Gallery Weekend

Berlin



"CATTELAN GETROFFEN. ES GEHT LOS!"

Ein Aufgebot wie selten zuvor. Die 51 teilnehmenden Galerien sorgen bereits im Vorfeld für Besucheraufläufe – ein Ausblick auf das Berliner Gallery Weekend von art-Korrespondentin Birgit Sonna
// BIRGIT SONNA, BERLIN

Zum Bersten voll ist das Programm des an diesem Wochenende zum 8. Mal stattfindenden Berliner Gallery Weekend. Und wie nie zuvor kommt es an den neuralgischen Kunstpunkten der Stadt bereits vorzeitig zu regelrechten Besucheraufläufen. Kein Wunder, die zeitlich parallel angesetzte Berlin Biennale verstärkt den Run auf die Eröffnungen. Mit 51 teilnehmenden Galerien dürfte die erfolgsverwöhnte Erfindung der Berliner Topgaleristen zum konzertierten Start in die Frühjahrsaison aber auch das Ende der Fahnenstange erreicht haben.

Die unzähligen Trittbrettfahrer und Kontrastveranstaltungen bestätigen letztlich nur die Akzeptanz der spektakulären Parade. Vor zwei Tagen bemerkte ein Galerist: "Gerade Maurizio Cattelan und die Rubells in der Auguststraße getroffen. Es geht los!" Nun, heute Abend geht es definitiv los. Am besten stürzt man sich unerschrocken in das Getümmel und das massive Aufgebot an wirklich exzellente Ausstellungen und nimmt auch unvermeidliche Reibungsverluste hin. Hier eine Orientierungshilfe über die Highlights.

Beginnen wir mit den potenzierten Auftritten an mehreren Schauplätzen. Thomas Zipp hat in langen Tag- und Nachtschichten eine seinen halluzinogenen Eingebungen gemäße Hüttenarchitektur gezimmert. An Guido Baudachs beiden Galeriestandorten in Wedding und Charlottenburg baut er damit die begehbare Achse einer dörflichen Ansiedlung auf. Der walisische Konzeptkünstler Cerith Wyn Evans ist unter anderem mit rotierenden Topfpflanzen, Neonleuchtschriften und elektronischen Sphärenklängen bei Galerie Buchholz, Galerie Neu und im Schinkel-Pavillon vertreten. Abhilfe gegen Kargheitsgelübde dieser Art verschafft Rirkrit Tiravanija in seiner Hommage an Dieter Roths Literaturwürste. Im zentralen Ausstellungsraum bei Neugerriemschneider hängen essbare Würste, die der Künstler nach einem traditionellen thailändischen Rezept im Laufe des Gallery Weekends selbst herstellen will. Teils dient geschreddertes Papier mit Auszügen der formaligen Verfassung Thailands als Fleischersatz und politischer Ballaststoff.

Rotierende Topfpflanzen und politischer Ballaststoff

Sein deutsches Comeback gelingt als polemischer Politkommentar zum lautstarken, expansiven Selbstverständnis der USA: Robert Longo hat bei Capitain Petzel eine theatralische Installation alias "Peepshow amerikanischer Pornografie" mit überdimensionaler amerikanischer Flagge, Zeichnungen, Fotos und einer Lese-Performance zu Moby Dick eingerichtet. Einen farbigen Kontrapunkt zu dieser doppelbödigen Schwarz-Weiß-Darstellung bilden die auftrumpfenden Gemälde des amerikanischen Titanen Julian Schnabel bei Contemporary Fine Arts. Malerei der etwas anderen, diffizileren oder gar poetischeren Art versprechen die Ausstellungen von Lari Pittman (Gerhardsen Gerner), Monika Baer (Barbara Weiss) und Armin Boehm (Meyer Riegger).

Einer der jetzt bereits unbestreitbaren Höhepunkte des Gallery Weekends ist die Installation des letztjährigen Turner-Preisträgers Martin Boyce in der Johnen Galerie: "In Praise of the Shadows" (Im Lob der Schatten) ist ein auch lichtmäßig fein austariertes visuelles Gedicht aus Lochblechlampen im Asia-Stil und Lesetisch mit melancholischen Anspielungen auf Art Déco. Parallel wartet Johnen mit der Entdeckung des rumänischen Zeichners Stefan Bertalan auf. John M. Armleder überzieht die Galerie Mehdi Chouakri dazu mit Balken und einem Meer von Punkten, bietet dazu für nicht ganz Schwindelfreie eine dreidimensionale Sehhilfe in Form einer skulpturalen Rutsche an. Bei Sprüth Magers ist neben Jenny Holzer und Robert Elfgen der auch im Hamburger Bahnhof mit einer Soloschau präsentierte Lichtbildhauer Anthony McCall vertreten. Dominique Gonzalez-Foerster relauncht geschickt eine 2008 für die Turbinenhalle der Tate Modern erstellte fiktionale Arbeit und bereichert die Installation bei Esther Schipper durch einen in der Tate mit Kindern gedrehten, traumverlorenen Film.

Virtuos verkitschte Gemälde und "Pissing Nazis"

Jüngeren Galerien wurde dieses Jahr von den Platzhirschen unter den Galeristen ein prozentualer Nachlass an der Teilnahmegebühr gewährt, so dass sie ohne größere finanzielle Risiken an dem Event teilnehmen können. Die Auffrischungskur steht dem Gallery Weekend gut, wie Katerina Sedá bei Arriata Beer und Yael Davids bei Circus beweisen. Kow Berlin, letzte Woche auf der Art Cologne mit einem Förderpreis ausgezeichnet, kann sich durch eine Soloausstellung von Alice Creischer weiter glänzend positionieren. Außerhalb des offiziellen Programms zu empfehlen ist die lang versprochene Eröffnung der Galerie Blain Southern in der gigantischen Halle des ehemaligen "Tagessspiegel"-Geländes mit virtuos verkitschten Gemälden sowie Skupturen des Berliner Künstlers Jonas Burgert. Und Andreas Mühe, gerade rasant in der Kunstwelt aufsteigender Fotograf, offeriert bei Dittrich & Schlechtriem seine pikanten am Obersalzberg in Szene gesetzten "Pissing Nazis". Wer die zwangsläufigen Besichtigungslücken im über das gesamte Wochenende zu erforschenden Galeriennetzwerk schnell schließen will: Erstmals ist das Gallery Weekend auch virtuell im Internet als 3D-Welt zu durchwandern.

Gallery Weekend Berlin

27. bis 29 April 2012 in 51 Galerien in Berlin

http://www.gallery-weeekend-berlin.de

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