Artnet

Ende



ÜBERNAHMESCHLACHT UM ARTNET

Artnet-Gründer Hans Neuendorf hat diese Woche überraschend das Ende des Internet-Magazins in Paris, Berlin und New York verkündet. Im Hintergrund tobt der Übernahmekampf
// BIRGIT SONNA, BERLIN

Zwei Tage nachdem bekannt wurde, dass das Online-Magazin Artnet über Nacht abgeschafft worden ist, sitzt der Schreck noch vielen im Nacken. Artnet, eines der wichtigsten unabhängigen Online-Portale für Kunst, wird sein Webmagazin in den drei Ländern Deutschland, Frankreich und den USA einstellen. "Mir blutet das Herz", sagt die deutsche Chefredakteurin Henrike von Spesshardt. Am vergangenen Dienstag stand ihr Telefon nicht still, meist tröstete sie freie Autoren, die fassungslos uninformiert über das abrupte "Aus" ihres Publikationsforums waren. Vor 16 Jahren hat der Hamburger Kunsthändler Hans Neuendorf das Online-Portal gegründet, nun sagt er, dass es den Aktionären nicht zuzumuten sei, auf Dauer eine Million Dollar Verlust pro Jahr hinzunehmen. "Ich habe sehr viel Geld und Hoffnung in dieses Projekt gesteckt, aber man muss den Realitäten ins Auge sehen. Wenn Artnet durch ein Printprodukt begleitet worden wäre, hätten sich bestimmt andere Synergien ergeben." Denkwürdigerweise fällt die Einstellung der Online-Magazine mit der Übergabe der Geschäfte an seinen Sohn Jacob Pabst zusammen: "Mein Sohn hat seit geraumer Zeit dafür votiert, dass wir die Magazine aufgeben." Pabst besitzt allerdings wenig Rückhalt im Unternehmen, nicht zuletzt weil der von ihm verantwortete Technologiebereich alles andere als elaboriert ist. So ist die Suchmaschine von Artnet mangelhaft, obwohl diese stete Lücken- und Fehlerquelle intern seit langem bekannt ist.

Nicht betroffen von der Entscheidung sind die Preisdatenbank, Galerien- und Künstlerübersichten, sowie die Auktionen von Artnet. Sie werden weiter geführt, wenn nicht sogar ausgebaut. Schließlich hat Artnet gerade in punkto Kunstnotierungen und -indizes einen mächtigen französischen Konkurrenten: Artprice besitzt die deutlich größere Datenbank. Dennoch genießt Artprice nicht die adäquate Akzeptanz innerhalb des Kunsthandels, wird etwa von Auktionshäusern und wichtigen Galerien weniger genutzt als Artnet. Deren Datenbanken seien in den marktrelevanten Segmenten schlichtweg präziser, sagen Insider. Thierry Ehrmann, Gründer und CEO von Artprice, ohrfeigte letztes Jahr in einem Interview den Hauptkonkurrenten verbal: "Wir sehen Artnet als eine Art Luxus-Host, der seine Produktionsmittel nicht selbst besitzt. Zudem hat die Gesellschaft in gewissen Ländern die Reproduktionsrechte nicht immer respektiert." Genüßlich hielt Ehrmann Artnet vor, dass sich 18 Konkurrenten in 21 Ländern die Marke "Artnet" gesichert hätten.

Die Antriebskraft für das Ende des Artnet-Magazins stammt aus einem ganz anderen Konflikt: dem Kampf um die Kontrolle des gesamten Unternehmens Artnet. Der russische Milliardär Vladimir Evtushenkov möchte die Firma von Hans Neuendorf übernehmen. Kritiker behaupten, dass Neuendorf mit der Kostensenkung durch die Schließung des Magazins die Braut noch hübsch gemacht habe, bevor er seine Anteile verkaufen wolle. Evtushenkov ist Vorstandsvorsitzender der Investmentfirma Redline, die bereits 9,07 Prozent der Anteile an Artnet besitzt. Gründer Hans Neuendorf hält 26 Prozent. Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert Sergey Skaterschikov, Vorstandsmitglied von Redline: "Redline denkt über eine Übernahme von Artnet nach." Skaterschikov sagte weiter: "Artnet braucht zusätzliches Geld. Die Firma blutet aus. Wenn sie Unterstützung brauchen, können wir sie leisten."

Auch Skaterschikov ist kein Unbekannter. Er besitzt die Kunstberatung Skate Art Investment und hat 2011 die Wiener Kunstmesse Viennafair erworben. Für dieses Jahr plant er ihre Erweiterung um ein Art Investors Forum – ein Name, der nicht von ungefähr an das Weltwirtschaftsforum Davos erinnert. Mit Vladimir Evtushenkov hat er eines der absoluten Schwergewichte der russischen Wirtschaft im Rücken. Evtushenkov besitzt über seine Investmentfirma Sistema Mehrheiten am größten russischen Mobilfunkunternehmen OAO und der Erdölifma Bashneft, sowie 49 Prozent des Ölproduzenten Russneft. "GalleristNY", die Kunstwebseite des "New York Observer", meldet: Schon 2011 habe Vladimir Evtushenkov Hans Neuendorf ein freundliches Übernahmeangebot gemacht, das dieser abgelehnt habe.

Das neue Übernahmeangebot wird unterstützt vom Krefelder Kunsthändler Rüdiger Weng, dessen ebenfalls börsennotierte Firma Weng Fine Art (WFT) 4,03 Prozent an Artnet besitzt. Weng ist langjähriger Anteilseigner und Kritiker von Artnet. Im letzten Jahr hielt er eine einstündige Rede bei der Hauptversammlung. Er sagte Bloomberg: "Artnet ist einfach ein schlecht gemanagtes Unternehmen. Wir haben Druck ausgeübt. Hans Neuendorf ist als CEO zurückgetreteten, jetzt braucht die Firma ein professionelles Management."

Die Nachricht von der Aufgabe der Magazine hatte überdies sofortige Auswirkung auf dem Aktienmarkt, der Kurs von Artnet legte zu, die Aktie schloss bei 6,29 Euro. Seit Anfang des Jahres hat Artnet um 54 Prozent zugelegt, währenddessen verlor Artprice mächtig: um 50 Prozent, meldet Bloomberg. Anfang der Woche sah es so aus, als ob die für den 11. Juli geplante Hauptversammlung der Showdown werden würde. Doch die Artnet AG sagte den Termin am Dienstag ab, er finde wahrscheinlich am 8. August statt.

Dass Neuendorf so hektisch die Abschaffung der Magazine beschlossen hat, kam vor allem für die New Yorker überraschend. Schließlich zog das Büro dort erst vor kurzem in neue, eigens von einem Interior-Designer ausgestattete Räume im Woolworth-Building um. Panik habe er bekommen, glauben Insider, dass ihm finanziell die Felle davonschwimmen würden. Bekannt ist, dass Neuendorf samt Familie – er hat fünf Kinder – auf ziemlich großem Fuß lebt. By the way: Der Patenonkel von Neuendorfs Sohn Jacob ist Karl Lagerfeld. In einem Artikel des "Spiegel" von Anfang Juni wird David Zwirner zitiert, dass Neuendorf sich eine Villa für 9200 Euro pro Monat gemietet habe und seine Frau regelmäßig zum Friseur nach Paris geflogen sei. Könnte sein, dass Neuendorf nun sein Erbe regeln und den Kindern ein entsprechend luxuriöses Auskommen sichern will. Peinlich für den "Spiegel": In dem vor genau einem Monat erschienenen ausführlichen Porträt haben sie das größte Drama verpasst – den Kampf des Gründers um seine Firma.

Thomas Eller war von 2004 bis 2008 Chefredakteur von Artnet und sagt heute: "Das Kunstmagazin auf Artnet Deutschland war mein Baby." Eller sieht Alternativen zur Schließung: "Anstatt sich nun das Gesicht wegzuschneiden, hätte man endlich Einsparpotenziale im operativen Geschäft realisieren müssen." Und weiter: "Man könnte die Aufgabe des Magazins auch als 'Marketingmaßnahme' sehen. Auf jeden Fall war es vertrauensbildend, ein kritisches Kunstmagazin zu haben, das klar machte, dass Kunst nicht nur Ware ist." Die Klickzahlen pro Monat konnten sich jedenfalls sehen lassen, während das US Magazin zwischen 700 000 und 1 Million Pageviews und das deutsche Magazin zwischen 230 000 und 270 000 Pageviews pro Monat verzeichnete, kam die französische auf 40 000 und 60 000 Pageviews. Das Layout ließ mit seinem ewig verstaubten beigefarbenem Fonds schwer zu wünschen übrig, allerdings war ein Relaunch für September geplant. Und die fehlende Unternehmenskommunikation wurde seit langem nicht nur von einem Konkurrenten wie Thierry Ehrmann bemängelt.

Offenbar schert sich Neuendorf nicht darum, was aus seinen langjährigen Mitarbeitern wird. Auch in Deutschland seien die Magazinredakteure frei, also jederzeit zu entlassen, behauptet er in einem Telefongespräch mit art. Da zumindest irrt der Ex-CEO mit seiner amerikanischen Hire-und-Fire-Mentalität. Beim deutschen Arbeitsrecht dürfte es ein Wunder sein, wenn die Chefredakteurin und andere seit Jahren für Artnet arbeitende Redakteure von heute auf morgen zu kündigen wären.

In New York hat der Chefredakteur Walter Robinson bereits vorsichtshalber in seinem Nachruf auf das Magazin eine Art ironisches Stellengesuch einfließen lassen. Auch Artnet-Autor Charlie Finch schrieb in seiner letzten Kolumne: "Nichts ist für immer, aber es ist sehr schade, dass Artnet Magazin ausgerechnet zu einem Zeitpunkt eingestellt wird, wo es inhaltsreicher und leuchtender denn je ist. Ich habe 15 Jahre mit Walter Robinson zusammengearbeitet. Alles, was über ihn geschrieben wird, stimmt: Er ist ein Gentleman, die Kunstwelt liebt ihn, er ist ein brillanter Maler, der beste Redakteur seiner Generation und er wird wieder auf die Füße fallen."

Der Flurschaden des Endes von Artnet für die Kunstwelt ist beträchtlich und hätte mit etwas unternehmerischer Weitsicht und einem besseren Marketing vermieden werden können. Bis zuletzt verfügte Artnet nicht einmal über einen Anzeigenverkäufer. Als Hoffnung nicht nur für die Urheber bleibt, dass die Artnet-Artikel und auch zahlreichen Fotografien in einem Archiv online erhalten werden – dies zumindest hat Neuendorf zugesichert.

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6 Leserkommentare vorhanden

Karl May

18:32

28 / 06 / 12 // 

Scheinheilig oder naiv?

Wer vermisst denn bitteschön das Artnet-Magazin, aus dem Freifrau von Spesshardt eine Plattform für Homestories und redaktionelle Werbung gemacht hat? Und woher kommen diese Insider-Informationen, z.B. über Pabsts Standiing im Unternehmen? Da wird doch nicht etwa jemand mit jemandem befreundet sein?

Old Shatterhand

20:29

28 / 06 / 12 // 

genau! außerdem ein super Überblick darüber, um was es bei der Kunst wirklich geht

nicht etwa um das, was Künstler/innen machen, sondern, was der Markt damit machen kann. Blanke Gier!

P.Immel

20:30

28 / 06 / 12 // 

ich werde den Mist nicht vermissen!

Weg damit!

artprince

09:20

29 / 06 / 12 // 

Wieso unbedingt ein Kunstmagazin?

Es gibt doch genug Möglichkeiten über Kunst unabhängig zu disktuieren und seine Meinung in Foren und Blogs oder einem entsprechenden sozialen Netzwerk zu teilen. Hierbei wird Kunst doch auch als kulturelles Gut gesehen und nicht zwangsläufig als Ware... Ich denke dass artnet dringend einen "relaunch" seines gesamten Managements benötigt!

BOBBI

11:50

29 / 06 / 12 // 

Toll,

und wo guck ich jetzt Vernissage-Fotos? Muss ich selber hin oder waS?

Artlover

16:54

06 / 05 / 13 // 

Artnet Zukunftsstragegie?

Ich habe gehört, dass der Übernahmekampf noch nicht vorbei ist. Da das online Auktionshaus Auctionata derzeit ziemlich viel neues Geld einsammelt, sollen wohl Plattformen wir grandartclub und my-artmap.com für den Ausbau von artnet akquiriert werden!? Hat jemand was ähnliches gehört?

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