Frühjahrsauktionen

New York

Ein Supermarkt für Trophäen
Auktionator Tobias Meyer bei der Versteigerung des "Schreis", Höhepunkt des "Impressionist Evening Auction Sale" (Foto: Sotheby's)

EIN SUPERMARKT FÜR TROPHÄEN

Der Verkauf von Edvard Munchs "Der Schrei" ist die große Sensation bei den Frühjahrsauktionen in New York – er bleibt aber der einzige neue Rekord
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Die Chancen, dass Edvards Munchs berühmter "Schrei" zwischen 150 und 200 Millionen Dollar einbringen würde, liegen hoch, hatte Carol Vogel, die Auktions-Reporterin der "New York Times", vorgerechnet: 3 zu 1. Die Chance, über 106 Millionen Dollar zu gelangenund damit zum teuersten Kunstwerk aufzusteigen, das jemals bei einer Auktion unter den Hammer kam, lag noch höher: 3 zu 2.

Die Zahlen lieferte der britische Buchmacher Ladbrokes, bei dem die wetteifrigen Kunden auch darauf setzten, ob ein Russe, ein Asiate, ein Europäer oder ein Amerikaner den Zuschlag erhalten wird. Kunst interessiert die Ladbrokes-Wettgemeinde sonst reichlich wenig. Aber wenn eines der weltweit bekanntesten Bilder, das man sonst von Kaffeetassen oder Einkaufstaschen kennt, auf den Mark kommt, macht man schon mal eine Ausnahme. Der derzeitige Rekord, der vor zwei Jahren bei der Konkurrenz Christie’s für Picassos "Nackte, Grüne Blätter und Büste" erzielt wurde, liegt bei von 106,5 Millionen Dollar.

Und so war der Auktionssaal bei Sotheby’s noch ein wenig voller als sonst. Draußen vor der Tür warteten Fernsehreporter. Die Kunstspediteure, die seit August 2011 bessere Verträge von Sotheby’s fordern und seitdem keine Arbeit haben, demonstrierten wieder vor der Tür. Doch ansonsten liefen die Geschäfte wie gehabt. Zwölf Minuten dauerte es, bis Los Nummer 20, "Der Schrei", für 119,9 Millionen Dollar unter den Hammer kam. Bei 40 Millionen Dollar startete Chefauktionator Tobias Meyer das Bietgefecht. Bei 70 Millionen, als nur noch zwei Telefonanbieter um das Werk buhlten, fing Sammler Jose Mugrabi wohlwollend an, vor sich hinzunicken. Bei 91 Millionen Dollar kam das Gefecht kurzfristig ins Stocken. Bei 99 Millionen motivierte Meyer einen der beiden Bieter, der zögerlich geworden war, mit den Worten: "Bei 99 Millionen haben sie alle Zeit dieser Welt." Als schließlich der Hammer fiel und der Auktionator den neuen Weltrekord verkündete, gab es Applaus. "Der Schrei" hatte mehr Geld eingefahren, als die Konkurrenz Christie’s am gesamten Vorabend.

Insgesamt brachte es Sotheby’s auf 330,5 Millionen Dollar. Allerdings sollte Munch der einzige Rekord dieses Abends bleiben, und viele Gäste wie Kunstberaterin Kim Heirston verließen den Saal kurz nachdem die Sensation vom Tisch war. "Ein außerordentliches Ergebnis für ein Kunstwerk, das so viele Menschen auf der Welt berührt", sagte Heirston. Constantin Brancusis bronzener "Prometheus" von 1911 verkaufte sich für 12,7 Millionen Dollar, Picassos "Femme Assise Dans un Fauteuil" für 29,2 Millionen Dollar und Salvador Dalís "Printemps nécrophilique" von 1936 für 16,3 Millionen Dollar.

In dieser ersten Auktionswoche war viel Qualitätsware im Angebot, denn der Nachlass aus wichtigen Sammlungen wird versteigert. Christie’s vergleichsweise bescheidenes Gesamtergebnis lag bei 117 Millionen Dollar. Es war dennoch solide, 28 der 31 angebotenen Werke wurden verkauft. Immerhin 21 lagen über der magischen Ein-Millionen-Dollar-Grenze. Die abendliche Auktion wurde nicht wie in den Jahren zuvor von dem beliebten Veteranen Christopher Burge geleitet, sondern von Christie’s Europa-Chef Jussi Pylkkänen. Picasso war wie so häufig der Star des Abends und gleich fünf Mal unter den zehn Toplosen vertreten. Angeführt von dem zärtlichen Porträt von Picassos Geliebter Marie-Thérèse Walter in "Le Repos (Marie-Thérèse Walter)" von 1932, das für 9,8 Millionen Dollar den Besitzer wechselte und gefolgt von den beiden Nackten in "Deux Nus Couches" von 1968 für 8,8 Millionen Dollar. Die teuersten Werke waren ein Aquarell von Cézannes Kartenspieler ("Jouneur de Cartes, von 1892 bis 1896), das für 19,1 Millionen Dollar unter den Hammer kam. Und "Les Piviones" von Henri Matisse, das ebenfalls 19,1 Millionen Dollar erzielte.

Es wurde wieder bestätigt, dass neue Sammler aus Asien, Russland oder dem Mittleren Osten mit tiefen Taschen und der Bereitschaft, Rekordpreise für Trophäen zu zahlen, den Markt erobert haben. Tobias Meyer von Sotheby’s nennt diesen neuen Geschäftszweig, einen "Super-Markt für globale Ikonen". Wer auch immer die 1985 von Munch gefertigte "Schrei"-Komposition mit nach Hause nimmt, wird das Werk in einen Hochsicherheitstrakt hängen und eine kostspielige Versicherung abschließen müssen. Schließlich wurden zwei der anderen drei Versionen, die sich in Museen in Norwegen befinden, bereits zwei Mal gestohlen – und wieder aufgespürt.

Der Verkäufer von "Der Schrei", der norwegische Geschäftsmann Petter Olsen, will mit Verkauf des Meisterwerkes eine Munch-Museum auf seinem Landsitz am Oslo-Fjord eröffnen und Munchs Wohnhaus und Studio herrichten lassen. Dass der Verkauf umstritten ist, weil der ursprüngliche Besitzer das Werk auf der Flucht vor den Nazis im Exil aus Not veräußern musste, interessierte hier in New Yorker niemanden weiter. Olsen verlas im Anschluss an die Auktion eine Erklärung, in der er die Botschaft von "Der Schrei" in die heutige Welt trug und vor Erderwärmung und Umweltverschmutzung warnte: "Für mich zeigt das Bild den erschreckenden Moment auf, in dem der Mensch realisiert, welche Auswirkungen er auf die Natur hat und welche unumkehrbaren Veränderungen er ausgelöst hat, die den Planeten zunehmend unbewohnbar machen."

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1 Leserkommentar vorhanden

roman libbertz

22:45

03 / 05 / 12 // 

das mit munch

war durch das presseballyhoo doch dazu verdammt

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