43. Art Basel

Kunstmesse

Keine gute Zeit für Experimente
Besucher am Stand von Gagosian vor einem Bild von Takashi Murakami (Foto: EPA/Georgios Kefalas)

KEINE GUTE ZEIT FÜR EXPERIMENTE

Die 43. Auflage der Art Basel bestätigt den Rang der Messe als wichtigster Handelsplatz für die Kunst seit der klassischen Moderne. Die Händler präsentieren sichere Werte, die dem Bedürfnis nach Sicherheit in Zeiten der Krise entsprechen.
// GERHARD MACK, BASEL

Es sollte nicht so werden wie in den vergangenen Jahren. Da standen kurz nach der Eröffnung der Preview zur Art Basel tausende Besucher in den Gängen, die Galeristen hatten kaum Zeit für Fragen, renommierte Sammler fühlten sich schlecht behandelt.

Journalisten konnten nur mit Mühe besichtigen, über was sie schreiben wollten. Also staffelte die Messeleitung dieses Jahr den Zutritt. Es gab First Choice Karten für besondere VIPs um elf Uhr und für normale VIPs um 15 Uhr. Die Preview dauerte zwei Tage, die Vernissage fürs große Publikum fand erst am Mittwochabend statt. Wer nun dachte, die Happy Few seien unter sich gewesen, erlebte am Dienstagvormittag eine kleine Überraschung. Kurz vor elf Uhr drängten sich die globalen Art Lover in strömendem Regen vorm Eingang. Statt die Halle zu öffnen, waren Barrieren aufgestellt, gegen die die Menschen drückten wie die Fans in der Stehkurve beim Fußballspiel. In der Messe sah es dann schnell so aus wie in den letzten Jahren. Die Zahl der VIP-VIPs hatte sich wundersam vermehrt, die Gänge waren voll. Als am Nachmittag die Normal-VIPs dazukamen, konnte man kaum noch gehen. Kunst hat wirklich die Massen erreicht. Politiker, die sie immer noch für eine elitäre Angelegenheit halten, sollten zur Art Basel kommen.

Manche glaubten, die Messeleitung wollte es mit dieser Regelung den großsammlern und Prominenten ermöglichen, ihre Käufe nicht vor laufenden Kameras tätigen zu müssen. Nicht jeder liest gerne, wofür er ein paar Millionen ausgegeben hat. Das sei Unsinn, ist auch der Chefetage zu hören. "Die Staffelung des Zugangs wird von anderen Messen längst praktiziert", sagt Co-Direktor Marc Spiegler. "Durch unser Zählsystem wissen wir, dass rund 2000 Besucher weniger in den Gängen waren. Fast alle Händler, mit denen wir gesprochen haben, schätzten es, mehr Zeit für Gespräche zu haben", ergänzt seine Co-Direktorin Annette Schönholzer.

Celebrities kamen dann eher auf Werken vor: Leonardo di Caprio auf einem Ölbild von Richard Philipps, die Queen und ihr Herzog auf einem offiziellen Foto von Thomas Struth. Real waren davon auffallend wenige zu sehen. Kein Brad Pitt, kein Silvester Stallone, kein Roman Abramowitsch. Immerhin wanderte Günter Netzer mit seiner Frau durch die Kojen. Jetzt, wo er nicht mehr Fußball kommentiert, hat er Zeit fürs Schöne. Aber sonst waren vor allem die Kunstprofessionals unterwegs. Künstler von Douglas Gordon bis Gilberto Zorio. Die Chefs der großen Museen wie Richard Armstrong von der Guggenheim Foundation in New York und Nicholas Serota von der Tate Gallery in London. Und natürlich sehr viele der bekannten Sammler: Peter Brant, Nicolas Berggruen und Christian Boros, Michael und Susan Hort. Die Rubells aus Miami kauften am Montag bei der Liste, der führenden Alternativmesse der Art, und am Dienstag auf der Art. Im Sektor für allerjüngste Kunst, den Art Statements, hatte es ihnen eine große Installation von Simon Denny angetan. Der Neuseeländer hat neben dem deutschen Bildhauer und Installationskünstler Karsten Födinger einen der beiden Baloise Kunstpreise gewonnen, die von einer Jury aus den 27 Präsentationen der Art Statements ausgewählt wurden. Nach dem Kauf gab es ein Familienfoto mit dem Künstler.

Aber nicht nur die Rubells, viele Sammler hatten trotz des schwierigen Zugangs gute Laune. Wenn man den Galeristen glaubt, wurde informiert gefragt und überlegt gekauft. Bei Bischofberger gingen gleich in der ersten Stunde drei große Gemälde von Miguel Barcelo weg. Hektik gab es trotzdem nicht. Die Verkäufe gingen eher stetig vonstatten. Man kam wieder, reservierte, bestätigte per Mail. Und auch die Herkunft der Käufer gab kaum zu Überraschungen Anlass. Die meisten kamen aus Europa und Amerika. Fernost ist ein Markt für die Zukunft, den die Art Basel mit ihrem Engagement in Hong Kong ab nächstem Jahr mit aufbauen will.

Für Aufsehen sorgten diesmal keine Promis, sondern eine Performance. Vor der New Yorker Sean Kelly Gallery standen die Besucher im ohnehin dicht gefüllten Gang Schlange. Der Zugang ist von einem nackten Paar flankiert. Wer rein will, muss zwischen den Nackten hindurchgehen. Alle passen auf, dass sie die beiden nicht berühren. Maximale Körperlosigkeit bei größtmöglicher Körperpräsenz. Marina Abramovic hat die Performance "Imponderabilia" schon 1977 realisiert und 2010 wiederholt. Dass sie jetzt noch einmal von Tänzern re-inszeniert wird, ist vielleicht als Hinweis auf die Mammut-Aufführung "The Life and Death of Marina Abramovic" gedacht, welche die Serbin mit Robert Wilson erarbeitet hat. Unter Anleitung des berühmten Regisseurs spielt sie während der Kunstmesse im Theater Basel Szenen aus ihrem Leben.

Vielleicht ist diese Performance am Messestand von Sean Kelly aber auch ein Hinweis darauf, dass derzeit selbst bei experimentelleren Formen wie der Performance nicht die allerbeste Zeit für Experimente ist. Wenn überall von Krise gesprochen wird, erwartet man wenigstens von der Kunst Sicherheit. Wer viel Geld hinlegt, will das Gefühl haben, dass er es in ein paar Jahren zurückbekommt, wenn er es für andere Investitionen braucht. Und dieses Gefühl dürfen die Sammler bei dieser 43. Ausgabe der Art Basel haben.

Alle sind sie gekommen. Gerd Harry Lybke hat zwei große Gemälde von Neo Rauch und allerlei Ambitiöses von Carsten Nicolai mitgebracht und palavert so gelassen, als wäre er letztes Jahr von der Messe nicht ausgeschlossen gewesen. Bei Hauser & Wirth beugt sich eine nackte Frau unter der Last eines riesigen Astbündels nach hinten. Ron Mueck hat sie bereits 2008 ersonnen. Ugo Rondinone hat für Eva Presenhuber einen riesigen Stand bei der Art Unlimited mit Bronze-Vögeln gefüllt. Einsamer und vertrauter kann man sich kaum fühlen wie zwischen ihnen.

Das Niveau ist wie bei dieser Messe gewohnt auf hohem Niveau. Die Präsentation großformatiger Skulpturen und Installationen auf der Art Unlimited wirkt gediegen. Der neue Kurator Janni Jetzer vom Swiss Institute in New York hat auf ein wildes Brustklopfen verzichtet und die bewährte Tradition aufgegriffen. Im klassischen Ausstellungssektor der Galerien auf den beiden Stockwerken der Rundhalle überwiegen bekannte Namen und die traditionellen Medien. Wer kann, bietet Malerei. Viele Bilder sind von optimistischer Buntheit oder minimalistischer Klarheit. große Skulpturen dienen als Eyecatcher am Eingang zu den Ständen. Was dahinter steht, ist meistens deutlich kleiner.

Wohnzimmertauglich, also beweglich, sollen die Formate sein. Daran ändert auch ein James Rosenquist nichts, dessen Bilder sich bei Richard L. Feigen aus New York über zwei Wände ziehen. Und wenn jemand kürzlich eine große Ausstellung hatte, hilft das sicher beim Verkauf: John Chamberlain wurde im New Yorker Guggenheim Museum gefeiert, Gerhard Richter ist auf Europa-Tournee. Beide sind an vielen Ständen zu sehen. Von Richter bietet Pace ein abstraktes Rakelbild von 1986 für 25 Millionen Dollar an, das man vom Sammler übernommen hat. Für andere, noch weniger bekannte Künstler wie Etel Adnan bei Sfeir-Semler und Llyn Foulkes bei Andrea Rosen nutzen die Galeristen den Rückenwind der Documenta, die sie fürs große Publikum hervorgehoben hat.

Bei Marlborough Fine Arts braucht man diese Unterstützung nicht. Da stehen keine Nackten sondern Wachbeamte am Eingang zum Stand. Denn dahinter hängt das wohl teuerste Kunstwerk dieser Messe. Ein weich in Orange, Gelb und Pink schimmernder Rothko soll 78 Millionen Dollar kosten und hatte gleich in den ersten Preview-Stunden für die Top-VIPs mindestens zwei Angebote, eines aus Südamerika, eines vom Nahen Osten. "Wir warten auf den Anruf" für die Bestätigung des Kaufs, hieß es bei der Galerie. Seither hält man sich bedeckt.

Noch so ein monumentaler Auftritt, wenn auch ohne die großen Zahlen: Bei Hans Mayer aus Düsseldorf, dem Doyen unter den Messeteilnehmern, liegt in einem eigens inszenierten Entree zum Stand ein Steinkreuz mit gleich langen Armen aus blaugrauem Belgisch Granit. Joseph Beuys hatte es 1971/72 für die Familie eines befreundeten Sammlers geschaffen, dann lag es lange bei einem Gartenarchitekten im Gras, wie der Händler berichtet. Für Beuys zählte die Form zu seinen zentralen Gestaltungsprinzipien. Er verstand sie als Symbol wissenschaftlicher Orientierung und als Ermahnung zur Veränderung. Jetzt fordert das Kreuz bei der Messe Besinnung auf Inhalt ein. Ein Ankerstein für eine Kunst, die Zeichen nicht nur als formalistisches Spiel versteht, sondern als Mittel, um Gegenwart zu begreifen.

Bei so vielen Werken, so vielen Positionen, so vielen berühmten Namen bleibt die Besinnung auf der Strecke. Mehr als 2500 Künstler des 20. Und 21. Jahrhunderts zeigen bei über 300 Galerien aus 36 Ländern Werke. Das ist noch mehr als in den Jahren zuvor ein globales Treffen der Klassenbesten. Und dann die Verehrung fürs Höhere dieser ausgewählten Kunst. Hans-Peter Feldmann hat das auf den Punkt gebracht: Bei Massimo Minini zeigt er einen Klappaltar, der mit Kunstpostkarten gefüllt ist. Die Champions League der abendländischen Kunst ist mit Nadeln aufs Holz gepinnt. Und doch sehen wir kaum mehr als ein buntes Mosaik aus zahllosen Werken. Selbst die kecken Pin-Ups, die Francis Picabia nach Postkarten malte, die einmal unterm Ladentisch gehandelt wurden, fallen nicht wirklich auf.

Wer Frivoles sucht, ist dagegen bei der "Galerie 1900 – 2000" richtig. Aus Paris natürlich. Da hat man nicht nur allerlei Mehrdeutiges der Surrealisten auf ein weißes Kunstfell von Sylvie Fleury gehängt. Es geht noch um einiges gröber: Philippe Jusforgues hat einem älteren Herrn auf einem Schwarz-Weiß-Bild die Nahaufnahme einer Doppelpenetration in den Kopf montiert. Laufen wir Männer wirklich so durch die Messe? Immer auf der Jagd nach irgendeinem verpixelten Sexsternchen von Thomas Ruff und immer enttäuscht, weil jetzt alle Händler seine grandiosen Marsbilder zeigen, die er nach NASA-Aufnahmen des roten Planeten gemacht hat?

Einer sicher nicht: Udo Kittelmann legt sich ein paar Kojen weiter gerade mit seinem St. Galler Kollegen Roland Wäspe an. Maria Nordmann hat zum Jubiläum der Gallus-Stadt dort einen Bohrkern aus der Erde schneiden lassen und wieder versenkt. In ferner Zukunft soll er durch Erosion wieder frei gelegt werden. Jetzt liegt ein Bronzeabguss davon auf einem Podest als Kunstobjekt. Geht das? Passt das ins strenge Konzept der strengen Künstlerin? Wir wissen es auch nach der anregenden Diskussion zwischen den beiden Museumschefs nicht, die vor ein paar Jahren zusammen die Sammlung Ricke angekauft haben. Eine amerikanische Besucherin bilanzierte im Vorübergehen knapp: "Sometimes he can be a pain in the ass." Man kennt den vifen Kunstbeweger aus Berlin also auch jenseits des Atlantiks in all seiner Dynamik. Mehr kann man als deutscher Museumsdirektor in den Staaten kaum erreichen. Das ist bestes Stadtmarketing für Berlin.

Soviel Coolness konnte nur Larry Gargosian überbieten. Der New Yorker mit Galerien in einem Dutzend Städten rund um den Globus stand wie ein Napoleon in seinem Stand. Die Mitarbeiterin stöckelten an den strategischen Punkten auf der Stelle. Er selbst stützte den Fuss lässig auf eine Glasbox mit Kuhkopf von Damien Hirst und schaute mit Eisaugen zu, wie Besucher sich beeilten, die Hundert-Franken-Scheine aufzuheben, die einem jungen Aficionado aus der Tasche gefallen waren. Das ist kein Fall für einen Galeristen seiner Preisklasse. Zumindest reicht es nicht für Jeff Koons' buntes "Celebration"-Bild, das 5,5 Millionen Dollar kosten soll. Damit ist bei dieser Messe aber auch sonst kein großer Kauf zu machen. Wer sich aber damit begnügt, Kunst anzuschauen, kann für ein Tagesticket von 40 Franken auf Entdeckungsreise gehen. Die beste Kunstmesse der Welt hält ein reichhaltiges Angebot bereit.

43. Art Basel

Die Art Basel ist fürs Publikum von Donnerstag bis Sonntag, täglich von 11 bis 19 Uhr, geöffnet.

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3 Leserkommentare vorhanden

anonym

19:18

15 / 06 / 12 // 

gianni

nicht "janni" jetzer....

xxx

12:02

18 / 06 / 12 // 

hohe qualität

was bedeutet das...craftsmanship, innovation? rondinones vögel hätte auch ein behindertenheim erbasteln können.

no thanks

09:52

19 / 06 / 12 // 

catch my eye

Nix dabei, was mich auch nur im Entferntesten irgendwie berühren oder vgar verzaubern würde, aber dafür wohl einiges an "dummer" Kunst. Dann kauft euch mal eure dekorativen "eyecatcher", ihr "VIPs".

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