Art Cologne

Rundgang

Aufstieg in der Marktlücke
Besucher auf dem Stand der Galerie Hauser & Wirth (Foto: Art Cologne)

AUFSTIEG IN DER MARKTLÜCKE

Souverän übernimmt die Art Cologne nach Jahren des Berlin-Hypes die Marktführerschaft unter den deutschen Messen.
// UTE THON, KÖLN

Plötzlich ist sie wieder da. Die Art Cologne strotzt auf einmal wieder vor Selbstbewusstsein. Zur Vernissage fließt Champagner, namhafte Sammler schieben sich durch die Kojen, New Yorker Galeristen laden zum VIP-Dinner an den Neumarkt, und Köln fühlt sich für ein paar Tage wieder wie der Nabel der Kunstwelt.

Julia Stoschek herzt Ingvild Goetz, Stedelijk-Kuratorin Anne Goldstein und ihr Künstlergatte Christopher Williams sind angereist, Vielflieger-Sammler Don und Mera Rubell erzählen von ihrem ersten Besuch in Köln vor 30 Jahren, Philipp Kaiser, der künftige Chef des Museum Ludwig, ist aus Los Angeles eingeflogen, und Freifrau von Kö, Düsseldorfs berühmteste Drag Queen, zwinkert ihm mit ihren goldenen Wimpern zu.

Dabei hatte das Image der ältesten Kunstmesse Europas in den letzten Jahren schwer gelitten. Berlin hatte im Coolness-Wettbewerb dem Rheinland den Rang des spannendsten Kunststandorts abgelaufen, die Galerien waren scharenweise in die Hauptstadt abgewandert und wollten selbst zum traditionellen Messetermin nicht mehr zurückkommen. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. So profitiert die Art Cologne nach Jahren des Hypes jetzt von einer latenten Berlin-Überdrüssigkeit – und von der Marktlücke, die durch die überraschende Absage der Berliner Messe Art Forum im letzten Jahr entstanden ist.

Damit ist die Art Cologne jetzt wieder die Nummer eins unter den Kunstmessen in Deutschland. Und Messechef Daniel Hug kann selbstbewusst verkünden, sein nächstes Ziel sei nun, "die wichtigste Kunstmesse in Europa" zu werden – eine Kampfansage an die Art Basel. Noch ist es nicht soweit, aber was die Teilnehmerliste angeht, ist er mit Galerien wie Hauser & Wirth, Thaddaeus Ropac, Klosterfelde, Carlier/Gebauer und Neu seinem Ziel ein kleines Stück näher gekommen. Der vielleicht wichtigste Heimkehrer ist David Zwirner. Der New Yorker Galerist, gebürtiger Kölner, Sohn des einflussreichen Kunsthändlers und Art Cologne-Mitbegründers Rudolf Zwirner, hat seine Karriere in Amerika gemacht und zeigte der Art Cologne lange die kalte Schulter. Jetzt präsentiert er in seiner prominent platzierten Koje Weltklassekünstler wie Dan Flavin, Fred Sandback, Hanne Darboven und Joseph Beuys. Ein großes Bild von Neo Rauch bleibt am ersten Tag noch unverkauft. Aber die Stimmung sei sehr gut, sagt Zwirner. Der amerikanische Großsammler Michael Hort war schon am Stand und Barbara und Axel Haubrok und Christian Boros auch. Verkauft hätte er bereits ein frühes Bild von Georg Baselitz für drei Millionen Dollar, eine Skulptur von Isa Genzken für 250 000 Euro und drei Arbeiten von Michael Riedel für je 50 000 Euro.

Auch schräg gegenüber am Stand von Hauser & Wirth hat man sich etwas Besonderes für Köln einfallen lassen. Die Galerie mit Standorten in Zürich, London und New York hat eine ausladende Assemblage-Arbeit von Phyllida Barlow mitgebracht, der gerade neu entdeckten britischen Bildhauerin, die auch in Kasper Königs Abschiedsausstellung "Vor dem Gesetz" im Museum Ludwig zwei große Räume bespielt. Außerdem zeigt Hauser & Wirth eine monumentale Arbeit von Dieter Roth: Der farbbeschmierte Fussboden seines Ateliers in Island steht zu zwei gigantischen Tafelbildern aufgebockt im Atrium. Vor dem Eingang hat die "White Cube Gallery Novosibirsk" ihre Türen geöffnet. Die mobile Blechhütte auf der Ladefläche eines sowjetischen LKWs ist die Erfindung des Wiener Aktionskünstlers Lukas Pusch, der mit dem Gefährt Wanderausstellungen in Sibirien organisiert und das "erste Zentrum für Gegenwartskunst Sibiriens" gegründet hat (art 2/2012). Jetzt ist der kuriosen Kunst-Truck zur Skulptur geworden – und Pusch und sein sibirischer Künstlerkollege Konstantin Skotnikov zum inoffiziellen Begrüßungskommitee der Art Cologne.

Bei Eigen+Art begrüßt eine Bronzeskulptur von Neo Rauch die Messebesucher. Die über zwei Meter hohe "Jägerin" mit goldener Eule auf der Schulter und Schrumpfköpfen vor der Brust mag für Rauch-Fans erst mal gewöhnungsbedürftig sein. Doch Galerist Judy Lybke hat schon einige Stücke aus dem neuen plastischen Werk des Leipziger Künslters an den Mann gebracht. Seinem Medium treu geblieben ist dagegen Eigen+Art-Künstler Martin Eder. Er fotografiert und malt immer noch gern nackte Mädchen, diesmal jedoch welche mit ziemlich dicken Hintern und Pickeln auf der Haut. Ansonsten halten die Kojen der rund 200 teilnehmenden Galerien wenig Provokationen bereit. Unter den Ausstellern hat sich offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Sammler keine Schockeffekte suchen, sondern gut durchdachte und gern auch gut gemachte Kunst. Bei Karsten Greve sind alle Arbeiten aus kunstvoll zerschnittenen Büchern der schottischen Künstlerin Georgia Russell zu Preisen zwischen 10 000 und 20 000 Euro am ersten Tag verkauft. Bei Leo Koenig begeistern sich die Besucher für täuschend echte Nachbildungen von Unkraut – handbemalten Bronzeskulpturen des US-Künstlers Tony Matelli für 10 000 bis 16 000 Euro.

Für die jüngeren, frischeren Positionen soll diesmal eine ganz neue Sektion namens NADA sorgen. Daniel Hug hat den Open Space-Bereich, in dem früher Einzelpräsentationen ohne enges Kojensystem gezeigt wurden, abgeschafft. Dafür hat er die New Yorker Galerien- und Messeinitiative New Art Dealers Association (NADA) eingeladen, den Platz mit Galerien aus ihrem Netzwerk zu bespielen. So kommen auf die Art Cologne plötzlich blutjunge Händler wie die Power Galerie aus Hamburg, die blutig-komische Aquarelle über die britischen Kolonialkriege von Andrew Gilbert zeigt. Oder die Brennan & Griffin Gallery, die erst vor zwei Jahren in New York eröffnet hat und jetzt in Köln hyperrealistische Holzskulpturen des kanadischen Bildhauers Paul Cherwick zeigt. Sein Molotow-Cocktail schleudernder nackter Mann wartete trotz moderatem Preis von 8000 Euro am Eröffnungstag noch auf einen Käufer. Die 33 Gastkojen der NADA wirken wie eine Satellitenmesse mitten in der Hauptmesse. Ein cleverer Schachzug von Hug, denn so internationalisiert und verjüngt er die Ausstellerliste und hält doch die Kontrolle über das Off-Geschehen am Messerand. Ob die Zusammenarbeit mit NADA ein fester Bestandteil der Art Cologne bleibt, ist noch nicht entschieden.

Wer sich für klassische Werte interessiert, streift ohnehin eher durch die untere Messehalle. Hier, in der Abteilung für Klassische Moderne, pocht trotz aller Verjüngungsstrategien immer noch das wahre Herz der Art Cologne. Durch die radikale Verschlankung der Messe hat Hug das Profil dieser Sektion noch geschärft. Die Händler bringen Spitzenware mit und präsentieren sie auch entsprechend. Am Stand von Salis & Vertes kann man neben Bildern von Calder, Poliakoff und Klee auch eine wunderbare Gouache von Lazlo Moholy-Nagy (dem Großvater von Daniel Hug) erwerben. Die geometrische Studie mit Kreisen, Trapezen vor schwarzer Fläche von 1946 soll 225 000 Euro kosten, eine Assemblage von Max Ernst mit Mickymaus-Figur 325 000 Euro. Die Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth wiederum präsentiert in ihrer Koje eine museumsreife Ausstellung zu Otto Dix‘ frühen Jahren in Düsseldorf 1920 bis 1925. Rund um ein wieder entdecktes Aquarell des expressionistischen Malers aus der Sammlung seines Schwagers Dr. Koch ("Nächtens", 1923) zeigt die Galerie rund 40 Zeichnungen, Grafiken und Fotos aus Dix’ Düsseldorfer Jahren. Alles in Jahren detektivisch-obzessiver Arbeit zusammengetragen, katalogisiert und kunsthistorisch aufbereitet. Auf die Frage, ob man mit so einer hoch speziellen Einzelpräsentation auch gut verkauft, hört man von Herbert Remmert den verblüffenden Satz: "Ach wissen Sie, man muss auch nicht immer alles verkaufen." Spätestens da zeigt sich, dass eine Messe mehr bieten kann als den schrillbunten Gemischtwarenladen oder den schnellen Millionen-Deal. Die Art Cologne scheint auf dem richtigen Weg.

Art Cologne

Die 46. Ausgabe der ältesten Kunstmesse der Welt ist noch bis 22. April geöffnet

http://www.artcologne.de

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1 Leserkommentar vorhanden

f. scholl

11:34

21 / 04 / 12 // 

dem logo

würde ein re-design nicht schaden

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