Picasso-Keramiken

London

Vorsicht, die Vase!
Auktion mit Picasso-Keramiken am 25. Juni 2012 in London (Courtesy Christie's)

VORSICHT, DIE VASE!

In London kamen in den vergangenen Tagen Keramiken von Pablo Picasso zur Versteigerung. Den ersten Auktionstag prägten solvente Autogrammjäger, am zweiten kamen die Händler zum Zug.
// HANS PIETSCH, LONDON

Pablo Picasso und Vallauris werden oft in einem Atemzug genannt. Im Juli 1946 besuchte der Spanier das südfranzösische Dorf zum ersten Mal. Sein Ziel: Madoura, die idyllisch gelegene Töpfereiwerkstatt von Suzanne und Georges Ramié. So angetan war er von dem Prozess, Ton zu einem Gefäß zu formen, dass er sich sofort selbst daran machte, drei Gefäße herstellte und sie bemalte.

Im folgenden Jahr kehrte er zurück, um die nun gebrannten Stücke zu begutachten. Ihm gefiel, was er sah, und in den nächsten 25 Jahren, bis zu seinem Tod 1973, kam er regelmäßig nach Madoura, um dort zu arbeiten. Eine Ecke in der Werkstatt wurde für ihn freigemacht, die dortigen Töpfer, unter ihnen seine zweite Frau Jacqueline Roche, weihten ihn in die unterschiedlichen Techniken des Formens, Glasierens und Brennens ein, über die Jahre entstand ein erstaunliches keramisches Oeuvre.

Vor einiger Zeit schloss Madoura seine Tore für immer und Sohn Alain Ramié, der Verfasser des catalogue raisonnée von Picassos Keramik, entschloss sich zum Verkauf. Eine Woche brauchten die Spezialisten von Christie's, um die mehr als 500 Einzelstücke für den Transport zu verpacken, und India Phillips vom Auktionshaus schwärmt über die einmalige Gelegenheit, "ganz frisch auf den Markt kommende Arbeiten" versteigern zu können.



  Video von der Versteigerung bei Christie´s (Courtesy Christie´s)

Vieles, was von Picassos Keramik auf dem Markt erscheint, ist von zweifelhafter Provenienz. Da konnte man hier beruhigt sein: Jedes Stück, das von den Regalen in Vallauris nach London gebracht wurde, war mit Sicherheit Teil einer vom Meister autorisierten limitierten Edition, manchmal mit nur 25 Exemplaren, dann wieder 100 oder gar 300. Dass Jussi Pylkkänen am ersten Tag den Hammer schwang, zeigt die Bedeutung, die das Haus der Sammlung und der Auktion beimaß. Der Präsident von Christie's Europa steht normalerweise den Prestige-Versteigerungen vor, bei denen er mit Millionen jongliert. Hier musste er sich mit wenigen Tausend pro Los zufriedengeben. Er tat es mit Elan und der bei ihm üblichen Leichtigkeit. Bis dann Los 39 aufgerufen wurde, die erste der drei sogenannten "Grands Vases". Das Toplos mit dem Titel "Grand Vase aux Femmes Voilées" ist knapp 70 Zentimeter hoch und mit ockerfarbenen verschleierten Frauen bemalt. Schätzwert: 70 bis 100 000 Pfund (79 bis 110 000 Euro). Im Nu kletterte der Preis in stratosphärische Höhen, und nach wenigen Minuten hektischen Bietens wurde die 1950 gebrannte Vase einem Telefonbieter für 620 000 Pfund (750 000 Euro) zugeschlagen, das ist mehr als das Doppelte des bisherigen Rekords für eine Keramik von Picasso. Auch die beiden anderen Exemplare waren hart umkämpft, ihr Preis hielt sich mit 280 000 und 220 000 Pfund (348 000 und 273 000 Euro) jedoch noch einigermaßen in Grenzen.

Am ersten Tag wurden alle eingelieferten Lose verkauft, und nahezu alle erzielten mehr als ihren oberen Schätzwert, viele das Dreifache und mehr. Picasso- und Keramik-Experten waren sich einig: Da wurde viel zu viel Geld ausgegeben. Autogrammjäger, wenn man so will, die eine Trophäe ergattern wollten. Selbst Fotos des Meisters bei der Arbeit in der Werkstatt von Edward Quinn erzielten verrückte Preise. Erstaunlich auch die große Zahl weiblicher Bieter im Saal, man mag das auslegen, wie man will. Die wahren Kenner vertrösteten sich auf den zweiten Tag: da werde es ruhiger zugehen, und gegen Ende der Auktion werde man sich vielleicht sogar ein Schnäppchen unter den Nagel reißen können.

Sie hatten recht: am zweiten Tag wurde etwas realistischer geboten, die Händler kamen zum Zug, sie müssen ja auf ihren Profit beim Weiterverkauf achten. Von den insgesamt 543 Losen gingen während der 13 Stunden keines zurück, und die erwarteten 2,6 Millionen Pfund Gesamterlös, die schon am ersten Auktionstag auf 5,1 Millionen Pfund angeschwollen waren, kletterten nach dem zweiten Tag auf 8 Millionen Pfund (10 Millionen Euro). Kein schlechtes Ergebnis für Alain Ramié und seinen Hort.

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