Frieze

New York

Würstchen für das eine Prozent
Anish Kapoor: "Untitled", 2010, (links) und Ai Weiwei: "Moon Chest", 2008, Lisson Gallery (Foto: Linda Nylind / Courtesy Frieze)

WÜRSTCHEN FÜR DAS EINE PROZENT

Claudia Bodin, die New Yorker Korrespondentin von art, zieht Bilanz der ersten Ausgabe der Kunstmesse Frieze an der Ostküste
// CLAUDIA BODIN, FRIEZE

Holland Cotter von der New York Times verglich das schneeweiße Frieze-Zelt mit einer Stretch-Limousine. Was die Größe des in die Länge gezogenen temporären Messebaus betrifft, lag er richtig. Doch ansonsten hielt sich der aus London stammende Messe-Import so weit wie möglich vom amerikanischen Corporate-Stil fern.

Statt grauer Teppichböden, gleichförmiger Kojen-Boxen in endlosen Gängen, in denen sich die Kunst verliert, führten die beiden Frieze-Organisatoren Amanda Sharp und Matthew Slotover vor, wie man eine stimmige Verkaufsshow organisiert: Das Design des Messezeltes überzeugte in seiner Schlichtheit, das Licht war perfekt, die Messestände mit Kosten von bis zu 84 000 Dollar boten reichlich Raum für individuelle Installationen. Sogar über das Essen konnte sich niemand beschweren. Selbst die Ausstellungsbeschilderung, die auf Pappkartons gedruckt worden war, sah gut aus.

Und auch die Sorge, dass zu wenig Sammler und Kunstbegeisterte sich die Mühe machen würden, sich auf die Reise nach Randall's Island zu begeben, das sich auf der Höhe von Harlem auf der East Side von Manhattan befindet, stellte sich als unbegründet heraus. Trotz gelegentlich langer Wartezeiten schipperten die Gäste mit dem Wassertaxi zur Insel oder bestiegen die alles andere als komfortablen Schulbusse in Harlem, die sie zur Frieze beförderten. Um dann leider bereits am Nachmittag zu erfahren, dass die Eintrittstickets ausverkauft waren – obwohl sich das Zelt niemals nur annährend überfüllt anfühlte. Frieze New York war auch am vierten und fünften Messetag noch ausreichend gut besucht. Man hatte versucht, die zur Auktionswoche für zeitgenössische Kunst angereisten Sammler mitzunehmen. Kunst im Wert von zwei Milliarden Dollar war in diesen Tagen für die Messen, Auktionen und von den Galerien nach New York gebracht worden, rechnete "Art Newspaper" vor. Doch die Sammler schienen lieber die Stimmung bei den Versteigerungen abwarten zu wollen. Am ersten Auktionsabend kamen bei Christie's Arbeiten im Rekordwert von 388,5 Millionen Dollar unter den Hammer, 14 neue Rekorde für Künstler wurden erzielt. Die entspannte Atmosphäre im Frieze-Zelt schien jedoch eher zum Schaufensterbummel und Kaffeetrinken als zum Einkaufen anzuregen.

Die meisten Verkäufe fanden am Eröffnungstag statt, als sich die Galerien von der lokalen Front mit Erfolgsmeldungen überschlugen: Larry Gagosian, der sich sonst gern vom New Yorker Messegeschehen fern hält und sich auch auf der Frieze nicht persönlich blicken ließ, hatte am ersten Tag alle sechs Arbeiten von Rudolf Stingel für jeweils 450 000 Dollar verkauft. Andrea Rosen meldete so gut wie ausverkauft. David Zwirner, der seinen Messestand den Minimalisten widmete, hatte Arbeiten im Wert von 2,1 Millionen Dollar verkauft. Bei Cheim & Read waren Arbeiten von Jenny Holzer mit Preisen von bis zu 150 000 Dollar begehrt. Bei Metro Pictures fand Robert Longos Amerika-Flagge für 425 000 Dollar am ersten Tag einen Abnehmer. Hauser & Wirth machte hervorragende Geschäfte mit Paul McCarthy. Während Gavin Brown seinen Freund, den Schauspieler Mark Ruffalo, eingeladen hatte, um bei einer Art Reichen-Speisung kostenlose Würstchen zu verteilen. "Ich bin hier, um das eine Prozent zu füttern", so Ruffalo.

Viele der kleineren oder mittelgroßen Galerien berichteten jedoch von mäßigen Geschäften. Wer die Kosten eingeholt hatte, schätzte sich glücklich. Insofern ist Frieze New York keine durchgehende Erfolgsstory, aber ein außergewöhnlicher Auftakt. Die Skulpturen im Park, die Pizza aus dem Holzofen und der strahlend weiße Zelthimmel ließen einen sogar den Blick auf die deprimierende Anstalt für psychisch Kranke auf Randall´s Island vergessen. Ob Frieze die alte Tante Armory auf den Piers auf der West Side aus dem Rennen schlagen kann, bleibt abzuwarten. Die Frage ist, ob man es sich leisten kann, Frieze nicht mitzumachen, meinte ein deutscher Galerist. Vielleicht wird es auch einfach darauf hinauslaufen, dass sich die etablierten, wichtigen Galerien auf der New-York-Ausgabe der Londoner Erfolgsmesse präsentieren. Während sich die heimische Konkurrenz künftig mit der zweiten und dritten Liga begnügen muss. Der neue Armory-Direktor Noah Horowitz und Armory-Gründer Paul Morris schritten jedenfalls am Eröffnungstag das luftige Zelt der Konkurrenz ab. Anregungen für Verbesserungen dürften sie reichlich gefunden haben. Galeristen beklagen sich seit langem über den Messe-Großbetrieb mit dem Charme eines Gemischtwarenladens.

Auch ein weiterer Neuzugang, die NADA, die sich zum ersten Mal in der achtjährigen Geschichte der Messe, mit 60 Galerien aus elf Ländern in New York präsentierte, legte keinen schlechten Start hin. Die NADA-Mannschaft hatte das ehemalige DIA-Gebäude im Galerienviertel von Chelsea übernommen, in dem sich bereits die beliebte Independent-Messe etabliert hat. Die Karten werden also im nächsten Jahr auf ein Neues gemischt. Und der Wahnsinn für die Galeristen, sich nicht nur in ihren eigenen Häusern, sondern mehrmals im Jahr in Verkaufsbuden der Welt präsentieren zu müssen, geht in die nächste Runde. Vielleicht hat es der britische Künstler David Shrigley am Messestand von Anton Kern am besten zusammengefasst. Dort hing ein handgeschriebenes Schild von Shrigley. Je nachdem von welcher Seite man sich näherte, stand dort: "Es läuft sehr schlecht. Es ist ein schreckliches Desaster." Oder: "Es läuft alles sehr gut. Überhaupt keine Probleme."

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