Munch-Versteigerung

New York



REKORDPREIS VOR DEM ERSTEN GEBOT

Das einzige in Privatbesitz befindliche Unikat von Edvard Munchs "Der Schrei" (1895) wird versteigert. Die Taxe liegt bei 80 Millionen Dollar – die höchste Summe, auf die es jemals ein Werk im Vorfeld einer Auktion gebracht hat. Wie wurde das Bild so bekannt und teuer? Und wo gibt es noch einen preiswerteren echten Munch? Antworten von art-Korrespondent Clemens Bomsdorf.
// CLEMENS BOMSDORF, KOPENHAGEN

60 Millionen? 80 Millionen? 100? 120? 200? 250? Dollar? Euro? Heute Nacht wissen wir es, wissen, ob die Pastell-Version von Edvard Munchs "Der Schrei" die Taxe erreicht, überschreitet oder vielleicht gar darüber hinaus das teuerste Bild der Erde wird.

Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa wollte Versteigerer Thomas Meyer von Sotheby's nicht spekulieren, was für ein Preisniveau erreicht werden könnte. Schließlich handelt es sich um ein einmaliges Bild, das jeder kennt. Motiv und Historie sind absolut einmalig und jedem bekannt oder vielleicht sogar nachempfindbar. Da werden besonders hohe Liebhaberpreise erzielt und eine Vorhersage ist quasi unmöglich.

Motiv und Geschichte von "Der Schrei" stehen für ganz persönliche Ängste ebenso wie für das Grauen zweier Weltkriege. Als das Motiv um die vorvergangene Jahrhundertwende von Munch erstmals gemalt wurde, war noch nicht zu spüren, dass in den kommenden Jahrzehnten zwei Weltkriege mit ungekanntem Horror bevorstehen. "Erst durch die Grausamkeiten des 1. und 2. Weltkrieges ist 'Der Schrei' mit seinem Ausdruck der Angst zur Ikone geworden", sagt der Kunsthistoriker und Munch-Experte Dieter Buchhart.

Er kennt noch einen Grund, warum die Preise für Munch zu den anderen Spitzenwerken der klassischen Moderne aufgestiegen sind. "In der jüngsten Vergangenheit hat der zweimalige Raub des Schreis dazu beigetragen, das Gemälde noch berühmter zu machen", so der Kurator, der unter anderem die großen Munch-Ausstellungen in Basel und Paris kuratiert hat. Spätestens als die Bilder des Diebstahls von "Madonna" und "Schrei" aus dem Munch-Museum im August 2004 um die Welt gingen, ist der "Schrei" zu einem der berühmtesten Bilder aller Zeiten aufgestiegen. Dementsprechend wird heute der Preis ausfallen, nur eine handvoll Bieter kommen in Frage. Mehrmals wurde das Königshaus von Katar als potenzieller Käufer genannt. Die Nachfahren des Vorbesitzers Hugo Simon allerdings finden den Verkauf nicht gut, weil das Bild in einer Notsituation – Simon, ein linker Jude, befand sich im Exil – an die Olsen-Familie verkauft worden sei. Juristisch aber sei an dem Verkauf nichts zu beanstanden, so Simon-Großenkel Rafael Cardoso zur Zeitung "Die Welt".

Doch selbst in Zeiten dieses Munch-Hypes gibt es noch Möglichkeiten, für erheblich weniger Geld ein Original des wohl bekanntesten nordeuropäischen Malers zu erwerben. In Munchs Heimat Oslo veranstaltet gleich zwei kleinere Auktionshäuser Munch-Auktionen. Grev Wedels Plass lädt im November Bieter ein – eine Angebotsliste ist ein halbes Jahr vorher natürlich noch nicht verfügbar. Konkurrent Blomqvist hingegen bietet schon kurz nach der großen New Yorker Auktion Munchs zu bescheideneren Preisen an. Am 15. Mai werden 13 grafische Arbeiten und ein Aquarell angeboten – die Schätzpreise reichen von 8000 bis 1,5 Millionen Kronen. Das entspricht 10 000 bis 200 000 Euro – selbst letzteres sind nur rund drei Tausendstel der Taxe des "Schreis", der heute in New York versteigert wird.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo