manuel Raeder – werden wir zeigen, dass man an diesem Ort mit sehr unterschiedlichen Präsentationsformen arbeiten kann.

Auf der abc werden 129 Galerien vertreten sein, rund die Hälfte kommt aus Berlin. Wie unterstützen Sie besonders junge Galerien?

Schröder: Der Teilnahmebeitrag ist mit rund 4 000 Euro so kalkuliert, dass sich junge wie etablierte Galerien die Teilnahme leisten können. Wenn man mit einer anderen Galerie kooperiert, läßt sich die Teilnahmegebühr auch noch reduzieren. Mit ungefähr 6 000 Quadratmeter Fläche haben wir sehr viel Platz in der Station. Wieviel Fläche ein Aussteller erhält, hängt von dessen Plänen ab. Die jungen Galerien haben also die Möglichkeit, zu einem überschaubaren Teilnehmerbeitrag ihre Künstler international zu präsentieren und das – wenn nötig – auch in großer Form. Zudem gibt es mit dem vom Artists Space kuratierten Basarbereich Überschneidungen mit der ganz jungen Kunstszene. Durch die Kooperation mit der Künstlerbuch-Messe Miss Read öffnet sich noch ein weiteres junges Forum. Künstler agieren ja nicht nur in Werken, die an die Wand müssen, sondern auch in Publikationen.

Wie verdient man als Veranstalter Geld mit einem moderaten Preis und einem architektonisch offenen Konzept?

Schröder: Alles ist haarscharf kalkuliert. Dass wir keine Messegesellschaft, sondern eine kleine mobile Einsatztruppe sind, ist zweifelsohne ein Vorteil. Wir sind sehr flexibel, und wir haben ein tolles, verlässliches Team mit dem wir seit fünf Jahren zusammenarbeiten. Wichtig ist uns, dass wir die Veranstaltung durch Eigenfinanzierung, also durch die Teilnahmebeiträge und Eintrittskosten stemmen können, auch wenn wir Drittgeldern gegenüber aufgeschlossen sind. In diesem Jahr haben wir beispielsweise versucht, in der Ausstellungsarchitektur wiederverwertbare Materialien wie Gerüstbauelemente, Ökoplatten oder Bauzäune zu nutzen, ohne am Standard Einbußen machen zu müssen.

In den letzten Jahren klagten manche abc-Teilnehmer darüber, dass nicht deutlich genug wurde, dass die gezeigte Kunst auch zu kaufen war. Wie haben Sie nachgebessert?

Schröder: Letztes Jahr wurde das Suchen und Finden vielleicht durch die mäandernde Wand forciert, was die Orientierungslosigkeit eventuell gefördert hat. In diesem Jahr werden die Präsentationen jedoch deutlicher. Es wird einfach anders kommuniziert. Die abc ist ein lukratives Verkaufsformat, ohne das Wort Messe zu groß zu schreiben. Mit dem Gestalter Manuel Raeder haben wir einen Experten für Beschilderung gewonnen. Es wird dieses Jahr kein Problem sein, die Künstler und die dazugehörigen Galerien zu finden.

Können Sie schon Konkreteres verraten?

Baudach: Uns ist wichtig, dass die Künstler bei dieser Veranstaltung im Zentrum stehen, aber auch die Galerien nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus gibt es erstmals ein VIP-Programm.

Die abc ist keine Messe, sondern ein weniger stark definiertes Messeformat – ist das die Zukunft des internationalen Kunst-Messewesens?

Baudach: Ich würde nicht sagen, dass es die Zukunft des Kunstmessewesens ist, weil die abc nicht als Messe konzipiert ist. Wie bei allen Dingen muss man auf die historische Genese der Veranstaltungen schauen: Die abc wurde aus dem Wunsch Berliner Galerien geboren, eine Alternative zu der etwas angestaubten, wenig innovativen Präsentationsform des Art Forums zu finden. Somit war es am Anfang erst einmal nur eine innovative Begleitveranstaltung. Im letzten Jahr musste diese Veranstaltung von jetzt auf gleich an die Stelle des Art Forums treten. In diesem Prozess befinden wir uns gerade. Die Frage ist: Wie entwickelt sich die abc weiter?

Sehen Sie einen Trend?

Schröder: Selbst die großen Messen wie Basel, Köln, aber auch das Art Forum, sind ja einst von Galeristen gegründet worden und haben anschließend eine Eigendynamik entwickelt. Natürlich machen alle Galerien bei internationalen Messen mit, wo teilweise eine extreme Territorialpolitik betrieben wird. Doch bei Sammlern, Galeristen und auch bei den Künstlern macht sich eine allgemeine Messemüdigkeit bemerkbar. Deshalb haben wir unter anderem damals das im Frühjahr stattfindende Gallery Weekend gegründet, um die Leute wieder zurück in die Galerien zu bringen: Von dort kommt die Kunst. Die abc ist ein Experimentierfeld, in welche Richtung es in Zukunft gehen kann. Insofern ist es auch eine Reaktion auf Sachen, die in der Luft liegen.

Die Stadt Berlin unterstützt den Berliner Kunstherbst erstmals mit einer gezielten Marketingkampagne – was können Sie sich da in Zukunft noch vorstellen?

Schröder: Es ist ein bescheidener Anfang, aber für Berlin schon ein großer Schritt. Auf einmal reden verschiedene politischen Ressorts miteinander. Man wird jetzt sehen müssen, inwiefern diese Kampagne eine größere Wirkung hervorruft. Ganz wichtig ist, dass versucht wurde, Termine zusammenzulegen. Der Senat hat hier mehr Einfluss auf jene Institutionen, die früher gerne ausgeschert sind.

Zur Berlin Art Week gehört noch eine zweite Messe in Tempelhof – die Preview. Wie ergänzen sich beide Messeformate aus ihrer Sicht?

Baudach: An der Berlin Art Week ist wichtig, das es nicht nur um abc und Preview geht, sondern dass verschiedene Institutionen ihre Kräfte bündeln. Prinzipiell sind mehrere, parallele Veranstaltungen gut. Das bereichert die ganze Angelegenheit. Ich werde gerne auch mal zur Preview gehen und bin schon sehr gespannt. Durch den gemeinsamen Deckel der Berlin Art Week gibt es zudem das Kombiticket, mit dem man alle elf teilnehmenden Veranstaltungen und Institutionen besuchen kann – inklusive BVG-Nutzung. Bisher gab es das nicht. Das ist ein Fortschritt und ein wichtiger Beitrag, den die Berliner Politik an dieser Stelle leisten kann.

Im letzten Jahr kamen 15 000 Besucher zur abc – wie definieren Sie Erfolg im Bezug auf die Veranstaltung?

Schröder: Es bleibt ein Balance-Akt. Ein diesbezüglich gutes Beispiel ist die Frieze-Messe in London. Dort werden zwar hohe Einnahmen durch den Ticketverkauf erzielt, aber es gibt auch viele Schaulustige. So sollte es natürlich nicht sein. Anderseits bringt es natürlich auch nichts, alleine dazustehen. Uns geht es darum, nationale und internationale Sammler anzuziehen und um gute Verkäufe. Gleichzeitig soll aber auch das Berliner Publikum die Möglichkeit haben, sich zu informieren. In diesem Jahr haben wir das gut gestaffelt mit dem Basar, einer Reihe von Vorträgen sowie der Kunstbuchmesse Miss Read.

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