Frieze Art Fair 2012

New York



REIF FÜR DIE INSEL

Der New Yorker Auftritt der Londoner Kunstmesse Frieze überzeugt zur Eröffnung mit einem Großaufgebot internationaler Galerien und einer ungewöhnlichen Location. Mit dem importiertem Gespür für Eventcharakter und Besucherservice könnte sie der tradionsreichen Armory-Messe schnell den Rang ablaufen.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Frieze ist bekanntlicherweise ein Exportschlager aus London. Aber zum Auftakt konnte man meinen, dass es sich um eine deutsche Veranstaltung handelt. Als Hauptsponsor ist die Deutsche Bank an Bord. BMW chauffiert die VIP-Gäste durch die Stadt. VW reiste an, um die von Klaus Biesenbach im MoMA-Ableger PS1 veranstaltete Frieze-Eröffnungsparty für einen Auftritt zu nutzen, bei dem man obendrein von einer Kraftwerk-Sound- und Video-Installation empfangen wurde.

Zumindest ließ das trübe Wetter am Eröffnungstag an London denken. Den ungewöhnlichen Standort auf Randall's Island, eine Insel im East River auf der Höhe von Harlem, die selbst viele New Yorker nicht einmal kennen und auf der sich Parkanlagen und eine gigantische psychiatrische Anstalt befinden, hatte Messe-Chefin Amanda Sharp bewusst gewählt. Ihre Messe soll sich deutlich von der 1994 gestarteten Verkaufsshow Armory auf den uncharmanten Piers auf der West Side absetzen, die sich für Galeristen und auch Gäste in den letzten Jahren wie harte Arbeit, anstatt Vergnügen anfühlte. So bestiegen die Besucher der Preview gelbe Schulbusse oder das Wasser-Taxi, um bei der 20-minütigen Überfahrt nach Randall's Island das hektische Manhattan hinter sich zu lassen.

Es handelt ein mutiges Konzept. Doch Amanda Sharp und ihr Partner Matthew Skotover mixten die richtigen Zutaten für eine gelungene Messe zusammen. Frieze, so eine New Yorker Galeristin, hat alles, was die Armory nicht bietet: gutes Essen, hervorragenden Kaffee, ein großzügiges Layout mit individuellen Messeständen sowie zahlreichen VIP-Räumen, Restaurants und Cafés, die die Gäste zum Verweilen einladen, großen Fensterfronten und einen Zugang zum Park, so dass man sich nicht in der Kunstblase gefangen fühlt. Ebenfalls hervorragend ist das Aufgebot an Galerien, darunter die großen Namen der Branche. 180 sind es insgesamt, davon stammen 60 aus den USA, 28 aus England und 24 aus Deutschland.

"Too Big to Fail"

"Das Licht stimmt, die Stimmung ist gut. Das ganze ist ein Abenteuer", meinte der New Yorker Kunsthändler Anton Kern, der kurz nach der Eröffnung Gemeinschaftsarbeiten der beiden Künstler Mark Grotjahn und Jonas Wood mit Preisen von 15 000 bis 50 000 Dollar verkauft hatte. Die Sammler sind happy, befand Susanne Vielmetter, die den LA-Künstler Steve Roden mitgebracht hatte. Bei einer gelungenen Messe-Inszenierung wie dieser müsse sich auch die Londoner Frieze-Ausgabe anstrengen, urteilte Judy Lybke von Eigen + Art. "Wir waren zunächst ein wenig nervös, was den Standort betrifft. Weiter von Chelsea kann man kaum entfernt sein", erzählte Janelle Reiring von Metro Pictures. "Aber das Zelt fühlt sich großartig an." Reiring hatte eine frühe Collage-Arbeit mit Schwarzweiß-Porträts von Cindy Sherman für 950 000 Dollar im Angebot, die bereits in den ersten Stunden an einen Sammler ging.

Gagosian zeigte mit eleganter Geste sechs angestaubte, Dekadenz verströmende Arbeiten des in Südtirol geborenen Künstlers Rudolf Stingel – sie waren innerhalb der ersten Stunde verkauft. Bei Sprüth Magers warnte Barbara Kruger "Too Big to Fail" (Preis: 200 000 Dollar) und kippte das Wort "Fail", was für fehlschlagen oder auch Bankrott gehen steht, auf den Kopf. Der Stand von Hauser Wirth wurde von einem von Paul McCarthys Zwergen in knallblauer Farbe dominiert (Preis: 950 000 Dollar). Während der Schweizer Christoph Büchel zwei Obdachlosen ihre Einkaufswagen samt Hab und Gut abkauft hatte, um sie zur Kunst zu erklären und zum hundertfachen Preis anzubieten. White Cube aus London hatte wie zu erwarten Damien Hirst dabei ("I Want You Too" für vier Millionen Dollar) und am ersten Tag Arbeiten von Tracey Emin für Preise von bis zu 105 000 Dollar und eine Arbeit von Antony Gormley für 485 000 Dollar verkauft. Gerüchten zufolge hatte die White-Cube-Mannschaft am Abend zuvor bis tief in die Nacht gearbeitet und saß kurzfristig auf der Insel fest, auf die sich kein New Yorker Taxifahrer verirrt. So dass man in den öffentlichen Bus in Harlem steigen musste, um in sein Hotel zu kommen.

Die Rechnung geht auf

Sharp und Slotover sind seit 2003 im Kunstmessegeschäft und haben immer wieder betont, dass sie ein breites Publikum bedienen wollen. Was bedeutet, dass sie eine kommerzielle Verkaufsshow, ein Community-Center für die internationale Kunstgemeinde und Entertainment für Kunstbegeisterte unter ihrem weißen Zelt vereinigen müssen. Die Rechnung geht bei der ersten Frieze-Ausgabe auf. Neben Blue-Chip-Werken und Kunststars gab es Wieder-Entdeckungen wie Lutz Bacher aus LA bei Alex Zachary und Peter Currie oder den unermüdlichen Archivierer Ben Kinmont bei Air de Paris. Und auch die Unterhaltung kam nicht zu kurz. Die US-Künstlerin Liz Cohen hat in fast zehnjähriger Arbeit einen Berliner Trabi in ein Muscle-Car verwandelt, das sie bei Salon 94 vorführte. Darren Bader lieferte nicht nur Kunst, sondern auch Snacks und füllte ein Waldhorn mit Guacamole. Bei der Galerie des New Yorker Kunsthändlers Gavin Brown gab Rirkit Tiravanija mit einer Wurst-Installation das Protest-Thema vor. Kunsthändler Brown brutzelte gemeinsam mit Filmstar Mark Ruffalo Würstchen, um sie an die Besucher zu verteilen. "Alle drei von uns haben Häuser in Upstate New York, wo nach Schiefergas gebohrt werden soll", erklärte Rirkit Tiravanija. Die Wurst-Aktion sei als Protest gegen die katastrophalen Auswirkungen der Bohrungen auf die Umwelt gedacht. "Ganz im Sinne von Dieter Roths Literaturwürsten, in denen er Bücher oder andere Schriften, die er nicht mochte, verarbeitete."

Am frühen Abend der Preview lichteten sich die Gänge im Messezelt erstaunlich schnell. Sammler wie Mera Rubell, Alberto Mugrabi oder Rosa de la Cruz, Künstler wie Chuck Close, Tracey Emin und Cecily Brown, MoMA-Direktor Glenn Lowry und Hans Ulrich Obrist hatten sich längst wieder auf in Richtung Manhattan gemacht. Es handelte sich um einen gelungenen Start. Aber die bange Frage hing in der Luft, wer in den kommenden Tagen die Reise nach Randall's Island antreten wird – und ob sich Sammler vielleicht auch für einen zweiten Besuch auf zur Insel machen würden.

Lesen Sie zu Beginn der kommenden Woche unsere ausführliche Kritik zum kompletten Messegeschehen auf art-magazin.de"

Frieze Art Fair 2012

4. bis 7. Mai 2012 auf Randall's Island in Manhattan, New York

http://friezenewyork.com

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3 Leserkommentare vorhanden

Papiertiger

19:00

04 / 05 / 12 // 

geht es noch um kunst?

"Es handelt ein mutiges Konzept. Doch Amanda Sharp und ihr Partner Matthew Skotover mixten die richtigen Zutaten für eine gelungene Messe zusammen. Frieze, so eine New Yorker Galeristin, hat alles, was die Armory nicht bietet: gutes Essen, hervorragenden Kaffee, ein großzügiges Layout mit individuellen Messeständen sowie zahlreichen VIP-Räumen, Restaurants und Cafés, die die Gäste zum Verweilen einladen, großen Fensterfronten und einen Zugang zum Park, so dass man sich nicht in der Kunstblase gefangen fühlt." So ein dummes Geblubber der Lohnschreiberin von art.

antiart was the start

14:57

05 / 05 / 12 // 

esprit

Kaum zu glauben, dass bildende Kunst noch vor kurzem als aufregendes Universum galt, das immer neue junge und alte Menschen in seinen Bann zog. Heute: Routine, inszenierte Schrillheit, Mumien und Zombies. Diese Veranstaltung klingt so "interessant" wie ein Sommerfest der SPD oder das Jahrestreffen der deutschen Metallwarenindustrie, sorry. Irgendwie ist die Luft wohl raus.

habitus

19:39

05 / 05 / 12 // 

die kunst des rotierens

hier geht es weniger um kunst... wohl mehr ums rotieren nach rotary art.

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